Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 40 (3.10.1906)
- Date
- 1906-10-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316227--48593-3343528- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
derung des Präsidenten des Aktions-Komitees, den Nationalfonds auf der Basis eine Trust Deed zu begründen. Es fand daraufhin eine Besprechung der vom engeren Aktions-Komitee neuerdings eingesetzten Nationalfonds-Kommission, welcher nunmehr auch Bentwich und Dr. J. Marmorek angehörten, in Brüssel bei Gelegenheit der dortigen Konferenz statt. Da Mr. Bentwich die Behauptung aufstellte, die Einrichtung der „Trust Deed" entspreche der deutschen Stiftung und sei für die Zwecke des Nationalfonds statthaft, so beschloß das Aktions- Komitee, diese Frage einer erneuten Prüfung zu unterziehen und wenn eine „Trust Deed" nach englischem Recht zulässig sei, diesem Plan den Vorzug zu geben. Es wurde hiernach eine nochmalige Meinungsäußerung des Herrn Armitstead im Mai 1906 herbeigeführt, welcher zu dem Schluß kam, daß die Zwecke des Nationalfonds, wie sie der sechste Kongreß festgesetzt habe, wahrscheinlich nicht als wohltätig erachtet würden und demnach eine „Trust Deed" mit dem Rechte der Beständigkeit nicht zulässig sei. Demgegenüber hielt es Herr Bentwich in seiner Meinungsäußerung vom 17. Mai 1906 für möglich, die Zwecke des Nationalfonds, wie sie vom sechsten Kongreß festgesetzt worden waren, einzuschränken und hiernach trotz dieser Bedenken eine „Trust Deed" zu schaffen. Da die Nationalfonds-Kommission bei dem Widerspruch der Ansichten die Verantwortung nicht tragen wollte, einen entscheidenden Entschluß in dieser wichtigen Frage zu fassen, so wurden zwei weitere Sachverständige, von denen einer u. a. von Herrn Bentwich vorgeschlagen worden war, um ihre Meinung hierüber befragt. Hierbei muß bemerkt werden, daß der eine dieser Sachverständigen, Mr. Parker, eine anerkannte Autorität auf dem Gebiete des Gesellschaftsrechtes ist, währenddem Mr. Warmingston ein ebensolches Ansehen bezüglich der internationalen Rechtsfragen genießt. Bevor ich mich nun dem Gutachten der beiden Sachverständigen zuwende, muß ich noch folgendes bemerken: Eine „Trust Deed" ist an und für sich keine Stiftung und hat mit einer solchen auch keinerlei Ähnlichkeit, sondern ist einfach ein Vertrag, wonach ein Vermögen gewissen Personen zu treuen Händen anvertraut und von diesen verwaltet wird. Diese Trust-Gesellschaften haben sogar einen großen Einfluß im geschäftlichen Verkehr und sind zum Teil Handelsgesellschaften von gewaltiger kapitalistischer Bedeutung. Ich erinnere an den amerikanischen Steel Trust, an die Eisenbahn-Trusts, Schiffahrts- und Kohlen-Trusts jeder Art. Auch die jüdische Kolonial-Bank ist nichts anderes als eine Trust-Gesellschaft. Ein solcher Trust hat jedoch nach dem englischen Gesetz über Beständigkeiten nur die Dauer des Längstlebenden der eingesetzten Trusts und noch 21 Jahre darüber hinaus. Wenn jedoch die Zwecke des Trusts als wohltätige nach englischem Recht erachtet werden, so gilt eine solche Gesellschaft als für ewige Dauer begründet. In diesem Falle hat ein solcher „Trust" eine große Ähnlichkeit mit der deutschrechtlichen Stiftung. Nach englischem Recht können jedoch Stiftungen in jeder beliebigen Gesellschaftsform gegründet werden, und ich erinnere nur daran, daß das große Unternehmen des Barons Hirsch in der Form einer Aktiengesellschaft begründet wurde. Es dient also zur Verschleierung der wirklichen Sachlage, wenn Herr Bentwich mit seinem Vorschlage in dem Sinne operiert, als ob er gegenüber dem Vorschlag der Nationalfonds-Kommission das Prinzip der Stiftung vertrete, währenddem mein Plan die Begründung auf der Basis einer Handelsgesellschaft zur Voraussetzung habe. Bentwich zitiert also auch zu Unrecht meine früheren Äußerungen zugunsten einer deutschrechtlichen Stiftung gegen meinen Vorschlag. (Schluß folgt.) Aus meinem Notizbuch Nach „Kol-Nidre" — pardon! nach „Kol-Sythre" (wie es hier in Köln umgearbeitet worden ist) — brachte man mir die Kunde, daß Patzanow in Polen abgebrannt worden ist. Ein sonniges Eckchen von Kinderidylle, ein sprichwörtliches Nestchen provinzialer Naivetät. Der polnische Bühnendichter Fredro verewigte den Patzanower „Pan Rejent", der Volkswitz weidet sich an den Patzanowern „Pan Burmistrz" — aber das Schwarze Hundert kennt keine Spässe: es steckt Brand, weil Juden dort wohnen. Ich war noch ganz in „Kol-Sythre''-Stimmung, zerknirscht und verwirrt, und konnte anfangs nicht recht verstehen, warum man mir über einen Patzanowbrand berichtet. Erst nach einigem Nachdenken orientierte ich mich: ein Pogrombrand. Also sind wir beim Kapitel: Pogrombrände angelangt. Auf die von Blutdunst und Verbrechen jeder Art durchzitterte, nachtdunkle Verworfenheit der Gräuel fällt ein Streiflicht vom Brande. Was nicht zerschossen werden kann, wird verbrannt. Ein Siedice kann man nicht überall machen: das Libausche Regiment kann doch nicht überall hin. Und in letzter Linie kommt es doch eigentlich nur darauf an, zu zerstören. Durch Feuer und Schwert — wie Sienkiewicz sein Epos benannte. Der häufige Wechsel der Schauplätze und die große Zahl der Handelnden setzt jetzt für einen Pogrom-Chroniker geo- und biographische Kenntnisse voraus, die eine ganze Geographische Gesellschaft und eine Redaktion einer biographischen Enzyklopädie in Verlegenheit bringen dürften. Tag für Tag haben wir mit Pogroms zu rechnen und wenn die Brände beginnen, dann gibt's überhaupt keine Kontrolle und kein Protestieren. Arme Patzanower Juden! Das Sprichwort stempelt euch als Pechvögel, und ihr seid wirklich Pechvögel. Wer weiß, ob ihr ins Generalregister der Pogromopfer aufgenommen werdet? Hab und Gut von Flammen verschlungen, obdachlos, auch mit manchem Lebensverlust — aber es war nur eine Feuersbrunst. Die Kehilla wird einige Juden nach den benachbarten Städten entsenden, um Geldsammlungen zu veranstalten, aber niemand wird helfen, denn es sind ja „nur Abgebrannte"! Und was bedeutet jetzt im Zarenreiche, „nur Abgebrannte" zu sein? * Die Himmlischen allein wissen, wie lange die Hiobsposten kommen werden. Schon jetzt ist ein Chaos entstanden, und eir Führer durch die verschlungenen Gänge der Pogromereignisse tu; not. Als eine Kuriosität sei hier angeführt, daß in verschiedenen Blättern an der Spitze der Pogrommärtyrer in den Jahresüber sichten für Rußland zwei Namen figurieren: Rabbiner Slouschtch und Doktor Goldstein. Die Keckheit journalistischer Mache ha: schon so manches zusammengemischt, aber diese Ungereimtheit könnte doch kein Zeitungsschreiber vor seinem Gewissen ver antworten. Denn ersterer war ein frommer, guter, alter Talmudis' und Dajan in Odessa, der eines natürlichen Todes gestorben letzterer aber ein radikaler Parteimann, als Jude geboren, abeschon sehr lange aus dem Judentume geschieden, der tatsächlich von der Antirevolution meuchlings ermordet worden ist. Die Alten hatten Memor-Bücher, und sie haben weise darai getan, die Namen richtig zu notieren. Heute bei aller Bericht erstattung vermißt man leider das nötige Verständnis. * * * Der „Neue Weg", ein Jargon-Wochenblatt in Wilna, welches die soz.-terr. Tendenz an der Stirne trägt, führt eine wuchtigt Sprache, und wenn man einige seiner Artikel gelesen hat, so hämmert es einem im Kopf. Das Blatt bereitet sich, ein Fest zu feiern, weil der hebräische „Hasman" auch schon eingegangen ist — „nun ist es also aus mit dem Hebräischen". Der von Überkraft schäumende und gärende Jargon jauchzt. Er gibt der „toten Sprache" den Eselstritt und schickt sich an, die Erbschaft anzutreten. Es ist das eingefleischte, praktische Zielbewußtsein. Und dei „Hajom" zürnt wegen der Vermessenheit.