Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 40 (3.10.1906)
- Date
- 1906-10-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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stein! Er führt die Klinge für sein altes Schwarz- Rot-Gold! Die Burg ist längst erobert; zu hundert Stellen ist der Feind eingedrungen und hat es sich drin bequem gemacht. Er steht ahnungslos auf seinem Posten vor dem Tore, ohne den Kopf zu wenden. Si fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae. Doch der Respekt, den wir vor dem hohen Idealismus des Herrn Dr. Vogelstein haben, legt uns gewisse Verpflichtungen auf. — Wir haben uns gewöhnt, nicht auf jede gegen den Zionismus gerichtete Schrift zu antworten, sondern nur dann, wenn sie wirklich neue Argumente oder eine besonders geistreiche Art der Widerlegung enthält. — Wenn wir nun nicht wüßten, wer der Verfasser der vorliegenden Schrift ist, wären wir vielleicht nicht gerade gezwungen, zu antworten. Würden wir doch sogar vermuten, daß die Broschüre von Einem stammt, der den Zionismus garnicht kennt oder doch nichts über ihn gelesen hat, als den Rabbinerprotest von 1898 und einen entstellenden Zeitungsbericht über den letzten deutschen Deligiertentag. — Da aber Herr Dr. Vogelstein als Autor zeichnet, seit langen Jahren ein Rufer im Streit gegen den Zionismus, sind wir gezwungen, das Werk 'ernst zu nehmen. Ein Mann wie Vogelstein, müssen wir annehmen, wird nicht eine Bewegung bekämpfen, ohne sie zu kennen, — daß heißt, ohne ihre Entwicklung, Literatur etc. ständig zu verfolgen. Wenn er jetzt, anscheinend als reife Frucht jahrelangen, mühevollen Studiums, diese Anklageschrift der öffentlichen Meinung vorlegt, so muß von Freund und Feind angenommen werden, daß sie wirklich alles enthält, was gegen den Zionismus überhaupt vorzubringen ist. Wenn das wenig ist, — so ist daß das beste und unparteiischste Zeugnis für uns. Noch eins spricht für die hohe Bewertung des Büchleins. Herr Dr. Vogelstein ließ sein Werk zunächst in den „Mitteilungen des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in Berlin" erscheinen. Ich gehe wohl mit der Annahme nicht fehl, daß die Mitarbeiter dieser „Mitteilungen" es im Allgemeinen als eine Indiskretion betrachten, wenn man ihre Artikel liest. Nachdem aber die Herausgeber einen Sonderabdruck hergestellt und zur Verbreitung gebracht haben, — sicherlich ohne jede boshafte Absicht gegen den Autor, — so hat der Verein damit auch offenbar die Schrift als die hervorragendste Leistung im Kampfe gegen den Ziorismus bewertet, — als die Schrift gegen den Zionismus kat'exochen! So glaube ich, sind wir genügend gerechtfertigt, wenn wir die Vogelstein'sche Schrift allen Ernstes besprechen. Auch Herr Dr. Vogelstein glaubt in der Einleitung es rechtfertigen zu müssen, daß er gegen den Zionismus überhaupt das Wort nimmt. Der Zionismus müsse ja doch, so meinen viele, bald ins ich selbst zusammenfallen. Herr Dr. Vogelstein glaubt aber nicht mehr an unsere Auflösung in absehbarer Zeit und hält deshalb die rettende Tat, wie sie sein Büchlein darstellt für nötig. Immerhin wiederholt er das Wort von der Zerklüftung innerhalb der Partei, von der Planlosigkeit der Zionisten, dem Kampf in unseren eigenen Reihen. Mit einigen Worten mag darauf eingegangen werden. Die Prophezeiungen unseres baldigen unvermeidlichen Endes sind so alt wie der Zionismus selbst. Auch totgesagt sind wir unzählige Mal. — Aber wir erfreuen uns, wie es. bei Totgesagten ja nach dem Sprüchwort die Regel sein soll, trefflicher Gesundheit. Schon rein numerisch wachsen wir von Jahr zu Jahr und haben in unserem Wachstum die anderen jüdischen Organisationen weit überflügelt. So wird es auch weiter sein. Insbesondere wird nach jedem Kongreß in einer gewissen Presse uns die Leichenrede gehalten werden, wie bisher (nach dem 6. Kongreß, weil wir von Palästina abgefallen, nach dem 7. weil wir zu Palästina zurückgekehrt seien) und stets werden wir uns unbeirrt und gesund weiter entwickeln. — Was aber die Uneinigkeit anbelangt, so wird folgendes übersehen: Wir bilden eine Gemeinschaft, wie wir behaupten, nicht aus Wahl, sondern aus Notwendigkeit, — eine Volksgemeinschaft. W7ir sind kein großer Kegelklub, um den es geschehen ist, wenn die Frauen der Mitglieder sich zanken, sondern ein zu großen Volkszwecken zusammen wirkendes Ganze, — wie ein Staat oder eine internationale politische Konferenz. Eben durch das Zusammenwirken aller Kräfte, durch den im Kampfe allein zu ermöglichenden Ausgleich der verschiedenen Interessen, durch das Abwägen der von Vertretern aller Weltteile und Weltanschauungen gelieferten Materialen kann der rechte Erfolg uns kommen. — Ich begreife, daß ein Verband von — na, sagen wir, von Fleischern, — nicht zu existieren vermag, wenn die Mitglieder gegeneinander den Boykott zu verhängen suchen, — aber ich glaube, daß die einzige Existenzmöglichkeit für eine auf große und langfristige Arbeiten angewiesene Bewegung wie die zionistische, nur die innere Kritik, nur der fortgesetzte Kampf um die Mittel ist. Denn nur um diesen handelt es sich! Nur um der Mittel wegen, nur um des besten Weges willen, streiten wir bei unseren Zusammenkünften. Und wir werden nach wie vor uns vereint schlagen, — getrennt aber unaufhaltsam nach dem einen alten Ziele marschieren. Herr Dr. Vogelstein hat aber selbst, wie gesagt, nicht das rechte Zutrauen .auf unsere natürliche Auflösung und „die Gefahren, die dem Gesamt-Judentum, man könnte sagen tagtäglich von dem Zionismus bereitet werden, sind so groß, daß es dringend 'geboten erscheint, dieselben in ruhiger, rein sachlicher Weise, leidenschaftslos und furchtlos darzulegen." Also die Furcht vor den Gefahren des Zionismus hat die „furchtlose" Darlegung hervorgerufen, — die Furcht vor den Gefahren für das Gesamt-Judentum. Wir sind gespannt, welches diese Gefahren sind, — die entweder die Gesamtheit der Juden bedrohen oder die Idee des Judentums, wie sie der Autor erfaßt. Denn daß etwa Mißhelligkeiten wirtschaftlicher Art für einen Bruchteil der deutschen Juden, — wie sie der Autor auf S. 8 andeutet, da wo er die „furchtlose" Wendung von den „deutschen Juden, die sich ängstlich hüten sollten" gebraucht, — daß solche Dinge gemeint sind, ist ja ausgeschlossen. Darauf den Ausdruck „Gefahr für das Gesamtjudentum" anzuwenden, wäre ja, — halten wir uns an Vogelsteinsche Ausdrücke „eine ungeheuerliche uberhebung, als stelle das im Verhältnis zur Gesamtzahl der Juden nur kleine Häuflein deutscher Juden die Judenheit dar." Wir werden im Einzelnen sehen, wo der Autor die Gefahren für das Gesamtjudentum wittert. Ganz besonders freuen wir uns, daß der Autor verspricht, die Darlegung „ruhig", „sachlich" und „leidenschaftslos" zu gestalten. Herr Dr. Vogelstein erklärt dann auch in aller Ruhe, Sachlichkeit und Leidenschaftslosigkeit, daß der immer