Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 40 (3.10.1906)
- Date
- 1906-10-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 40 DIE^K germanisiert bezw. entnationalisiert und ihrem Volke und seiner Kultur entfremdet werden, Wenn das hinsichtlich der tschechischen Arbeiter der Fall ist, um wieviel mehr gilt dies in bezug auf die jüdischen Arbeiter, an deren Entnationalisierung planmäßig und bewußt gearbeitet wird und von denen schon so mancher mit Erfolg zum Hasser und Verächter des Judentums erzogen wurde! En passant sei darauf hingewiesen, daß in dem jetzt entstandenen nationalen Konflikt zwischen der deutschen und tschechischen Sozialdemokratie wieder 2 Juden, die beide auf den Namen Winter hören, in gewohnt bescheidener Weise, der eine für die Tschechen, der andere für die Deutschen das große Wort führen. . . Die Poale-Zioti werden unter solchen Umständen nach wie vor an der Unabhängigkeit ihrer Organisation festhalten. Sie werden besonders an dem Ausbau der Fachorganisationen arbeiten, um sich ELT 11 zu einem Machtfaktor der jüdischen Arbeiter zu entwickeln. Die Ehrlichkeit ihrer Prinzipien und die allgemeine Entwicklung werden von selbst dahin führen, daß die nichtjüdischen Arbeiter schon im eigenen Interesse gegen den Willen der assimilatorischen Führer eine Verständigung mit den Poale-Zion suchen und finden werden. Diese wird auf der Basis einer vollständigen Autonomie in politischer und gewerkschaftlicher Hinsicht erfolgen und unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß die Art, wie die Poale Zion sich die Judenfrage vorstellen und an deren Lösung durch den Zionismus mitarbeiten, die nichtjüdischen Sozialdemokraten so viel oder so wenig angehen darf, wie etwa die italienische Sozialdemokratie die Methode der polnischen Sozialisten zur Wiederaufrichtung Polens. Zur Stellung der Poale-Zion innerhalb des Zionismus komme ich in einem folgenden Artikel. N. Q. PROTESTRABBINER REDIVIVUS Von SAMMY GRONEMANN (Hannover) Hermann Sudermann hat mit seiner Komödie „Der Sturmgeselle Sokrates" sich an eins der zartesten Motive der menschlichen Tragikomödie gewagt. Und mag seine brutale Kraft manche feine Fäden des Gewebes zerstört haben, — der Dichter wäre dauernden Nachruhms schon wegen des Mutes würdig, mit dem er das wundervolle Problem der Bühne gewonnen hat. Daß Ibsen daran vorübergegangen ist! Und doch ließ manches in Dr. Stockmanns Rede auf die große Komödie vom versteinerten Idealismus hoffen. Wenn Sudermann nicht den großen Erfolg gefunden hat, so liegt das zum Teil sicher an der Keckheit, mit der er die Fabel wählte. Hätte er auf das Altertum (Ehrenrettung der Pharisäer!) oder auf das Mittelalter exemplifiziert, wäre ihm vieles hingegangen. Aber er zeigt die Schwärmer von gestern, Philister von heute, — die Männer von Schwarz-Rot-Gold, — wie sie mit verstaubten Fahnen und verstaubten Idealen grollend in der Hinterstube des „Deutschen Reichsadlers" hocken. Eben diese Leute aber mit ihren Söhnen und Vettern sitzen im Parkett; sie nahmen bei der Premiere gar gewaltig übel, was ihnen eine Verhohnepipelung ihrer heiligsten Gefühle schien und was doch eine bittere ewige Wahrheit ist. — Alle diese Leute mit den versteinerten Idealen, wie sie uns Sudermann schildert, leben und wandeln unter uns: der Zahnarzt Hartstein, genannt Sokrates, — der Oberlehrer Boretius alias Giordano Bruno und vor allem der Sturmgeselle Spinoza, — im bürgerlichen Leben Rabbiner Dr. Marcuse. Sie sind nicht gestorben, — sie leben noch heute, — und wers nicht glauben will, der lese das Sendschreiben des Herrn Rabbiners Dr.Vogelstein-Stettin: „Der Zionismus, — eine Gefahr für die gedeihliche Entwickelung des Judentums". Die alten Herren, die Sudermann uns vorführt, wirken rührend und komisch in ihrer wichtigtuerischen Geheimbündelei; ihr Schicksal wirkt aber ergreifend, wenn wir sehen, was aus ihren Hoffnungen auf die nächste Generation wird. „Zwingen wir die nächste Generation in unsere Bahnen hinein, so machen wir sie zu Vollstreckern unseres Willens" ruft Hartmeyer. Und seinen einen Jungen sieht er im verhaßten Korps, — sieht er im ödesten Schneidigkeitsstrebertum aller Ideale bar untergehen, — und der andere Sohn sehlägt neue Bahnen zu neuen Idealen ein. Die junge Generation feiert ungekannte Feste. Hartmeyer sieht vom Fenster den jubelnden Zug vorbeiziehen, — ihm bedeutet die Begeisterung jener nichts, — er kann nicht mehr mit, selbst wenn er wollte. „Ja — ich werde kommen!" ruft er, ich will nicht mehr im Winkel stehen! Ich will auch teilhaben au dem großen, — an dem großen, — ja, ich auch!" — Aber er kann nicht, — er bricht zusammen und weint bitterlich. Und nun gar der Rabbiner! „Weißt Du, was ein Jude ist?" fragt ihn sein Sohn. „Nu — ich glaube, das weiß ich ein Menschenalter länger als Du." „Gerade darum weißt Du es eben nicht. Du lebst sozusagen noch im Stande der Unschuld." .... „In Dir ist etwas krank. Sprich Dich aus." „Was soll in mir krank sein? Ich mache meinen Weg, drauf kannst Du Dich verlassen! Und weiter ist ja nichts nötig." Und nun schildert der junge Herr Siegfried Marcuse seine Erlebnisse bei seinen Anschlußversuchen, — wie er überall abgeblitzt ist („Wo gehöre ich denn hin?" ist seine unbeantwortete Frage) und gibt sein „Glaubensbekenntnis". Der Vater, im innersten erschüttert, — noch hat er das Hervorbrechen des Antisemitismus bei dem Sturmgesellen Giordano Bruno nicht erlebt, — und zurückbebend spricht er zu seinem Sohn von der Mission der Juden, — der ethischen Aufgabe, „der Menschheit das kostbarste Kleinod aufzubewahren,— den Menschen". Und die Antwort Jung Siegfrieds: „Was Du sagtest, Vater, war ja alles sehr schön. Nu brauchten wir bloß noch dran zu glauben." So spricht zu dem alten Sturmgesellen der Sohn, auf den er seine ganze Hoffnung gesetzt hat. Denn von den anderen der neuen Generation, deren strammer Marschtritt von draußen hereintritt, wollen die alten Sturmgesellen nichts wissen. Armer Dr. Marcuse! Armer Dr. Vogelstein!! * * * Aber Respekt vor diesen Leuten! Sie sind wackere Kämpen, tapfer und ehrenvoll fechten sie bis zum letzten Atemzug selbst gegen die Tatsachen der Geschichte. Ehre dem Dr. Marcuse! Und Ehre dem H. Dr. Vogel-