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Die Welt · 1906-10-03 · 40 (3.10.1906) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
40 (3.10.1906)
Date
1906-10-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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10 DIE^KELT No. 40 '* i. % i' - * j* v: > » » demokrat Daszynski. der jüdisches Volkstum besser kennt als alle westlich-jüdischen Führer zusammen, führt Arm in Arm mit Dr. Adler den antijüdischen Reigen an. Um die feindselige Haltung der Sozialdemokraten ganz verstehen zu können, ist eine kurze Betrachtung ihres Verhältnisses zu den Juden nötig, wie es sich seit den entscheidenden Siegen des Antisemitismus in Österreich gestaltet hat. Als der Antisemitismus um die Mitte der neunziger Jahre den Liberalismus fast ganz zertrümmert hatte, gerieten die „maßgebenden Kreise" der österreichischen Juden in eine geradezu verzweifelte Stimmung. Einen Augenblick lang schien es sogar, als wollten sie sich dem Zionismus anschließen — der „Judenstaat" war gerade erschienen —; allein das war ein Irrtum. Dem Rufe Herzls zur nationalen Selbstwehr und Selbsthilfe folgten bloß jene Juden, denen wirklich die Rettung der Juden und des Judentums am Herzen lag. Mauschel hingegen — und der ist unter den „Maßgebenden" ein gar häufiger Typus —, der im Liberalismus nur eine Stütze für seine schäbigen Assimilationsideale sah, machte sich auf die Suche nach einer neuen Assimilanten-Schutztruppe und fand diese wirklich in der — Sozialdemokratie. Hinter dem breiten Rücken des christlichen Proletariats gedeckt kann Mauschel mutig mit Steinen nach den Antisemiten und Zionisten werfen, die in seinen Augen deshalb eins sind, weil ihm beide als Hindernis für seine feige Assirnilationssucht erscheinen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß zugestanden werden, daß die sozialdemokratische Partei sich gegen diese ihr zugemutete Rolle anfangs ziemlich abwehrend verhielt- Dr. Viktor Adler schrieb damals in der „A.-Z." gegen die Invasion von Juden, „denen der Liberalismus schon zu sehr stinkt und die zur Sozialdemokratie kommen, weil sie ein Geburtsfehler daran hindert, Antisemiten zu werden." Der nicht sehr freundliche Empfang hielt wohl zunächst viele Juden vom offiziellen Eintritt in die Partei ab, nicht aber davon, letzterer Geld und Wahlstimmen in steigendem Maße zuzuwenden. Bei ihrer chronischen Geldnot war den österreichischen Sozialdemokraten die jüdische Hilfe schließlich doch ganz erwünscht. Heute geht schon fast keine Wahl ohne Schnorrerei bei der jüdischen Bourgeoisie vorüber. Erst anläßlich der letzten Wiener Gemeinderatswahlen konnte „Der jüdische Arbeiter" ein vertrauliches Zirkular des sozialdemokratischen Wahlkomitees an reiche Juden veröffentlichen, in dem unter Hinweis „auf den verrohenden Antisemitismus" um „Unterstützung des Wahlfonds" gebeten wird. Dies hinderte allerdings die muntere „A.-Z." nicht, nach den Wahlen zu behaupten, daß die Juden ihre Stimmen — für Geld an die Antisemiten verkauft haben! Durch dieses Märchen sowie die sonst immer nach den Wahlen sich häufenden antisemitelnden Notizen soll nämlich einerseits den während der Wahlen wieder etwas zudringlich gewordenen Juden abgewinkt, anderseits den Antisemiten gegenüber bewiesen werden, daß man doch keine Judenschutztruppe sei. Diese Grüß-mich-nicht-unter-den-Linden- Politik wird von unserer Bourgeoisie unter verständnisinnigem Augenzwinkern bei nächster Gelegenheit nur neuerdings mit klingender Münze quittiert. Eben dieselbe „A.-Z." ist das Lieblingsorgan vieler wohlhabender Juden und wurde schon einmal durch jüdisches Kapital vor dem Zusammenbruch gerettet. Auch das polnische Organ des Herrn Daszynski hat die finanzielle Hilfe reicher Juden mehr als einmal in Anspruch genommen. Das prunkvolle sozialdemokratische „Arbeiterheim" in Wien im Werte von Hunderttausenden von Gulden verdankt seine Entstehung dem Gelde jüdischer Millionäre, die, charakteristisch genug, Mitglieder des Wiener Kultusvorstandes sind. Einer dieser sozialdemokratischen Mäzenaten — ein würdiger Kollege des Taussig — machte vor kurzem in der Wiener Kultusstube einen wütenden Ausfall gegen die hebräische Sprache, mit der als „altem Plunder" aufgeräumt werden müsse. Neben diesen bewußt assimilatorischen Bourgeois gibt es in Westösterreich viele jüdische Kleinbürger — zu diesen gehören auch einige tausend jüdische Handelsangestellte —, die hinter der Sozialdemokratie wohl nicht allein aus assimilatorischen Gründen einherlaufen. Doch dies tun sie beileibe nicht aus Begeisterung für Klassenkampf und Kollektivismus, sondern weil sie in jener in erster Linie ein „Gegengift" gegen den wachsenden Antisemitismus erblicken. Man begreift also schon, warum die Sozialdemokraten den Zionismus und noch mehr die Forderung nach Anerkennung und Gleichberechtigung der jüdischen Nationalität so heftig bekämpfen. Hier geben wahrlich keine „materialistischen", sondern sehr materielle Gründe den Ausschlag. Den Zionismus, der, ohne die Interessengegensätze zu verschleiern, alle Juden zur Selbstemanzipation von der Kammerknechtschaft bei fremdnationalen Parteien aufruft, betrachten die Herren einfach als Geschäftsstörung. Mit der Zustimmung zur jüdischen Autonomie im Staate und ihren eigenen Organisationen würden sie sich wahrscheinlich die Gunst und damit die Ressourcen der jüdischen Bourgeoisie verscherzen. Zwar würde es den Juden auch dann freistehen, sich zu einer anderen Nation als der jüdischen zu bekennen. Es würde aber hierdurch ein Gegensatz unter den jüdischen Sozialdemokraten selbst enthüllt werden, der heute noch latent ist. Es würde sich nämlich zeigen, daß das wirklich sozialistische Proletariat im Osten sich ganz der jüdisch-autonomen Organisation anschließen, während der Volksverrat der weiter in allen fremdnationalen Farben schillernden Bourgeois-Sozialisten vor aller Welt offenkundig würde. Auch für die jüdischen Führer könnten sich peinliche Konsequenzen ergeben. Man denke sich einmal, daß im Parlamente neben den bekannten „germanischen" Recken Adler und Ellenbogen ein ostgalizischer jüdischer Arbeiter als Abgeordneter einer jüdischautonomen Sozialdemokratie Platz nehme. Wenn dann Herr Dr Adler, wie unlängst, den Alldeutschen zuriefe: „Lachen Sie nur. ich werde Ihnen beweisen, daß wir bessere Deutsche sind als Sie", so könnte er riskieren, auch von seinem eigenen Genossen ausge lacht zu werden. Das ist es, was um jeden Preis vermieden werden soll: deendgiltige Zusammenbruch der Assimilationspolitik in ihrem letzten Zufluchtsort und der Verlust der jüdisch-bourgeoisen Geldmittel. Darum werden selbst die pseudonationalen Wünsche der „Separa tisten" zurückgewiesen, darum wird das Doppelspiel,. bei dem ma1 keine Judenschutztruppe sein will und eine Assimilanten-Schutz truppe ist, weiter getrieben, und darum werden jüdische Arbeiter i-< Ruthenisch-Galizien, welche keinen polnischen Satz richtig sprechen in die polnische Partei gepreßt, wo von ihnen verlangt wird, da Andenken von Mickiewicz und Slowacki zu feiern, zu einer Zeit, wt ein Rosenfeld, Perez, Pinski und andere das Schönste und Beste was den jüdischen Proletarier im Innersten bewegt, in herrliche < Schöpfungen aussprechen! Einer so gearteten Partei oder richtiger solchen Parteien gegen über ist ein Dualismus wie der früher erwähnte ausgeschlosser Die Poale-Zion können unmöglich einer fremdnationalen politische Organisation beitreten, die nicht nur die Gleichberechtigung der jüdischen Nationalität in der Sozialdemokratie selbst, sondern auca im Staate bekämpft. Sie dürfen aber ebensowenig den gewerkschaftlichen „Zentralverbänden" sich anschließen. Gerade jetzt hat die tschechische Sozialdemokratie einen heftigen Kamp! gegen diese national gemischten Gewerkschaften eröffnet. Sie fordert dieselbe nationale (nicht territoriale!) Autonomie, wie sie sie s. Z. in der Politik erzwungen hat, nunmehr auch für die wirtschaftlichen Organisationen, in denen sie mit Recht den Schwerpunkt jeder Partei erblickt. Sie motiviert ihre Forderung damit, daß die tschechischen Arbeiter unwillkürlich und unbewußt,

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