Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 40 (3.10.1906)
- Date
- 1906-10-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 40 DIE^E LT beim Ministerium eingereicht und deren Genehmigung trotz aller öegenschachzüge erwirkt. Aus diesem Kampfe ging sowohl die Organisation als auch die Presse nur gestärkt hervor. „Der jüdische Arbeiter" wurde aus einer Halbmonatsschrift in ein Wochenblatt umgewandelt und erscheint seither in doppelt so großer Auflage. Das Blatt ist, nebenbei bemerkt, vorzüglich redigiert und unterscheidet sich schon durch die vornehm sachliche Schreibweise wohltuend von den gegnerischen Jargonblättchen, die eigens zur „Vernichtung" des Zionismus gegründet wurden. Selbstverständlich werden auch die u n m i 11 e 1 b a r e n zionistischen Pflichten nicht vernachlässigt. Die Verbandsleitung ist auf die Schekel- und Nationalfondssammlungen seitens der Ortsgruppen und Mitglieder sehr bedacht. Schließlich sei auf die vom Verband herausgegebenen Flugschriften und Broschüren verwiesen, von denen besonders die Schrift „Theorie und Praxis der Poale-Zion" von Dr. Daniel Pasmanik*) der Verbreitung und Vertiefung der Idee vorzügliche Dienste leistet. Das vorstehend Geschilderte gibt in knappen Umrissen ein Bild von der emsigen Tätigkeit der österreichischen Poale-Zion, sagt iedoch noch nichts darüber, was den Leser wahrscheinlich am meisten interessieren dürfte, nämlich: Von welchen Gesichtspunkten läßt sich der Poale-Zionismus, der beiden unsere Zeit bewegenden Fragen - der sozialen und nationalen — Rechnung tragen will, leiten? Mit anderen Worten: Welche Stellung nimmt er gegenüber der sozialdemokratischen Partei in Österreich und welche innerhalb des Zionismus ein? Im folgenden sei zunächst versucht, auf die die sozialdemokratische Partei betreffende Frage, soweit dies der enge Rahmen eines Artikels zuläßt, zu antworten. Wie bereits erwähnt, sind die österreichischen Poale-Zion, •amentlich die älteren, fast durchweg von der Sozialdemokratie lergekommen. Sind sie darum dem Sozialismus untreu geworden? ue Gegner machen es ihnen mit Ingrimm zum Vorwurf. Und glaubte <an den gegnerischen Behauptungen, so wäre der Poale-Zionismus on der „zionistischen Bourgeoisie" nur zu dem Zweck erfunden orden, um nach dem Muster der Klerikalen die jüdischen Arbeiter ren Klasseninteressen abwendig zu machen. Diese — seien wir höflich — Unterstellung wird jedoch nicht ■ \111durch die oben skizzierte Arbeit unserer Organisationen, Midern auch durch folgende Tatsachen Lügen gestraft: Nach den B eschlüssen der Parteitage haben die Poale-Zion „jene Aktionen t sozialdemokratischen Partei, durch welche die Interessen des dischen Proletariats eine Förderung erfahren," unbedingt zu unter- -'ützen. Demgemäß haben sie an dem Kampfe für das allgemeine •ahlrecht teilgenommen, und demgemäß haben sie jene Verbandslitglieder, die als jüdische Arbeiter in Westösterreich unter nichtdischen Arbeitern zerstreut leben, zum Eintritt in die sozialdemokratische Gewerkschaft direkt veranlaßt. Dies gehah z.B. in Prag und Wien, woselbst einige unserer Gesinnungsnossen sogar Vertrauensmännerstellungen in der sozialdemoatischen Gewerkschaft innehaben. Man könnte nun fragen: „Warum tritt nur ein Teil der Poaleion der zozialdemokratischen Gewerkschaft bei und nicht alle, amentlich jene Massen, die durch ihre Agitation zum politischen eben erweckt wurden?" Bezeichnenderweise wird diese Frage am häufigsten von ■ionisten an uns gerichtet, und die meinen, es sei im beiderseitigen Interesse ein Dualismus möglich und wünschenswert, bei •■'ein die jüdischen Arbeiter ihre Klasseninteressen innerhalb der allgemeinen sozialdemokratischen Partei und Gewerkschaft und ihre zionistischen Bestrebungen in der allgemeinen zionistischen Organisation vertreten könnten. Die so sprechen, denen macht wohl ihre Objektivität alle Ehre, *) Verlag des „Der jüdische Arbeiter", Krakau, Dietelsg. 54, Preis 60 h. aber nicht ihre Sachkenntnis. Sie kennen nämlich nicht die neuere Entwicklungsgeschichte der österreichischen Sozialdemokratie und ebensowenig das Wesen ihrer Gewerkschaft. Einst gab es in Österreich wirklich eine allgemeine Sozialdemokratie. Das war damals, als sie einem stürmenden Angriffsheere vergleichbar, sich um die nationale Herkunft ihrer Kolonneu weder kümmern wollte noch konnte. Seitdem man sich jedoch für die Evolution statt der Revolution entschieden hat und international nicht mehr mit a national identisch ist, gibt es in Österreich nicht mehr eine, sondern — acht sozialdemokratische Parteien. So viele Nationen soll es in Österreich nach der Berechnung der Führer geben. Die Zionisten freilich behaupten, daß es in Österreich nicht acht, sondern neun Nationen gebe; die Juden mit ihrer viertausendjährigen Geschichte und Kultur seien zumindest eine solche Nation wie die keine anderthalb Millionen Seelen zählenden Slovenen. Demgegenüber und im Gegensatze zur jetzigen Auffassung der meisten bürgerlichen Parteien sowie auch der Regierung halten die Sozialdemokraten daran fest, die Juden seien keine Nation, sondern nur eine Konfession, und diese sei natürlich — Privatsache. Uns interessieren jedoch in diesem Augenblick weniger die angeblichen theoretischen Anschauungen der österreichischen Sozialdemokraten über die jüdische Nationalität, als vielmehr die praktischen Konsequenzen, die sie hieraus in ihrer Stellungnahme zur Judenfrage im allgemeinen und zu den nationalen Forderungen der Zionisten in Österreich im besonderen ableiten. Und da muß nun gesagt werden, daß jede selbständige nationale Regung der österreichischen Juden, vom Zionismus bis herunter zu dem harmlosen sogenannten „Separatismus" (einer schlechten Übersetzung des russischen „Bundismus" ins Galizische) keinen gehässigeren, keinen skruppelloseren und keinen gefährlicheren Gegner derzeit hat, als die offiziellen Sozialdemokraten. Hier nur drei Beispiele aus den sehr zahlreichen der letzten Zeit: Pogrom in Bjelostok. Die „Arbeiter-Zeitung" schreibt hierüber einen Leitartikel und kommt zu dem Schlüsse, daß die Bjelostoker jüdischen Arbeiter sich ihr Heimatsrecht in Rußland erkämpft haben und nicht im Lande der Erinnerungen, wohin sie phantastische Schwärmer führen wollen. . . Die Versammlungskampagne der österreichischen Zionisten für die nationale Autonomie auch der Juden wird von der „A.-Z." als „neuester Sport" verhöhnt und die planmäßige Sprengung dieser unserer Versammlungen in Lemberg durch hierzu kommandierte polnische Arbeiter in einem Telegramm mit gesperrten Lettern als Sieg verkündet! — Von der „Jüdischen Sektion" (eine zur Bekämpfung alles Jüdischen gegründeten Abteilung der polnischen Sozialdemokratie) entsandte Redner hatten gar die Unverfrorenheit, christlichen Arbeitern zu erzählen, daß die auf unseren Schekeltagen gesammelten pelder für eine Anleihe des Zaren bestimmt seien. Kein Wunder, daß ein solchermaßen aufgehetzter polnischer Arbeiter in einer Versammlung, auf die Poale-Zion zeigend, rief: „To sa samy Taussygi!" (Das sind lauter Taussigs.) . . . Die Poale-Zion, durch deren Demonstrationen Taussig aus der Wiener Kultusstube hinausgefegt wurde! . . . Wem die tieferen Gründe für diese Haltung der österreichischen Sozialdemokraten verborgen bleiben, für den bildet sie ein komplettes Rätsel. Welche Nachteile, fragt man sich, könnten der Sozialdemokratie daraus erwachsen, wenn die Juden sich eine Heim- und Zufluchtsstätte schaffen, .welche, wenn die österreichischen Juden die nationale Autonomie im Staate und als Sozialisten auch innerhalb einer national gegliederten Sozialdemokratie erhielten? Die mitunter gehörte Erklärung, daß die aus der entjudeten Bourgeoisie hervorgegangenen Führer, ihren Einfluß mißbrauchend, die nichtjüdischen Genossen irreführen, ist wohl richtig, erhellt die Sache jedoch nicht zur Gänze; denn der polnisch-nationale Soziaik' £J