Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-10-03 · 40 (3.10.1906) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
40 (3.10.1906)
Date
1906-10-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316227--48587-3343522
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

8 DIEffil ELT No. 40 nicht so weit wie in Frankreich, wo Judaica von einem vorurteilslosen Freigeist wie Renan gelehrt wurden. Ob Prof. König mit seinen rosigen Darstellungen des Standes der „Jüdischen Wissenschaft" an deutschen Universitäten Recht hat oder nicht — das zu entscheiden ist hier nicht der Ort. Eines können wir jedoch hinzufügen, daß die Juden auch in dieser Beziehung nicht paritätisch behandelt werden. Würde es sogar einem preußischen Kultusminister je einfallen, den Vortrag der protestantischen Dogmatik einem katholischen Professor anzuvertrauen? Was anderen Konfessionen gegenüber nicht recht ist — ist jedoch der jüdischen gegenüber billig. Und noch eines. Prof. König hat dieFrage zu einseitigphilologisch aufgefaßt. Heißt denn „Wissenschaft des Judentums" nur Bibelforschung und lexikalisches Studium der hebräischen Sprache? Judentum ist nicht jüdische Religion allein: es ist auch jüdische Geschichte, die Psychologie des jüdischen Volkes, des jüdischen Menschen, es ist die Geschichte des jüdischen Schrifttums in seiner weitesten Form. Mit der Bibel hat sich das jüdische Schrifttum noch nicht erschöpft. Auch nicht mit der Mischna, und nicht mit dem Talmud. Judentum ist ein Ideenkomplex — ebensogut wie das Hellenentum es ist. Alle Produkte des jüdischen Geistes sind darunter zu verstehen. Ebenso wie die Hellenisten sich nicht auf Homer und Herodot beschränken, sondern bis hinunter zu Apuleius und Lukian und die Byzantiner ihren Forscherblick versenken, ist auch das mittelalterliche jüdische Schrifttum in Betracht zu ziehen, die Periode des blühenden Talmud-Scholastik. Und es geht noch weiter. Der wahre Kenner des Judentums muß auch die nächste Vergangenheit und Gegenwart kennen. Von M. Ch. Luzzato bis Bialik, vom Ibn-Esra bis Nachman Krochmal und die modernen jüdischen Denker — denn das alles ist das Judentum. Natürlich verlangen wir nicht von Prof. König, daß er alle diese Sachen kenne. Wir können aber verlangen, daß er die Notwendigkeit des Studiums dieser Disziplinen einsehe. Aber wir wissen zugleich, daß dies ein höchst frommer Wunsch ist. Die deutschen Universitäten, der deutsche Staat, und auch andere Staaten — haben kein Interesse an einer derartigen Erforschung des Judentums. Für sie ist die jüdische Wissenschaft die Lehre von toten Dingen. Für uns ist es die Lehre von lebendiger kontinuierender Geistesarbeit. Und darum erwachte seinerzeit in den Köpfen der jüdischen Wahrheitsjünger der Gedanke einer freien jüdischen Hochschule. Ein infolge der Ungunst der Zeit offenbar zunächst undurchführbarer Plan, der aber die Lösung der Frage, die wir hier aufgerollt haben, bieten würde. M DER POALE-ZIONISMUS IN ÖSTERREICH 'm .m\ \ * /:r Einen der schlagendsten Beweise für die Lebenskraft des Zionismus bildet wohl die Entstehung des Poale-Zionismus, dieses jüngsten Zweiges am Baume nationaler Erkenntnis. Zu einer Zeit, wo unsere Weltorganisation eine schwere Krise überstand und in der planmäßigen Werbearbeit innehalten mußte, ergriff der zionistische Befreiungsgedanke fast von selbst weite Volksschichten, die ihm bis dahin unzugänglich schienen. Dies gilt namentlich von Rußland, wo zu den inneren Hemmungen noch die große äußere der Revolution hinzutrat. Aber auch in Österreich, insbesondere Galizien, sind die Erfolge des Poale-Zionismus sehr beachtenswert und verdienen die Aufmerksamkeit auch einer weiteren zionistischen Öffentlichkeit. Wenn man vom Namen absieht, der — wie die hebräischzionistische Terminologie überhaupt — aus Rußland stammt, ist die poale-zionistische Idee in Österreich eigentlich so alt wie der politische Zionismus selbst. Gleich der erste Weckruf Herzls an das jüdische Volk war auch in das sozialdemokratische Lager gedrungen und zwang so manchen jüdischen Arbeiter, über die Judenfrage nachzudenken. Vor dem ersten Kongreß sehen wir bereits eine Gruppe jüdischer Sozialdemokraten in Wien bemüht, eine Organisation zu schaffen, die ihrer sozialistischen und zionistischen Überzeugung gleichsam einen synthetischen Ausdruck verleiht. Es entstehen die Arbeiter- und Angestelltenvereine „Achdus", später „Achwah" in Wien und allmählich ähnliche in den größeren Provinzstädten. Auch ein eigenes Blatt beginnt zu erscheinen, und mehrere Konferenzen mit sozialistisch-zionistischer Tendenz folgen einander. Zur Gründung einer eigenen Fraktion kam es jedoch erst, nachdem vor zirka drei Jahren der Schwerpunkt der Bewegung nach Galizien verlegt worden war und ein Blatt in jüdischer Sprache eine wirksame Propaganda zu entfalten begann. Bei der ursprünglichen nationalen und sozialen Gesinnung unseres östlichen Proletariats fanden hier beide Seiten des Poale-Zionismus sofort den richtigen Resonanzboden. Heute, vor dem III. Parteitag der Poale-Zionisten*) gehören dem poale-zionistischen Verbände über 60 Vereine und Ortsgruppen mit mehreren tausend Handelsangestellten und Arbeitern an. Hunderte von begeisterten Anhängern zählt der Poale-Zionismus unter den Hoch- und Mittelschülern, welch letztere, besonders in Galizien, *) 10. Oktober. (Anm. d. Red.) musterhaft organisiert sind und viel für die Zukunft versprechen. Durch das Zusammenwirken der arbeitenden und studierenden Jugend ist die poale-zionistische Organisation in der Lage, Aufgaben zu bewältigen, wie sie keiner anderen gelingen, und zu deren Erfüllung sonst beträchtliche Mittel erforderlich wären. Vor allem kulturell. Nebst Bibliotheken und Lesehallen wurden Kurse für verschiedene Fächer und namentlich solche für Analphabeten eingerichtet. Letztere zumeist für die „jugendlichen Arbeiter", die in eigenen Gruppen gleichfalls dem Verbände unterstehen. Im Lande der Analphabeten und der verkommenen Chedarini müssen viele Arbeiter nicht nur polnisch und deutsch, sondern oft selbst jüdisch erst in unserer Organisation lesen und schreiben lernen. In gewerkschaftlicher Hinsicht war der Verband bemüht, die Konditionslosenversicherung auszubauen. Weiter wurden eine Reihe von Streiks durchgeführt, die fast alle als gelungen zu bezeichnen sind. Diese galten zum großen Teil der Verkürzung der endlosen Arbeitszeit, die dem wissensdurstigen jüdischen Proletarier weder eine Fortbildung noch den Beitritt zur Organisation ermöglicht. Zum Teil wurde durch die Arbeitseinstellungen eine Erhöhung der überaus niedrigen Arbeitslöhne durchgesetzt. Auch in die innerösterreichische Politik haben die Poale-Zion energisch eingegriffen. Als sie erkannt hatten, daß durch die Wahireform, wie der Ministerpräsident Gautsch später erklärte, „der nationalen Autonomie eine Zukunft eröffnet wird," begnügten sie sich nicht mehr mit ihrer bisherigen Agitation für das gleiche und proportioneile Wahlrecht, sondern gaben in Massenversammlungen die Parole der „nationalen Sondervertretung der österreichischen Juden im Parlamente" aus. Sie waren es auch, die die allgemeine zionistische Organisation zu einer politischen Aktion aufgefordert und veranlaßt haben. Allerdings hat den Poale-Zion ihre politische Tätigkeit den Haß der karrieresüchtigen „Kahalniks" und Verfolgungen der galizischen Behörden eingetragen. Infolge einer Denunziation des jüngst verstorbenen Dr. Byk wurden der Verband suspendiert und zahlreiche Vereine aufgelöst. Jedoch dank der hingebenden Arbeit und Unisicht der Verbandsleitung in Krakau war die ungesetzliche Suspendierung samt der Versiegelung der Lokalitäten ein Schlag ins Wasser. Unverzüglich wurden die alten Statuten, nur mit einem neuen Namen. V, '

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.