Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 40 (3.10.1906)
- Date
- 1906-10-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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tätisch und tun zu gespreizt. Die Gemeinsamkeit eines großen Schmerzes hat nicht tief genug, innerlich und beständig genug die Judenschaft zusammengekittet. Und jetzt, zur Jahreswende, lasten schwergeladene Wolken neuer Gewitter über unseren Köpfen. Wir müssen uns deshalb Rechenschaft abgeben von dem, was wir noch nicht getan haben und was wir tun müssen. Einen Teil des Hilfswerkes sollte eigentlich die Selbstwehr bilden. Es sei offen gesagt: Eine richtige Selbstwehr,— ob sie eingerichtet, wie sie geleitet, wann sie ausgeführt oder eingestellt werden soll, — das sind Fragen über die nur eine Gesamtorganisation des Volkes zu entscheiden berufen wäre. Eine Gesamtorganisation des Volkes! Man scheut dieses Wort, man zittert an allen Gliedern, wenn man etwas Ähnliches hört. Hier liegt der Hund begraben. Diese Angst ist eine diasporäisch-pathologische Erscheinung — denn tatsächlich wTürde uns diese Klarheit bei den Edlen nicht schaden und bei den Gemeinen sind wir ein für allemal gebrandmarkt. Wir könnten gut das Wesen unseres Volkstums so klarlegen, daß gar keine Bedenken in bezug auf bürgerliche Pflichten u. dergl. entstehen könnten. Es hätte vielleicht milde Beurteilung, vielleicht auch Lobpreisung gefunden. Und tatsächlich leben wir in einer Zeit, da man überhaupt nicht moralisiert, sondern die Machtverhältnisse der gegebenen Faktoren entscheiden. Die Juden versuchten es früher nicht, zur Selbstwehr zu greifen. Und doch wäre es natürlich. „Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden" — dann greift er heutzutage nicht mehr hinauf in den Himmel, um von dort seine ewigen Rechte herunterzuholen, sondern er greift ohne weiteres zum Drehpistol etc., um den Unterdrückern fühlbar zu machen, daß dem Schwachen auch ein Stachel gegeben ist. Und doch haben es die Juden nie getan — bis auf die allerletzte Zeit. Wenn man den Blick rückwärts die Zeiten hinauf wirft, wenn man sieht, wie der russische Tschin vom alten Schlag in dem jüdischen Ansiedlungsrayon, wo doch die Juden früher als die Russen waren, gewaltet und gewütet, wenn man betrachtet, wie die inszenierten Judenhetzer schon in den achtziger Jahren ganze Gemeinden total zerstört, wie sie Zehntauseude jüdischer Männer, Weiber, Greise und Kinder mittels Hungers und Elends — auf gesetzgeberischem Wege! — vernichteten oder zur Flucht von Haus und Hof und Heimat zwangen, wenn man die Unmasse von Freveln und Gräueln erblickt, welche durch Generationen brutaler Übermut verübt hat, — ja, dann wird man sich wundern, daß nicht schon früher die Mißhandelten, Beraubten, Geächteten und Vertriebenen es versucht haben, ihre Fesseln wütend zn schütteln und ihren Stachel hervorzukehren. Sie versuchten es nicht, weil es keine reinjüdische Selbstwehr gab, weil das Volk geknechtet und gedemütigt war. Erst als die politischen Leidenschaften so heiß und mächtig über das Zarenreich sich ergossen, und als ein Teil der jüdischen Jugend vom allgemeinen Strom hingerissen, von allgemeinen Stimmungen beeinflußt auf die Geschicke des eigenen Volkes schaute — entwickelte sich der Gedanke einer Selbstwehr. Es ist ein mixtum compositum, wie das Hilfswerk. Es hat schöne, erhebende Momente wie dieses, es entbehrt der richtigen nationalen Solidarität wie dieses. Das Hilfswerk verwandelt das natürliche Volkstum in einen humanitär-politischen Brei — die Selbstwehr verfolgt nicht die gerade, nationale Linie, sondern vibriert sprunghaft zwischen Allgemeinem und Spezifischem. Man wird über die „Kinderei" die Achsel zucken. Man wird vielleicht auch die „Nörgelei" verurteilen. Die praktischen Wirklichkeitsmenschen werden fragen: Ja, was soll man denn eigentlich tun? Die Antwort ist kurz: ein Volk soll man sein! Man denke sich nur die Kraft der Juden, wenn sie tatsächlich als ein Volk sich betrachten würden. An welchem Teil der Volkskörper angegriffen worden sei, im Nu durchzuckt der Schmerz den ganzen Körper, von Kopf bis zu Fuß. Die Abgrenzungen verschwinden, die Schranken werden gebrochen, und wenn die Juden in Odessa vor Todesgefahr zittern, so zittern auch ihretwegen ihre Brüder in Budapest, und wenn ein vertriebener Jude herüberkommt, so ist er nicht der Wanderer, sondern der Ebenbürtige in einem Volke, welches einmal hier und einmal dort in verschiedenen Epochen und unter verschiedenen Lebensbedingungen einem und demselben Geschicke unterworfen ist. Hier, in diesem Bewußtsein, liegt der Schwerpunkt des Systemunterschiedes, welches uns von all den Halbheiten — sie mögen an sich als augenblickliche wohltuende Episoden noch so sympathisch sein — trennt. Zum Siege dieses Prinzips hat uns das verflossene Jahr vielleicht leider auf Kosten zu großer Opfer — um eine Haaresbreite nähergerückt, aber wir sind noch weit davon entfernt, dieses Prinzip betätigen zu können. Wir müssen uns vorderhand mit Philanthropie begnügen. Wir haben uns erst zu sammeln, zu vertiefen und zu kräftigen, bevor unsere Zeit kommen wird, die Zeit einer selbstverständlichen jüdischen Gesamtorganisation. Und dies gelte nicht speziell dem Westen, es gelte auch den Massenzentren, und vielleicht mit größerer Berechtigung. Wir können uns eine jüdische Organisation ganz gut denken — natürlich in Anlehnung an kleinere Organisationen. Tatsache ist es, daß es fast keinen einzigen Mann im jüdischen Volke gibt, der nicht zu einem frei gewählten Verbände, daß heißt zu einer jOrganisation gehört, wobei man von den einzelnen verkümmerten und verknöcherten Gemeinden abzusehen hat. Es existiert eine ganze Armee von kleineren und größeren Vereinen, nur ist noch niemals der Versuch gemacht worden, diese zu mobilisieren und zum Zwecke einer größeren Aktion auszunutzen. Da kämen zunächst die Gewerkschaften: die Schneider, die Schuster, die Bäcker, die Schmiede usw., die tatsächlich, wo sie nur in erheblicher Anzahl vorhanden, gewisse Körperschaften bilden. Sodann die unzähligen Wohltätigkeitsvereine, die faktisch etwas anderes bedeuten als der landläufige Begriff Wohltätigkeit, da es bei Juden mehr auf die persönliche Betätigung ankommt, also in erster Linie die „Linos Hozedek", „Bikur Cholim", „Ezras Jessomim", „Gmilus Ch'sodim", „Hachnosas Orchim" usw. Und nun die neueren Verbindungen: Feuerwehrvereine, Arbeiterorganisationen usw. In all diesen Vereinen und Vereinlein, die in den kleinsten Städtchen anzutreffen sind, steckt das Volk. Und möge man sich auch über die Strammheit der Organisation, die da herrscht, keine Illusionen machen, es können doch diese bestehenden Organisationen, die sich so lange im Volke bewahrt haben, wenigstens die Wegweiser sein, wie man zum Großen