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Die Welt · 1906-10-03 · 40 (3.10.1906) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
40 (3.10.1906)
Date
1906-10-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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europäischen Mächten preisgegeben zu werden. Und sollte auch dem „kranken Manne" die Existenz belassen werden, seine Luxusbesitztümer — und das ist ja der Orient für die Türkei — werden wahrscheinlich ein viel begehrtes Gebiet sein. Und das wäre ein großer, entscheidender Moment auch für uns. In diesem Konzerte der Mächte müßten auch wir gehört werden. Das jüdische Volk hat viele geeignete Momente für seine Befreiung verpaßt. Als die großen politischen Kongresse — 1856,78 — zu Rate saßen, da war das jüdische Volk nicht vertreten, weil es nicht organisiert war, weil es keine klaren, präzisierten politischen Wünsche hatte. Jetzt ist die Organisation da, und die politischen Ziele sind da, — aber der Moment ist noch nicht da. Die Aufgabe unserer Politik ist es, den Moment nicht zu verpassen. Cor. DAS JAHR 5666 IN UNSERER GESCHICHTE (Schluß) Das Hilfswerk Die Hiobsposten und — die Freunde Hiobs, das ist die Quintessenz der Jahresgeschichte. Große jüdische Dulder, Träger der tränenschweren Goluthlast, zähe, im harten Kampf erprobte Lebensenergien, mißhandelt, aber nicht gedemütigt, zerschmettert, aber nicht hinsiechend — und ohnmächtige, bequeme, setimentalisierende Spender. Mitzvahtuer, gerührte, verehrte Leser von Aufrufen, protokollierte Sammlungsfirmen — wer ist größer? Ja, es soll gesagt sein: armselig sind die Geber, kläglich-matt sind die schüchternen Kleinphilanthropen. Diese Tätigkeit ist gerechtfertigt, aber klein. Das soll nicht hart klingen. Alle Ehrentitel für die Guten, die „barmherzigen Söhne der Barmherzigen", für die hingebungsvollen Wecker und Sammler, für die hervorragenden, tatkräftigen und begeisterten Organisatoren — aber, Hand aufs Herz! Was haben wir Armseligen euch zu bieten, gefolterte Märtyrer, oder euch, denen der Schweiß von Todesangst auf der Stirn perlt? Nur Nachläufer der Ereignisse können wir sein, nicht Führer. Der hat eine Rede gehalten, jener ein Gedicht geschrieben — das ganze Leiden, heißt es, zusammengefaßt. Glaubt mir: der Seufzer eines geängstigten Flüchtlings, das Jammern eines Kindchens enthält mehr. Ein unmittelbarer Schrei der Todesnot und des qualvollen Entsetzens ist mächtiger als der ganze Protestkram sämtlicher Meetings. Stümperhaftkeuchend hinken wir nach — im Innersten verwirrt und zerstört. Daß wir wenigstens wissen, wie wenig wir getan, daß wir wenigstens verstehen, daß diese Halbheiten und Bagatellen gar nichts sind. Auch das wäre ein Gewinn. Ein Volk, ein Adlervolk, schwingt anders seine Flügel. Es schleudert Donner, daß die Himmel erbeben. Es faßt die Kraft zu folgenschweren Entschlüssen, und wenn es demonstriert, so demonstriert es wie ein Mann, instinktiv, gleichzeitig, unmittelbar und unaufhörlich. Wie eine Lava stürzt es aus dem normalen Leben heraus. Das bewirken die natürlichen Schauer einer Volksseele. Eine solche Größe würde an die Größe der Leiden heranreichen. Und eine solche Größe würde das Mördergesindel mit unsäglicher Angst erfüllen. Denn das Mördergesindel ist hündisch-feige, sobald es eine wirkliche Kraft sieht. Aber — und das ist der grausamste Pogrom, den die Geschichte an uns übt — wir sind in alle Winde verstreut und die meisten von uns stehen außerhalb des Volksempfindens. Daß wir glauben, den Bogen nicht allzu straff spannen zu dürfen, daß wir über Erfolgs¬ oder Niederlagsmöglichkeiten grübeln, daß wir in nationaler Unklarheit und Zweideutigkeit verharren, daß wir nicht spontan dem Impuls folgen, daß wir unsere Pflicht der Volkswehr durch humanitär-philanthropische Vorwände verwässern — das ist die krankhafte Gesichtsröte der Willensschwindsucht. Deshalb finden wir den Weg zum Volke nicht mehr. Was aus dem Gesichtswinkel einer Volkspolitik gemacht werden sollte, müßte durch Volks-Repräsentation gemacht werden. Und dann tritt eine Müdigkeit ein, wenn man sieht, daß die Spenden und Zeitungsartikel und die Fürsprache bei diesem oder jenem großen Herrn nichts helfen und daß kein einziger Hooligan sich dadurch in seinem Tun abhalten läßt. Die gebende Hand wird müde, aber ein Volk wird nie müde. Das ganze Volk müßte von dem Gedanken durchdrungen sein, daß es sich zu verteidigen hat. Dazu müßte es sich vor allem eins fühlen. Und es müßte, ohne Cherem und Ketzerriecherei die innerlich-feindlichen und die hündischen Elemente ausstoßen. Das müßte als eine Selbstverständlichkeit erfolgen. Denn das Volk leidet und kämpft und kann jetzt in seinen Reihen keinen dulden, der nicht mitleidet und mitkämpft. Es dürfte kein Prediger in dieser Zeit über etwas anderes predigen und keine jüdische Gemeinde sich ganz in kleinliche Lokalangelegenheiten versenken. Nicht sporadisch sollte demonstriert werden, sondern beständig, nicht einmal gespendet, sondern fortwährend, und nicht eine künstliche Probe sollte gemacht werden, einige Organisationen zu verbinden, sondern das ganze Volk müßte eine Organisation schaffen. In Brüssel ging der letzte Rest unseres Optimismus unter. Die Absicht war gut, aber noch fehlten die Voraussetzungen. Ein kühner Volksgeist, der alle Bedenken zu überwiegen imstande wäre, ist noch — eine Phantasie. Der Blick des denkenden Beobachters bleibt nicht beim Überschauen des verflossenen Jahres an den Details haften. Es sind Millionen verteilt worden, und eine tüchtige Initiative fördert hier und da manches Gute. Es wäre vielleicht noch schlimmer, würde all dies ausbleiben. Aber es ist auch so schlimm genug. Und das Gefährlichste wäre eine selbstgefällige Zufriedenheit. Nein! Zu wenig ist für die Rettung, Ermutigung und Stärkung geschehen. Völlig haltlos schwebten wir in der Luft. Wir durchschauten die Situation nicht und wir durchschauen sie auch jetzt noch nicht. Gräßlich breit machen wir uns, wenn wir ein paar Groschen geben, und die Kontinuität geht uns vollständig ab. Unsere großen Herren stolzieren gravi-

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