Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 40 (3.10.1906)
- Date
- 1906-10-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die diesjährigen Schekeltage haben eine um so größere Bedeutung, als das laufende Jahr ein Kongreßjahr ist. Der Erfolg der diesjährigen Schekeltage wird daher zugleich eiir Vorzeichen sein der Größe und der Bedeutung des VIII. Kongresses. Die Federationen werden ersucht, uns von allen Schritten, die sie für die wirkungsvolle Ausführung der Schekeltage unternehmen, sofort Mitteilung zu machen und uns über alle diesbezüglichen Arbeiten fortgesetzt auf dem Laufenden zu halten, damit wir in der Lage sind, durch Veröffentlichung dieser Nachrichten die Agitation für die Schekeltage zu unterstützen. Es sei auch darauf hingewiesen, daß die diesjährigen Kongreßwahlen bedeutend früher als in den Vorjahren stattfinden werden und daß daher die diesjährige Schekelabrechnung der Federationen voraussichtlich schon zu Ende März 1907 erfolgen muß. Es darf daher mit der Ausgabe der Schekel keine Minute mehr gesäumt werden. GROSSE MOMENTE Seit einiger Zeit geht durch die politische Welt eine Nachricht, die für die fernere Entwicklung der Politik der europäischen Mächte im Orient eine besondere, vielleicht entscheidende Bedeutung erlangen könnte. Der wohlinformierte „Daily Telegraph" und nach ihm die übrigen Zeitungen Englands und des Kontinents sprechen von der bereits vollzogenen oder dem Abschlüsse nahen Verständigung zwischen Rußland und England in der Frage der asiatischen Machtsphären. Es handelt sich hauptsächlich um Tibet und Persien. Die beiden alten Rivalen, die erst vor kurzem unerbittlichen und scheinbar unversöhnlichen Feinde, wollen sich in einer für sie beide höchst wichtigen kolonialpolitischen Frage die Hand reichen. Man erinnert sich noch, wie die englische Expedition unter Oberst Jounghusband an die Pforten des Dalai-Lama pochte, die „verbotenen Pfade" wandelte, für deren Erforschung Landor die entsetzlichsten Qualen erdulden mußte. Rußland war damals in der Klemme. Es begann der Zustand der Desorganisation, der Auflösungsprozeß der russischen Macht. Rußland brummte, drohte, die Bärenkrallen zu zeigen. Aber England hat von seinem kleinen Verbündeten, dem „Little Jap", gelernt, daß die russischen Krallen stumpf sind. Wenn man nicht kämpfen kann, weicht man, — das ist das bewährte Prinzip der Diplomatie. Und so viel Verstand hat man sogar in Petersburg. Das mächtige, sich allmächtig wähnende Rußland war anglophob, hegte den Potemkinschen Traum der Eroberung Indiens. Das niedergeschlagene Rußland, das Rußland nach dem Japankriege hat alle eroberischen Träume aufgegeben und ist froh, wenn es seinen jetzigen Besitzstand intakt bewahren kann. Und darum ist es anglophil geworden. Und darum strebt Rußland eine Allianz mit England an. Diese Frage der internationalen Politik, so interessant sie an sich auch ist, wäre für uns Zionisten belanglos, wenn sie nicht eine Möglichkeit in sich bergen würde, die uns sehr nahe tangiert. Das ist die Frage des nahen Ostens. Wir haben bereits in der vorigen Nummer ausgeführt, daß die Zionisten nie und nimmer das wichtigste Instrument ihrer Arbeit — das politische — aus der Hand geben dürfen, daß praktische Arbeit ohne politischen Untergrund und — Überbau ein Rumpf ist, ein Inhalt ohne Form. Was ist aber Politik? Ist es Schwärmerei für große Pläne, ist es ein Hinträllern politischer Melodien, ist es eine Selbstberäucherung, eine Selbsttäuschung in dem Glauben, daß man Politik macht! Politik ist nach dem Ausdrucke Comtes die Lehre von der Zukunft, auf dem Wissen der Gegenwart gegründet. Savoir pour prevoir, — das ist die Maxime der Politik. Und wenn das für die Politik eines Volkes, das in geordneten Zuständen lebt, dessen Bahn schon vorgezeichnet, dessen Orbite bereits umschrieben ist, bei dem der Wille weniger bedeutet als die Notwendigkeit der Verhältnisse, zutrifft, um wieviel mehr gilt es von einem Volke, das sich sein Glück erst schmieden muß. Da heißt es — auf den Moment passen. Momente sind Endpunkte einer Entwicklung, Meilensteine eines Weges. In der inneren Politik heißen solche Momente Revolutionen, in der äußeren — politische Konstellationen. Es ist zwar das unbestrittene Privilegium von M. Papus, Horoskope aufzustellen, aber jedem Beobachter des gegenwärtigen politischen Lebens in Europa drängt sich die Erkenntnis auf, daß wir große geschichtliche Momente erleben. Ob die großen Zeiten eine würdige Generation finden werden, ist eine andere Frage. Im XIX. Jahrhundert ist es Brauch und Sitte geworden, daß bei jeder internationalen politischen Krise die Frage des nahen Ostens aufgerollt wurde. Ob dies, wie Karl Marx in seinem Buch „The Eastern Question" meinte, ein Kunststück der europäischen Mächte sei, um die Aufmerksamkeit der Völker von den inneren Fragen abzulenken, oder eine wirkliche, aus den Verhältnissen selbst resultierende Wirklichkeitsfrage sei, — wird die Geschichte dereinst entscheiden, die Tatsache bleibt doch wahr. DieSymptome beginnen sich jetzt bereits einzustellen. Schon werden in der letzen Zeit die die Türkei betreffenden Fragen häufig ventiliert. Man spricht schon hie und da ^on der Aufrollung der orientalischen Frage. Sobald Rußland und England sich über die mittelasiatischen Streitfragen geeinigt haben werden, kommt die Reihe an die große vorderasiatische Frage. England. Deutschland, Italien, Frankreich und Rußland sind an der Sache interessiert. Rußland muß einen Ausgang zum Meere haben. Seitdem der Stille Ozean für die (selige) russische Flotte hoffnungslos verloren gegangen ist, wird das Schwarze Meer als Ersatz dienen müssen. Und darum wird Rußland auf der Revision des Pariser Vertrages, auf der Lösung der Dardanellenfrage bestehen müssen. Dies aber ist schon ein Sprungbrett für die Durchsicht der gesamten orientalischen Frage, die zu unabsehbaren Folgen führen kann. Sollte auch das Ottomanische Reich, das ja nur dank der gewandten Politik Abdul-Hamids und den gegenseitigen Schachzügen der europäischen Mächte dem Anstürme der Zeit standhält, in Europa seine Besitzungen behalten, — die asiatischen haben einen zu großen Wert, um von den