Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 39 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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26 DIE ELT No. 39 tüS ZT' Das sind die Motive, welche die Regierung zu solchen „Wohltaten" den Juden gegenüber bewogen haben, und welche über die antisemitischen Gelüste der Herren Irilew, Kokowcew und Wassiltschikow siegen mußten. Die Konferenz des Vereines für jüdische Gleichberechtigung Diese Konferenz wird einberufen zu dem Zwecke, Direktiven zur bevorstehenden Wahlagitation und Bestimmung des Verhältnisses des Vereines zu verschiedenen Parteien auszuarbeiten. Auf der Konferenz wird die Frage der Deputierten in der nächsten Duma behandelt, da die Deputierten in der ersten Duma als Vertreter verschiedener Strömungen und Ansichten über die Aufgaben des Vereines erschienen und sich deswegen nicht einigen konnten. Besonders stark äußerte sich diese Uneinigkeit in den unendlichen Diskussionen über die Existenzberechtigung einer nationalen Gruppe in der Duma. Die Resolution der Konferenz soil diese Frage entscheiden. Außerdem soll auf der Konferenz die Frage des Kampfes mit der Pogromagitation der „Schwarzen Hundert" behandelt werden, die in der letzten Zeit immer stärker wird. Zu diesem Zwecke soll der Verein eine energische publizistische Tätigkeit entfalten. Der Verein plant in der nächsten Zeit eine Reihe von Konferenzen zu dieser Frage zu veranstalten, zu denen auch die Vertreter des „Vereines zur Verbreitung von Bildung unter den russischen Juden" und anderer progressiven Institutionen und Organisationen eingeladen werden sollen. Pogromschrecken Wir erhalten auf privatem Wege die folgende alarmierende Nachricht aus Siedice: Der Gouverneur von Siedice erklärte den Vertretern der jüdischen Gemeinde, daß, wenn in Siedice noch eine Bombe geworfen werden wird, wird kein einziger Jude am Leben bleiben soil. Diese Nachricht hat eine schreckliche Panik unter der jüdischen Bevölkerung hervorgerufen. Von den 74 Verhafteten starb eine Person, 9 wurden freigelassen und 64 sitzen noch im Gefängnis. Aus Brest-Litowsk wird berichtet, daß dort zahlreiche angesehene Juden Drohbriefe mit der Ankündigung erhielten, es würde demnächst anläßlich der Einweihung einer neuen russischen Kirche ein Pogrom veranstaltet werden. Infolgedessen entstand eine gro ße Panik. Mehr als zehntausend jüdische Einwohner haben mit der Eisenbahn und zu Wagen die Flucht ergriffen. Die mittellosen Juden verlassen nicht ihre Wohnungen, andere verbergen sich in Kellern. Die Kaufläden im Judenviertel bleiben geschlossen. Odessa. In den letzten Tagen wurden im Universitätsverteil viele Studenten von 'den Mitgliedern des „Vereins russischer Leute" mißhandelt. Die unter dem Eindrucke der Siedlcer Ereignisse in allen Städten entstandene Pogrompanik beherrscht auch Odessa. Diese Stimmung wurde besonders stark, als die Einwohner bemerkten, daß die jüdischen Häuser mit besondern Zeichen versehen wurden. Die Pogromagitation unter dem Militär wird immer stärker; man hetzt das Militär gegen Juden als Feinde des Volkes und des Vaterlandes. Der „RjetscrT wird mitgeteilt, daß die Administration wegen des Versehens der jüdischen Häuser mit Zeichen eine spezielle Untersuchung eingeleitet hat. Die Polizei behauptet, daß diese Zeichen von der jüdischen Jugend gemacht wurden, welche auf diese Weise einen Pogromschrecken hervorrufen und den „Verein der russischen Leute" diskreditieren wollte. Dem Begräbnisse des Polizisten und Hauswächters, welche vom Anarchisten Tarlo getötet wurden, wohnten alle administrativen Behörden bei. Während des Begräbnisses wurden viele Juden mißhandelt. Nach der Rückkehr vom Friedhof wurde ein Versuch gemacht, ein Judenmassaker zu veranstalten. Auf der Preobraschenski- Straße erfolgte ein Kreuzfeuer mit der Selbstwehr, welches in der Stadt eine starke Panik hervorgerufen hat. Bjelostok. Die Siedlcer Ereignisse haben einen schrecklichen Eindruck auf die schon früher beängstigte Bevölkerung von Bjelostok gemacht. Der Pogromschrecken wurde besonders stark nach dem Attentat auf den früheren Kommandanten der Ochrana, Gribojedow. Viele Einwohner haben angesichts der nahenden Feiertage die Stadt verlassen. Gestern, am 22. September, begaben sich Vertreter der jüdischen Gemeinde zum Generalgouverneur. Dieser antwortete, daß er die bevorstehenden kirchlichen Prozessionen nicht widerrufen darf; wenn die Bevölkerung sich ruhig verhalten wird, so wird auch das Militär ganz passiv bleiben. Nach der Meinung des Generalgouverneurs ist die Bevölkerung von Siedice selbst schuldig, daß es zu solchen Schrecken kam. Die Deputation kehrte vom Generalgouverneur sehr beunruhigt zurück. In der Stadt herrscht Panik. Lublin. Seit einigen Tagen herrscht unter der jüdischen Bevölkerung großer Schrecken. Dieser wurde verursacht durch die Aufrufe, welche auf allen Häusern angeschlagen wurden und in welchen die Kosaken die Bevölkerung zum Pogrom auf die Juden und die Intelligenz autfordern, als Rache für ihre Teilnahme an der Freiheitsbewegung. Elisawetgrad. Während des Gottesdienstes anläßlich des Neuen Jahres brach in einigen Synagogen, welche sich auf demselben Hofe befanden, eine starke Panik hervor. Sie wurde durch den Lärm auf dem Hofe spielender Kinder verursacht. Die Stimmung war schon seit Tagen unruhig, weil Gerüchte zirkulierten, daß in die Synagogen Bomben geworfen werden sollen. Im Gedränge wurden viele Leute ohnmächtig. Melitopol. Die Pogromagitation wird immer stärker, verschiedene hooliganische Proklamationen werden in großen Mengen verbreitet. Tschenstochow. Es zirkulieren starke Pogromgerüchte. Infolgedessen verließen viele Juden die Stadt. Bobrujsk. Die Siedlcer Ereignisse erschütterten die Stimmung der lokalen Bevölkerung. Die Emigration * der wohlhabenden Klassen wächst mit jedem Tage. Kischinew. Die jüdische Emigration wird mit jedem Tage stärker. Die Stimmung ist sehr beunruhigend. Das Organ von Kruschewan „Druh" publiziert hooliganische Aufrufe gegen Juden. Minsk-Mazowieck. Am 21. September gab das Militär während einer Revision des Hauses Nr. 9 in der Woksalnastraße einige Salven als Antwort auf einen Provokationsschuß. Unter der jüdischen Bevölkerung entstand eine große Panik. Die Unruhen wurden sofort unterdrückt. Pinsk. Am 7. September brach eine Feuersbrunst im Kloster aus. Das „Schwarze Hundert", welches nur auf eine Ausrede wartet, um einen Pogrom zu veranstalten, hat diesen Fall ausgenutzt und verbreitete Gerüchte, daß Juden das Kloster in Brand gesteckt haben. Die Stimmung unter der Bevölkerung wurde sehr unruhig. Die Unruhe wurde noch stärker, als auf dem Platze vor dem Kloster geschossen wurde. Doch hat die Polizei und das Militär die Unruhen unterdrückt, und es kam zu keiner Katastrophe. Woronesch. Im ganzen Gouvernement läßt sich eine große Verbreitung von Literatur des „Verbandes des russischen Volkes" bemerken. Die Hetzschriften werden von den hier auf Urlaub weilenden Soldaten aus Petersburg verteilt. Dank der Reaktionäre an das Militär in Siedice Das Zentralkomitee des „Verbandes des russischen Volkes" eröffnete eine Subskription für die Garnison von Siedice, die sich „bei der Niederwerfung des Aufstandes ausgezeichnet habe". Dem „Towarischtsclr* wird aus Kertsch mitgeteilt, daß der Prozeß wegen des Judenpogroms vertagt wurde, nicht, wie die Petersburger Telegraphenagentur angab, wegen des Nichterscheinens von Zeugen, sondern wegen der Abwesenheit eines von den Standesvertretern, der am Prozeß teilnehmen soll. Der Prozeß verspricht, sehr interessant zu sein, weil unter den Angeklagten sich auch General Trubnikow befindet. Im Senat werden in derselben Angelegenheit der Stadtkommandant Klokatschew, der Polizeimeistei Janow und der Polizeikommissar Heibach angeklagt. „Russkii Iinvalid" veröffentlichte eine Resolution der Kosakenkonferenz aus der Ansiedlung Jegorl, welche infolge der Gerüchte, daß die Kosaken aus Ust-Medwied keine neuen Abteilungen zur Niederdrücknng von Unruhen bilden wollen und sich an die Behörden mit der Bitte um Freilassung der mobilisierten Kosaken wandten, gefaßt wurde. Die Kosaken von Jegorl glauben nicht, daß die Doner Kosaken sich des Eidbruches schuldig machen können. Sie sagen, daß die Auslegung Ustmedwied wahrscheinlich von Verbrechern (!) irregeführt wurde, welche zugunsten der Juden und verjudeten Dumadeputierten (!) agitieren, die das ruhige Dongebiet aufhetzen und auf den Ruinen des russischen Reiches ein jüdisches Reich bauen wollen. Einige Mitglieder des „Verbandes des russischen Volkes" haben der Heiligen Synode ein Gesuch vorgelegt, in welchem unter anderni gesagt wird: Um die für das russische Volk heiligsten und teuersten Plätze, die Kijewo Pietscherska Lawra und die Alexandro-Newski Lawra, zu profanieren, verbreiteten die Juden das Gerücht, daß in diesen 2 Lawren hooliganische und Pogromproklamationen gedruckt werden. In die Troizko-Sergiewska Lawra brachten sie als Sekretär einen von den Ihrigen herein. Es ist ein getaufter Jude, welcher der Ungläubigkeit beschuldigt wurde. Dieser wurde jetzt Sekretär der Lawra und verwaltet alle ihre Reichtümer.