Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 39 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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No. 39 Beigeschmackes entbehrt. Erwartet man eine kräftige Anregung der Lachmuskeln? Oder ist es der Wahnglaube, daß sich dort zwei Nationen gegenüberstehen? Und was sind denn die anderen, die lochanans, die Herodes? Es sind ja lauter Juden, — derselbe Typus, dieselben Bewegungen, dieselbe Sprache und dieselbe Musik. Welchen logischen Sinn hat die besondere Judengruppe in einem 21 ausschließlich jüdischen Milieu, mit den grinsenden Gesichtern, mit den buntscheckigen Gewändern, mit diesem neckisch-freundlichen oder lustig-übermütigen, mauschelnden Wimmeln? Das Grimassenschneiden und Sichmokieren sind doch wahrlich mit der stimmungsvollen Atmosphäre nicht vereinbar. Ist es singender Antisemitismus? N. S. ENTDECKUNG DES WILDEN URWEIZENS IN PALASTINA Von Prof. G. SCHWEINFURTH Das naturhistorische Hofmuseum zu Wien besitzt seit fünfzig iahren das Exemplar einer Grasart, an das sich kulturhistorische ragen von größter Tragweite knüpfen, und das aus diesem Grunde iegerstand vieler Kontroversen geworden ist. Nach dem Urteil des Altmeisters der Cerealienkunde, des Geh. Rats, Professors Körnicke in Bonn, dürfte man die Pflanze als die wilde Stammart mseres Kulturweizens betrachten. Der österreichische Botaniker Theodor Kotschy hatte sie auf einer seiner zahlreichen Orientreisen!iei Raschaja am Hermon aufgelesen, die Bedeutung seines Fundes iber nicht geahnt. Über das wilde Indigenat der Pflanze sowie iber den >Grad ihrer Verwandschaft mit dem Kulturweizen wurden Aveifel geäußert, obgleich Körnicke, der die Pflanze in seiner Monographie der Getreidearten (1885) unerwähnt gelassen, weil in- >lge eines unglücklichen Zufalls die im Wiener Museum gemachten .'otitzen verlegt waren, nachträglich mit volier Bestimmtheit und Vn bejahenden Sinne sein Urteil abgegeben hatte. In den Verhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins für Rheinland und Westfalen hatte Körnicke dann 1889 die Kotschysche Pflanze genau ••eschrieben und sie als die Wildform des Emmers (Triticum ■ ■icoccum) mit dem Namen var. dicoccoides bezeichnet. Körnicke atte an dem einen Exemplar des Wiener Museums auch den Beweis erbringen können, daß die Pflanze als eine wildwachsende, icht etwa als eine verwilderte Form oder ein Kulturflüchtling zu eixachten sei. Es ist bekannt, daß unsere Getreidearten sich bisher noch in keinem Lande der Weit (es sei denn das Einkorn in Südwest-Frankreich) als verwilderte -md dauerbeständige Formen erbreitet und eingebürgert haben, zudem wird auch die der Hermonlanze nächstverwandte Unterart des Kulturweizens, nämlich der mmer, heutigen Tags in Vorderasien nicht mehr angebaut. Man ■iat bisher Emmer weder in Klelnasien noch in Syrien irgendwo gebaut gefunden aber Hausknecht hat die primitive Form des ' ulturweizens im Lande der' Bachtyaren, des alten rätselhaften V Vikerrestes von Luristan, angetroffen. Mittlerweile waren viele Jahre verflossen, ohne dal) es aller ■.■mühungen ungeachtet möglich gewesen wäre, Genaueres über s Vorkommen und die weitere Verbreitung der interessanten asart vom Hermon in Erfahrung zu bringen/ In diesem Sommer es endlich dem in verschiedenen naturwissenschaftlichen Dis- >lieen wohlbewanderten Agronomen Aaronsohn gelungen, die von . rschy bei Raschaja gefundene Pflanze anch am "Süddstabfall des -rmon bei Arny und, was in Anbetracht der genaueren Brechung des Westjordangebietes noch mehr überraschen muß, ch bei Rosch-Pinah und an den Ostabf allen des Dschebel Safed d Kanaan einzusammeln, überall in reicher Verbreitung. Rosch- •nah ist eine jüdische Agrikulturstation von 800 Seelen in der ihe von Dschaune und in Nordwest vom See von Tiberias gej;en. Aaronsohn, der seine Ausbildung auf der landwirtschaftlichen chschule zu Grignon erhielt, ist der Sohn eines Kolonisten von -hron-Jakob, (Erinnerung an Jakob, eine Stiftung von James thschild) bei Haifa und von Jugend auf in ländlichen Verhältnissen : ogen. Seit etwa 2 Jahren hat Aaronsohn im Auftrage der ^nistischen Kommission zur Erforschung von Pastina als Geologe und Botaniker verschiedene Erkundigungs- 'd Forschungsreisen ausgeführt, davon zwei in Begleitung Dr. ianckenhorns, des besten Kenners der Geologie jener Gegenden. Man kann sich vorstellen, wie vieles noch in diesem so oft preisten Lande ausfindig zu machen sein muß, wenn eine glänze von der Bedeutung des wilden Emmers so lange unbeachtet 'eiken konnte. Von einer verwilderten Form kann jetzt keine ede mehr sein, nachdem die Grasart an so vielen und räumlich; eitgetrennten Orten, dann auch iu verschiedentlich abweichenden Spielarten angetroffen worden ist. Die ältesten historisch nachweisbaren Gebiete des Weizenbaus;; nd die Länder am Euphrat und am Nil; der in einer dazwischenlegenden Gegend erbrachte Nachweis der Urheimat dieses vornehmsten Symbols der menschlichen Kultur muß daher für die Geschichte der letzteren von großer Bedeutung sein. Allerdings darf nicht außer acht gelassen werden, daß die weiter westlich gelegenen Gegenden Vorderasiens botanisch noch sehr unvollständig erforscht sind, und daß es nicht unwahrscheinlich erscheint, daß die Grasart die Kotschy und Aaronsohn in Palästina und am Antilibanon entdeckten, noch eine weite Verbreitung in dieser Richtung besitzt. Zunächst aber mögen zur Orientierung des Lesers einige Bemerkungen gestattet sein, um flüchtig die verschiedenen Verwandtschaftsgrade' anzudeuten, die sich aus dem gegenseitigen Verhalten der durch den Anbau entstandenen Rassen des Kulturweizens sowie aus seinem Verhältnis zu den ihm nahestehenden wilden Triticumarten ergeben. Bei den durch die Kultur zum Vorteil des Menschen veredelten Grasarten wird das durch die Jahrhunderte fortgesetzte Bestreben der Anbauer und Züchter klar,.denjenigen Formen als Dauerformen den Vorzug zu geben, deren Ähren auch bei der Reife im ganzen ein festes Gefüge bewahren, im einzelnen aber die Körner leicht ausfallen .lassen, mit andern Worten, das Bestreben, Ähren zu erzielen, mit fester und unzerbrechlicher Spindel, und mit daran sitzenden Ährchen, deren Spelzen die Körner nicht allzufest umschließen. Bei den kultivierten Rassen von Reis und Gerste, auch beim Hafer ist das letztgenannte Kulturziel noch nicht vollkommen erreicht, aber beim Weizen tritt das Zuchtprinzip nach beiden Richtungen hin ganz klar und offenkundig in die Erscheinung. Man kann daher diejenigen Kulturformen, bezw. Kulturunterarten, deren Spindel leicht in ihre einzelnen Glieder zerfällt und deren Ahrchen mit den an ihnen haftenden einzelnen Spindelgliedern (zusammen „Veesen" genannt) das Fruchtkorn so fest umklammert halten, daß es nicht durch gewöhnliches Dreschen, sondern durch ein eigenes Verfahren („Gerben") erst nach Zerdrückimg der Veesen freigelegt werden kann, als die primitiveren, als Reliktformen aus dem Altertum betrachten. In diese Kategorie fallen der Emmer (Tr. dicoccum), der Spelz, auch Dinkel genannt (Tr. Spelta) und das Einkorn (Tr. monococcimi). In der tat können, was Emmer und Einkorn anbelangt, chronologisch beglaubigte Funde angerufen werden, die einen1 in die ältesten Zeiten hinaufreichenden Anbau verbürgen. Vom Spelz, der ein nicht ganz so altes Kulturprodukt wie der Emmer zu sein scheint, hat sich bis jetzt noch nirgends eine wilde Stammart nachweisen lassen; die nahe Verwandtschaft mit dem gewöhnlichen Kulturweizen ist aber wesentlich durch Kreuztingsversuche erwiesen worden, die ebenso wie beim Emmer ein fruchtbares Korn erzielten, was beim Einkorn in.seinem Verhalten zum Kulturweizen nicht der Fall war. Im alten Ägypten ist der Emmer, wie man bei der Häufigkeit und zum Teil Massenhaftigkeit seines Vorhandenseins in den Gräbern und unter den Totenbeigaben zu urteilen berechtigt ist, vorzugsweise angebaut worden. Desgleichen fanden sich Emmerähren und -körner in den ältesten Pfahlbauten der Schweiz (Robenhausen und Wangen). Heute finden wir den Anbau von Emmer und den von Spelz in stetiger Abnahme begriffen und gerade unter manchen Völkern, die selbst als Relikte des grauen Altertums zu betrachten sind. Außer in Schwaben und der Nordschweiz, sowie in Serbien wird heute noch Emmer angebaut in den baskischen Provinzen und, wie bereits erwähnt, bei den Bachtyaren Persiens. Der festspindelige Weizen, unser gewöhnlicher Kulturweizen muß sich übrigens schon in sehr alter Zeit von der Urform differenziert haben, denn wir finden ihn, immer in Begleitung des Emmers im alten Ägypten, sogar in den ältesten Gräbern, die bekannt wurden und ebenso in gleicher Gemeinschaft mit der primitiven Form in Pfahlbauten der Schweiz (Wangen), die dem jüngsten Neolithicum angehören, hart vor dem Beginn der Bronzezeit. Im heutigen Ägypten ist die Emmerkultur verschwunden, an ihre Stelle ist die des' Hart- oder Glasweizens (Tr. durum) getreten, in derselben vor den übrigen Rassen prädominierenden Weise wie ehemals der Emmer. Der Hartweizen, der im gesamten Mittelmeergebiet und vorherrschend in Nordafrika angebaut wird, ist in Ägypten durch eine große Formenreihe vertreten. Ich sammelte