Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 39 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316226--48566-3343500- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
alle Kraft des inneren Blickes verlassen, und die heilige Weisheit war von ihm gewichen, und so saß er und schlug die Hände ineinander und konnte nichts denken als dieses: „Was ist dies und warum ist dies, das mir Gott hier getan hat?" Endlich brach die Nacht heran, und der Schlaf kam sanft und gütig über ihn. Als er sich am Morgen erhob, fühlte er eine neue Kraft in sich keimen und betete mit Macht, denn er reiste nie von einem Orte ab, ohne zu Gott geredet zu haben, und sodann befahl er dem Diener Aleksa, die Pferde, die in den Stall gebracht worden waren, vor den Wagen zu spannen. Aber der Diener kehrte sogleich zurück und berichtete, die Haustür sei geschlossen. Da ging der Meister zum Hausherrn und bat ihn, die Tür zu öffnen und sprach: „Nimm unseren Dank für alle Freundschaft, die du uns erwiesen hast, und wolle uns nun den Weg weisen, darauf wir am schnellsten nach unserer Heimat zurückkehren können." Jener aber gab zur Antwort: „Mit nichten, sondern ihr werdet noch meine Gäste bleiben." Und er ließ sich nicht erbitten und hielt sie gleichsam gefangen in seinein Hause bis zum vierten Tage. Am Morgen des vierten Tages aber kam er zu ihnen und sprach: „Heute werde ich die Tür öffnen." Und während er dies sagte, sah er sie in einer seltsamen Weise an und ging. Da kam ein Grauen über sie. denn sie verstanden sein Gebaren nicht und so schlich sich ihnen in den Sinn, ob er sie nicht ermorden wolle. Während sie aber solcher Furcht nachsannen, öffnete sich die Tür zu einem der verschlossenen Zimmer und eine schöne und edel gekleidete Frau trat hervor, die neigte sich vor dem Meister und sprach: „Rabbi, ich erbitte von Euch, Ihr möget mit Euren Schülern bei mir den heiligen Sabbat feiern." Der Baalschem antwortete ihr: „Du nennst mich Rabbi. Wie konntest du da zulassen, daß mein Sabbat dergestalt zerstört wurde?" Da fragte die Frau: „Rabbi, erkennet Ihr mich nicht?" Er sprach: „Nein, ich erkenne dich nicht/* Sie sprach: „Als ich fast noch ein Kind war, diente ich in Eurem Hause. Ich war eine Waise, und kein Mensch lebte mir in der Welt. Über meinen Händen aber waltete ein Ungeschick, also daß ich manches kostbare Gefäß, das ich trug, zu Boden fallen und zerschellen ließ. Darob ermahnte mich Eure Frau gar häufig. Da wurde einmal der Sabbattisch bereitet und Eure Frau wollte die Schüsseln auftragen. Ich aber mochte weisen, daß ich gewandter worden war, und bat sie, die Sabbatschüssel in meine Hände zu geben. Kaum aber hielt ich sie, da kam ein Zittern in meine Finger, und ich ließ die Schüssel fallen. Da erzürnte sich Eure Frau über mich und gab mir einen leichten Streich ins Gesicht. Ihr aber saßet unfern und sähet es und ließet es schweigend geschehen. Da schrie eine Stimme in den Himmeln laut auf und das Urteil ward über Euch gesprochen, daß Ihr'um Eures Schweigens willen verlieren solltet, was Euch in der kommenden Welt bestimmt war. Mir aber geschah später die Gnade, daß ich von diesem Manne, der ein großer Zaddik ist und seine Heiligkeit in seinem Tun verbirgt, zur Frau genommen wurde. Er war es, der mir eröffnete, was über Euch verhängt worden war. Da begannen wir zu Gott zu beten, daß das Urteil gewandelt werde, und unsere Bitte wurde uns gewährt, und es ward milder und immer milder, bis man aussprach, daß Euch ein Sabbat zerstört werden müsse, denn der Sabbat ist die Quelle der kommenden Welt. Und uns wurde es aufgegeben, Euch solches anztitun. Aber nur, wenn wir es ganz und gar vollendeten, so ward uns gesagt, würde unsere Tat das Verhängnis vernichten. So haben wir es denn getan im Wehe unserer Herzen. Und nun ist Euer Teil zu Häupten des obersten Paradieses."!n diesem Augenblicke kehrte die Weisheit zum Meister zurück, und der innere Blick lebte in ihm auf, und er sah in die Tiefe der Geschicke und sah sein Heil und sah den heiligen und heimlichen Mann in seinem wahren Wesen vor sich stehen. So gingen sie mitsammen in die geschmückten Räume und verblieben miteinander diesen und die nächsten Tage und feierten den Sabbat in hoher Freude. Aus meinem Notizbuch. Während die russischen Moltkes in das jüdische „Hekdesch" von Siedice hineinkartätscht haben, und während auf der anderen Hemisphäre Onkel Jonathan unsere Märtyrerwaisen — die Kinderchen, von denen gesagt worden ist: „Laßt sie nur zu mir kommen!" — brutal zurückgestoßen und nur mit schwerer Not hineingelassen hat, bekam ich ein Flugblatt, in dem uns ein Rabbiner belehrt, daß die Mission der Juden, die Verbreitung des Monotheismus, der Moral etc. eigentlich schon beinahe durchgeführt worden ist. Es bliebe nur noch übrig, die Hottentotten, die Witboys und noch einige winzige Stämme zu erleuchten. Und das wird ausgewalzt wie ein Strudelteig. Das Judentum ist kein Volkstum, sondern ein Ideen-Export-Artikel, — ergo ist es besser, ein bequemes Hausiererleben zu konstruieren, als ein Volksideal zu pflegen, und deshalb ist der Zionismus — eine Gefahr. Der Herr Rabbiner spricht hoheitsvoll und mit sanfter Würde. In lichtere, höhere Welten will er uns heben. Zart, fein und diskret macht er die Anzeige wegen Landesverrat. Die Zionisten beteuern ihre Loyalität. Das ist eben ein Beweis, daß sie nicht loyal sind. Hier wird ein logischer Cake-Walk getanzt, denn der gute Herr Rabbiner gibt bei dieser Gelegenheit seiner eigenen Loyalität einen so überschwänglichen Ausdruck, daß man konsequenterweise recht hätte, dieselbe zu bezweifeln. Und aufs höchste schockiert den guten Rav, daß Rabbiner, die Zionismus predigen, angestellt werden. Sie sollen lieber ihre Oberzeugungen für sich behalten. Denken und predigen sind zwei Sachen. Er zielt und trifft ins Schwarze. Es ist Erew-Jom-Kippur, — und ich möchte nicht zürnen. Es wird doch wahrscheinlich erwidert werden, und ich will nicht vorgreifen. Aber danken muß ich dem Herrn Rabbiner für den unwillkürlichen Humor, der in dieser Sache steckt. Ich will nur ein Rahmabschöpfer des Humors sein. In qualvoller Todesangst, in einer Pogrom-Welt wirkt dieser Hauch von Stettiner Gottesgnädigkeit mit der angeblich schon erfüllten Welt-Moral-Mission grotesk-komisch. Und das Aufwärmen des schon vergessenen Rabbinerprotestes — auch ein Stück Komik. Es gehörte eigentlich in ein Museum der Altertümer neben die bronzene Axt, das Spinnrad und — den Rabbinerbann. Köstlich ist der prinzipielle Widerspruch, der aus diesem Gebaren hervorglotzt. Das Judentum soll nur ein Bekenntnis sein. Die Rabbiner wären also nur als Bekenntnis-Autoritäten zu betrachten. Damit wird ja ihre Kompetenz für politisch-nationale Fragen aufgehoben. Und nun werden sie mit einein Ruck Politiker. Ist es nicht Akrobatentuni? Koscher oder Trefa, — meinetwegen Chor oder Orgel, möge der Rav entscheiden! Und dann „wird man ihm gehorchen wie dem Rav" — sagt eine jüdische Redensart. Aber — es ist Erew-Jom-Kippur . . . Ich habe Salome von Richard Strauß auf der Bühne des Kölner Stadttheaters gehört. Die Legende von dein Johanneskopf, moderne kräftige, aber innerlich zerrissene Musik. Sehr viel Wagner, mit italienischen Nachklängen. Ein Schaustück, Herodes-Pracht, aber sehr wenig palästinensisches Kolorit. Dabei ist eine jüdische Gruppe, ein Quintett. Es sieht wie eine Ghetto-Schelmerei aus. Das Quintett treibt allerhand Schabernack, welcher nicht eines naiv-antisemitischen