Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 39 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316226--48565-3343499- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 39 DIE^ELT 19 Im Büffet lagen 25 Rubel, die sie sich aneigneten. Sie nahmen daraufhin eine Haussuchung vor und entfernten sich. Die Wirtin L. begleitete sie bis zur Pforte hinaus, wo sie Zeugin folgender Szene war. Aus der benachbarten Bude des M. wurden verschiedene Waren auf die Straße geworfen, in Säcke gepackt und davongeführt. Alles dies geschah in Gegenwart eines Offiziers. Sie kehrte in ihre Wohnung zurück. Nach 2 Stunden erschienen wieder die Soldaten und forderten wiederum Geld. Sie gab ihnen 1 Rubel. Als sie sie hinausbegleitete, sah sie noch immer die Soldaten, die unermüdlich die Waren des M. raubten. Außerdem hat dieselbe L. folgendes Gespräch des Dragoneroffiziers X. mit dem Beamten für besondere Aufträge des Gouverneurs belauscht. „Dieses Magazin", sagte der Dragoneroffizier, indem er auf das Geschäftslokal des R. hinwies, „konnten wir nicht öffnen, wie sehr wir auch stürmten, über jenes", setzte er hinzu, indem er die Bude des M. bezeichnete, „wurden wir leicht Herr." Dieselbe Frau war vor Beginn der Massakers bei der Frau des Sekretärs der Gouvernementsvenvalüing W. und letztere erzählte, daf3 Siedice ein Pogrom bevorstehe. Am Sonntag den 27. wurden in einem Hause auf der Penknastr. zwei junge Mädchen F. und S. erschossen. Sie hatten in ihrer Angst sich auf dem Boden versteckt. Nach ungefähr einer halben Stunde erschienen in demselben Hause ein Offizier mit einigen Dragonern. Als die Schwester der S. sie fragte, warum man ihre Schwester erschossen habe, erklärte der Offizier, daß aus diesem Hause geschossen wurde und die Soldaten daher eine Salve abgefeuert hätten. Einwendungen irgend welcher Art wurden nicht zugelassen. Sie fertigten sie mit der zynischen Erklärung ab, daß nach zwei Stunden in diesem Hause niemand mehr am Leben1 sein werde. Unterdessen wurde von den Soldaten eine Haussuchung angestellt, wobei sie sich 50 Rubel aneigneten. Auf die Bitte, wenigstens einen Teil des Geldes für die Kinder, um Brot zu kaufen, zurückzulassen, wurde sie von Soldaten mit den Worten angefahren: „Schweig (darauf folgte ein grobes Schimpfwort) sonst schlage ich dich tot." — Am nächsten Tage erschien eine neue Truppe Dragoner mit ihrem Offizier. Die Frau flehte den Offizier an, ihr Schutz zu verleihen und sie zur Stadt hinauszubegleiten. Der Offizier willigte ein, und sie nebst Kinder wurden hinausbegleitet. Auf dem Wege blieben die Soldaten neben dem Gefängnis stehen mit den Worten: „Dein Geld her." Sie hatte im Strumpfe ihre einzigen 4 Rubel versteckt, von denen sie 3 Rubel den Soldaten gab und nur 1 Rubel für die Reise behielt Die Kinder hatten seit zwei Tagen weder gegessen noch getrunken. Als durststillendes Mittel stand ihnen bloß stagniertes Regenwasser zur Verfügung. Bei dem Juden T., der Medaillen für Eifer aufzuweisen hatte, erschienen Soldaten mit einem Offizier an der Spitze. Um sich vor dem Tode zu retten und seine Habe nicht zertrümmert zu sehen, legte der Jude die Medaillen an. Der Offizier B. entriß ihm dieselben mit groben Schimpfworten und schlug ihn mit der Faust ins Gesicht. Dieser Fall wurde von T. der aus Warschau angelangten Kommission mitgeteilt. {?- □□□□□□ FEUILLETON □ □□□□□Ii o .......<U o DIE LEGENDE DER CHASSIDIM Von MARTIN BUBER 5. Der schlimme Sabbat (Schluß). Der Baalschein und die Seinen saßen nun da und sahen dem Manne zu, der in der Stube aus- und einging, und verwunderten sich über ihn, denn sie hatten noch nie einen Menschen gesehen, der so plump und roh und unsauber war wie dieser. Auch in cler Stube waren Boden und Wände besudelt, und weder Tisch noch Bank standen da, sondern vier Pfähle waren in die Diele eingerammt und darauf lag ein unbehobeltes Brett. Bald bemerkten sie, daß dies der einzige Wohnraum war, denn wohl gab es andere Stuben im Hause, aber sie waren alle verschlossen und die Türen waren grau vor Staub und mit Spinngeweb bezogen, als ob sie nie geöffnet würden. Auch war nirgends ein lebendiger Hausgenosse zu sehen, nicht einmal eine Katze oder ein Vogel. Der Abend war nahe, und noch erblickten sie nirgends weder Geräte noch Speisen zu Ehren des Sabbats. Der riesige Mann ging müßig umher, schnitt zuweilen eine Schnitte von einer ungeheuren Wassermelone ab, die in einer Ecke lag und steckte sie in den Mund. Dann ging er wieder einher und summte vor sich hin nach der Art der Bauern. Die Gefährten befiel ein Schrecken, er könnte gar des Sabbats nicht achten und ihm die Weihe versagen, der alle Juden in der Welt mit einigem Eifer dienen. Da nahm er aber ein Stück grober, ungebleichter Leinwand und breitete es auf seinem elenden Tische aus. Darauf legte er einen kleinen Haufen Lehm, bohrte mit dem Finger ein Loch hinein und tat in dieses eine armselige Wachskerze, Nun begann er die süßen und holden Worte, mit denen seit Urzeiten Woche für Woche in allen Ländern der Erde der Sabbat als die Braut unserer Seele empfangen wird, in eitler Eile herzusagen wie die Toren tun, die die Laute schlingen und den Sinn des Wortes ersticken. In einem Augenblick hatte er das Gebet vollendet, und die Gäste mußten desgleichen tun, von ihrem Versprechen gebunden. Wie sehr sie auch sein Wesen und sein Wille peinigte, konnten sie doch in der Heiligkeit des Abends keinen Haß wider ihn hegen und riefen ihm zu: „Gut Sabbat!" Er aber schnaubte sie zur Antwort an: „Ein böses Jahr komme über euch!" Und als sie den Sang anstimmen wollten: „Friede sei mit euch!", fuhr er auf sie los und machte sie schweigen. Dann schickte er sich an, den Segen über den Wein zu sprechen. Sie baten ihn, er möge ihnen Wein geben, damit sie selbst den Segen tun-könnten, aber er weigerte ihn und rief: „Wenn ihn alle segnen wollten, wird das Licht bald dahin sein. Laßt nur mich es für euch tun." Und so nahm er den Becher zwischen zwei Finger und murmelte die Worte vor sich hin. Sodann tat er den Mund weit auf und goß den Wein hinein, daß nur ein paar Tropfen auf dem Grunde des Bechers blieben. Die reichte er ihnen und sagte: „Da, ihr Saufbolde, aber trinket nicht zuviel, daß ihr euch nicht berauschet." Nun legte er ein hartes, schimmliges Brot aus schwarzem Mehl und Roggenkleie auf den Tisch und brach für jeden ein Stück ab. Und als einer von den Schülern nach dem Laib greifen wollte, um sich ein zweites Scheibchen abzuschneiden, stieß ihn der Hausherr zurück und sprach zu den Gästen: „Waget es nicht, mit euren eklen Händen an mein Brot zu rühren." Hierauf setzte er ihnen eine Schüssel mit dünnem Linsenbrei vor und legte vor jeden einen großen Löffel und hieß sie hineingreifen und essen, denn Teller und dergleichen Feinheiten mehr gebe es hier nicht. Dabei neigte er sich über die Schüssel und schöpfte sich einen Löffel voll Brei und aß mit gieriger Hast, daß ihm die Brühe aus den Mundwinkeln in die Schüssel zurückfloß und die Gefährten es nicht mehr über sich vermochten, eine Hand nach der Speise auszustrecken. Nach dem Mahle wollten sie die Sabbatlieder singen, aber auch das verbot er ihnen, sagte schnell und allen Brauch vernachlässigend das Tischgebet herunter und erhob sich, um den Gästen auf dem Boden ein unwürdiges Lager zu bereiten. In der ersten Morgenfrühe erwachten sie und hörten ihren Gastwirt umhergehen, und das Morgenlied, das mit den Worten anhebt „Die Seele alles Lebendigen", nach einer bäurischen Tanzweise absingen. Damit begann ihr Tag, und er wurde noch bitterer und leidvoller als der Abend gewesen war. Den Baalschem hatte