Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 39 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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alt. Er ist am Kopfe, der rechten Hand, Hüfte und Schulter verwundet. Das Gesicht trägt Spuren einer unlängst überstandenen Folterung. Die Augen sind von Blut unterlaufen. Er wurde bei nachstehenden Umständen verwundet: Am Sonnabend den 26. September kamen in sein Uhrengeschäft drei Dragoner und erklärten ihm, daß die Erlaubnis erteilt worden sei, den Handel auch nach 8 Uhr abends fortzusetzen, und daß er deshalb sein Geschäft auch offen lassen könne. S. schenkte den Dragonern Glauben und beeilte sich nicht, sein Magazin zu schließen. Als er jedoch die ersten Schüsse vernahm, versteckte er sich nebst Familie wie auch sein Nachbar in den Keller unter dem Magazin. Um r?9 Uhr abends hörte er, daß sein Geschäft gestürmt und sein Besitz zertrümmert wurde. Er verließ sofort den Keller, zündete ein Licht an und öffnete die aus der Küche zum Magazin führende Tür mit den Worten: „Warum brecht ihr hier ein, ich bin der Wirt". Im Magazin hausten ca. 50—60 Soldaten aus dem Libauschen Regiment, die von ihrem Feldwebel angeführt wurden. Auf seinen Befehl wurde S. nebst Nachbar aus dem Geschäft auf die Straße geführt, wo man ihnen erklärte, daß sie arretiert seien. Auf dem Wege zur Polizei erblickten sie einen Chef der Schutzwache, Herrn ^Schott offsky und fragten ihn, warum man sie eigentlich arretiert habe, da bei ihnen doch nichts gefunden sei. Anstatt einer Antwort von Tischonoffsky verspürten sie anfangs bloß entsetzliche Nagaikahiebe, denen ein unbarmherziges Foltern folgte. Die Soldaten des Libauer Regiments und Dragoner stachen und hieben mit Kolben und Säbeln auf sie ein. Darauf wurde S. mit seinem Nachbar G. zur Polizei geführt, von dort wieder auf die Straße geschleppt, wo die Qualen aufs r:eue begannen. Erbärmlich zerschlagen und fast atemlos wurden sie wieder zur Polizei gebracht, wo sie abermals von den Dragonern gepeinigt wurden. Nur dank der Anteilnahme eines bekannten Wachmannes wurden sie verhaftet und dadurch vom Tode gerettet. Nach ungefähr drei Stunden wurden sie ins jüdische Krankenhaus gebracht. II. In demselben Krankenhause befindet sich auch eine verwitwete junge Jüdin L. — 22 Jahre alt, deren Mann und Mutter getötet wurden. Vor den Kugeln Rettung suchend, versteckte sie sich nebst Mann und Kindern (3 und 3 4 Jahre alt) in einem ihrer Zimmer, wo es ihnen am sichersten erschien. Als am nächsten Morgen das Schießen ein wenig aufgehört ging ihr Mann auf die Straße und fragte die an der Pforte stehende Patrouille, warum geschossen werde. Der Soldat antwortete, daß das Militär auf die Schüsse erwidere, die aus den Häusern kämen, wobei er noch hinzufügte: „Auch aus diesem Hause wurde geschossen". Der Frager war sehr erstaunt und sagte, daß aus diesem Hause niemand geschossen habe. In demselben Augenblicke wurde von Soldaten dreimal in die Luft geschossen. Gleich darauf folgten in der Nähe Flintenschüsse. Bald erschienen Soldaten und nahmen eine Haussuchung vor, wobei sie auch 30 Rubel mit sich nahmen. Als die Soldaten sich entfernt hatten, war man in der Wohnung beruhigter, da man sagte, es sei bei ihnen ja nichts gefunden und die Soldaten schienen die Schüsse in die Luft abzufeuern. Jedoch kaum hatte der Mann der Familie, die aus dem Zimmer zum Korridor führende Tür geöffnet, als von Seiten der gegenüberstehenden Patrouille eine Salve abgefeuert wurde, wobei die Kugeln den Mann an Nase und Arm verwundeten. „Ich beschloß sofort, ihn ins Krankenhaus zu befördern. Ich trat daher auf die Straße und fragte einen Dragoner, wieviel er für das Hinführen meines Mannes haben möchte. Er verlangte 1 Rubel 50 Kopeken. Ich gab ihm 2 Rubel, und wir machten uns auf den Weg. Doch bald weigerte er sich, uns weiter zu führen. Ich bat ihn, er möchte uns zu dem in der Nähe gelegenen Hause meines Vaters führen. Er brachte uns dorthin und verlangte wieder Geld. Ich ging zu meinem Vater, welcher dem Soldaten noch einen Rubel gab. Letzterer verlangte aber mehr. Ehe mein Vater noch Geld gefunden hatte, feuerte der Soldat drei Schüsse ab, wobei er meinen Mann am Unterleib verletzte. Mutter und ich wurden schwer am Fuße verletzt. Wir wurden vom Vater ins Zimmer getragen. Ungeachtet der Bitten meines Vaters wurden wir nicht ins Krankenhaus befördert; und als mein Vater sich mit derselben Bitte an den Chef der Schutzwache Tischanoffsky wandte, wurde er geschlagen und zuletzt noch verhaftet. Erst am nächsten Tage wurden wir privatim ins jüdische Krankenhaus gebracht, von wo aus meine Mutter ins Marien-Krankenhaus befördert wurde. Dort mußte sie sich einer Operation unterziehen, die den Tod zur Folge hatte. Mein Mann starb infolge des Blutverlustes. Es wurde von den Ärzten konstatiert, daß bei rechtzeitiger Hilfeleistung sie vielleicht beide leben geblieben wären. Dank der Anteilnahme eines bekannten Offiziers wurde mein Vater schon am 4. Tage aus dem Gefängnis befreit." III. Eine Soldatengruppe näherte sich dem Tabakmagazin des G., dasselbe war geschlossen. Ein starkes Eisengitter umgab Fenster und Tür. Ganze 16 Stunden arbeiteten die Soldaten mit Brecheisen, die sie u. a. vom Brandmeister erhielten, bis sie endlich das Magazin erbrachen. Der größte Teil der Ware wurde geraubt. Der Verlust beträgt 12000 Rubel. Als die Untersuchungskommission aus Warschau ankam, wandte sich der Kaufmann G. an dieselbe mit der Bitte, die Soldatenkasernen einer Untersuchung zu unterwerfen. Dieselbe wurde genehmigt. Zu diesem Zwecke begaben sich zu den Kasernen der Polizeimeister, der Artilleriekommandeur, einige Zeugen und unser Kaufmann. Dort wurde eine Menge verschiedener geraubter Sachen gefunden, u. a. auch Tabak. Als der geschädigte G. die Aufnahme eines diesbezüglichen Protokolls verlangte, wurde ihm mit dem Tode gedroht, wenn er sich nicht sofort davon machte. Es ist wohl überflüssig, zu bemerken, daß die geraubten Sachen nicht unter Siegel gelegt wurden. Der Jude S., 17 Jahre alt, stand am Sonnabend abend an der Pforte seines Hauses, als er von drei Dragonern herangerufen wurde, die ihn baten, mit ihnen einen Rundgang durch die Magazine zu machen und die Erlaubnis des Chefs der Schutzwache mitteilten, daß der Schluß der Magazine auf nach 8 Uhr abends hinausgeschoben werden könne. Aus Furcht vor den Dragonern benachrichtigte der Jüngling eine Reihe von Buden von der Erlaubnis des Chefs der Schutzwache, wobei seine Worte von den Dragonern bestätigt wurden: „Kann man heute auch nach 8 Uhr die Straßen passieren?" „Heute könnt ihr spazieren, so lange ihr nur wollt", antworteten die Dragoner. Nachdem der Jüngling seinen Rundgang auf der Penknastraße beendet hatte und in der Nähe des Ungarischen Gasthauses stehen blieb, hörte er auf der Warschauer Straße plötzlich einen Revolverschuß. Es konnte ungefähr Vg9 Uhr abends sein. Nach einigen Momenten wurde auf derselben Stelle ein zweiter Revolverschuß abgefeuert. Nach dem zweiten Schuß sprangen die Dragoner mit folgendem Ausruf auf ihre Pferde: „Soldaten, greift zu den Flinten, man schießt." Bald darauf wurden an derselben Stelle, wo die Revolverschüsse hörbar waren, Flintenschüsse abgefeuert. Die Dragoner eilten davon. Der Jüngling versteckte sich unterdessen in einem in der Nähe sich befindenden unbewohnten Hause, wobei er eines der Fenster einbrach und sich in ein abgelegenes Zimmer verkroch. Am nächsten Morgen um 7 Uhr erschienen daselbst zwei Offiziere und 12 Soldaten des Libauschen Regiments. Die Soldaten waren vollständig betrunken. Sie fanden den Jüngling und fragten ihn, was er im Hause tue. Er erklärte, daß er sich vor den Schüssen retten wollte. Unter groben Schimpfworten wurde er einer Untersuchung unterworfen, Die 25 Rubel, die er bei sich hatte, wurden ihm fortgenommen. Auch hatte der Offizier seine Uhr zu sich gesteckt. Als er jedoch darauf das Porträt des Kaisers erblickte, gab er ihm dieselbe zurück. Hierbei wurde der Knabe auch mit dem Tode bedroht. Es wurde sogar eine Kugel auf ihn abgefeuert, die glücklicherweise vorbeiflog. Von Angst getrieben, flehte der Jüngling um Erbarmen. Als der zweite Offizier sah, daß die Soldaten ihn niedermetzeln wollten, rief er ihnen zu: „Rührt ihn nicht an." Darauf wurde ihm die Möglichkeit geboten, das Haus zu verlassen. Man zog ihm eine Soldatenuniform an und geleitete ihn bis zum Dorfe Starowell, wo er wieder seine Kleider anzog. Auf seine Bitte gab ihm der Offizier 50 Kop. zur Reise. Auf dem Wege sah er eine Fuhre, die mit Leichen besetzt war. Diese Fuhre wurde von Soldaten aus der Stadt herausgeführt. IV. Zum Hausbesitzer K., 81 Jahre alt, der sich eines sehr guten Rufes erfreut und sogar 2 Medaillen für Eifer besitzt, drangen am 26. September nachts Dragonersoldaten und deren Offiziere ein. Sie stellten eine Haussuchung an, schleppten den alten Mann aus dem Bette und begannen sein Hab und Gut zu plündern. Als sie sich die Medaillen aneignen wollten, rief ihnen der Alte zu: „Wie wagt ihr des Kaisers Geschenk zu nehmen!" „Schweige, sonst erdrosseln wir dich", war die Antwort, wobei ihm mit dem Bajonett gedroht wurde. Auch verlangten sie die Schlüssel zum Geldschrank. „Der Besitzer des Geldschrankes ist augenblicklich abwesend. Warten Sie bis morgen, er wird dann wohl hier sein und Ihnen die Schlüssel geben", Die Soldaten begnügten sich nicht mit dieser Antwort und wollten den Geldschrank aufbrechen, was ihnen jedoch nicht gelang. Der anführende Offizier nahm daher die Schnüre aus dem Gebetmantel des K., griff nach Siegellack und versiegelte damit den Geldschrank. In der nächstfolgenden Nacht erschienen wieder die Soldaten, schleppten den Geldschrank auf die Straße, brachen ihn auf und bemächtigten sich des Inhalts. Der Geldschrank wurde nachher auf der Straße gefunden. V. Bei der Hausbesitzerin L. erschienen am Sonntag morgen vier Dragoner. „Wo sind die Männer?" fragten sie die Wirtin, die ihnen die Tür öffnete. Sie traten in die Wohnung und forderten Geld.