Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 39 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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No. 39 DIE3^ELT 17 ezhoben wider Ihn und verwirren die Herzen der rechtgläubigen Christen, zu unser aller Schmerz. Freunde und Brüder in Christo! Der heilige orthodoxe Glaube, die Liebe und Treue zu unserem guten Zaren, die Pflicht gegen das Vaterland und die Ehre des echt russischen, rechtgläubigen Christen legen uns die Pflicht auf, den Agitatoren ein Halt zuzurufen, diesen unseren Feinden, die das Volk aufwiegeln, und sie den Behörden zu überliefern, denn nur so können wir unsere Fehler gut machen und aller Welt beweisen, daß unserer Seele nicht fremd sind die heiligen Worte Gottes des Herrn, der uns geboten hat, der Obrigkeit Untertan zu sein, da „keine Obrigkeit ist, die nicht von Gott wäre". An diesen salbungsvollen Gallimathias, der unter der Maske christlicher Friedfertigkeit in schändlichster Weise die jüdische Bevölkerung verleumdet und die Russen gegen sie aufhetzt, schließt sich eine rührselige Jeremiade, die ihren Erfolg auf den für dergleichen verschwommenes Zeug sehr zugänglichen Slawen nicht verfehlen wird. Das Gewinsel lautet: O, mein Heimatland, teures Reußenland. Welch ein böser Geist fuhr in dich hinein, Das du wutentflammt hin und her dich wirfst, Sengst und plünderst und keine Schonung übst. Höfe reißt du nieder, treibst das Vieh hinweg, O besinne dich, teures Reußenland, Komme zu Vernunft, laß vom Bösen ab, Und der Väter Wort nimmermehr vergiß: „Ewig währet, was redlich du erwarbst, Segen bringet nie dir die böse Tat." Früchte trägt dir nicht das geraubte Land, Fallen wird dein Vieh, Blitz dich töten selbst. Bettler werden wir alle, alle fein, Und dann bricht der Feind in die Heimat, Reißt in Fetzen, ach, alles russ'sche Land. O, erwache bald, o besinn' dich rasch, „Alle Schuld verzeih' liebend dir der Herr!" — So in stiller Nacht, knieend vor dem Kreuz, Bef in Tränen ich für mein Reußenland .... Religion der Nächstenliebe und Duldsamkeit, werden die schmachvollsten Judenhetzen in Rußland inszeniert, so wird gebrannt, gemordet, geschändet, 'geplündert im Namen des Heilandes der Christenheit! Der Name des Predigers der Menschlichkeit, des Vorkämpfers der Brüderlichkeit aller Menschen, wird von der russischen Popenschaft mißbraucht, um himmelschreiende Greueltaten ins Werk zu setzen, Greueltaten, die selbst die bisher größte Schmach in der Geschichte des Christentums, die spanische Inquisition, weit hinter sich lassen! Und diese fluchwürdigen Flugblätter wurden, während wir dies schreiben, zu Tausenden auch unter dem Pöbel Warschaus verteilt! Alles ist dort vorbereitet für einen Pogrom, der selbst Hornel, Bjelostok und Siedice in den Schatten zu stellen droht. Wird die Veröffentlichung des schändlichen Treibens der russischen Popenschaft noch in letzter Stunde das Unheil abwenden können, das sich nach der Verbreitung dieser Flugblätter über den Häuptern der unglücklichen jüdischen Bevölkerung der Jagellonenstadt zusammenzieht? Wird die russische Regierung, die so pomphaft jüngst die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, auch der Juden, als einen Hauptpunkt ihres Programmes bezeichnete, keine Vorkehrungen treffen, um die Hetzarbeit der Popenschaft und ihrer reaktionären blutdürstigen Gefolgschaft noch in zwölfter Stunde nach Kräften unwirksam zu machen? Stolypins Kredit im russischen Inlande ist vernichtet; will er nun auch noch durch stumme Duldung der drohenden Ereignisse in Warschau seinen ohnehin erschütterten Kredit im Auslande verlieren? Wenn ihm etwas an dem Urteil des Auslandes gelegen ist, und wenn er Achtung vor dem Auslande hat, so greift er ein: eine wirklich energische Weisung an den Generalgouverneur, jeden Pogrom in Warschau im Keime zu ersticken, genügt. Kommt es zum Pogrom, so weiß das Ausland, daß es für die russische Re- Unterzeichnet ist das ganze Machwerk, wie schon erwähnt, von der „Gesellschaft der gerechten Ordnung des Heiligen Wundertäters Nikolaus". In Wirklichkeit steht die orthodoxe Geistlichkeit dahinter, und die Tatsache, daß jeder orthodoxe Russe das weiß, genügt, um die russische Bevölkerung zur Mitwirkung an den Greueltaten des „Schwarzen Hundert" und der Soldateska anzufeuern. So, auf Anstiften der Diener der christlichen Kirche und unter Berufung auf den Begründer der christlichen Religion, der gierung eine quantite negligeable ist. Dann aber Schmach und Schande auf den, der weiterhin dazu beiträgt, daß das russische Regime sich halten kann! (Berk Tagebl.). Bilder aus dem Pogrom Der Hilfsverein stellt uns einen Teil Zeugenaussagen, die ein entsetzliches Bild der Vorgänge darstellen, zur Verfügung. Die Zeugenaussagen lauten: Im jüdischen Krankenhause befindet sich der Jude S. — 50 Jahre