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Die Welt · 1906-09-28 · 39 (28.9.1906) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
39 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Gouvernements nicht ein Sonntag oder Feiertag verging, ohne daß die Soldaten Juden mißhandelten. Diese Ausschreitungen der Soldateska blieben selbstverständlich unbestraft. Im Anschluß daran entwickelte sich unter der Beamtenklasse die immer lauter werdende Überzeugung von der Identität der Revolution und der Juden. Bei seinem Amtsantritt besuchte der Kriegsgeneralgouverneur Sykolow die Synagoge und versicherte die Juden, daß er sie unter seine Obhut nehmen werde, doch verlangte er von ihnen „gute Führung". Als nach den Bjelostoker Ereignissen ein großer Pogromschrecken herrschte und die Juden in Tyraspol sich an den Bürgermeister Piewcow wandten, antwortete er, daß den Juden nichts Schlimmes geschehen wird, wenn sich die jüdische Jugend von der Revolution fernhalten wird. Unterdessen geschahen einzelne Fälle von militärischer Willkür gegen die Juden. Das Militär trieb z. B. die sog. Arbeiterbörse in Miedzyrzec mit solcher Brutalität auseinander, daß ein Friedensrichter dagegen protestierte, wofür er übrigens abgesetzt wurde. Die Dragoner in Siedice töteten vor einigen Monaten den Arbeiter Jablon, weil seine Kinder auf der Stadtanlage lärmten usw. Und so wurde die Beziehung zwischen Soldaten und der jüdischen Bevölkerung immer gereizter und das Gespenst des Pogroms bedrückte immer schwerer das ganze Gouvernement. Und als der Polizeimeister getötet wurde, wurde gleichzeitig auch das Schicksal der Juden in Siedice entschieden . . . Und auf dem Rathausturme prangte die rote Fahne. . . . Die Situation in Siedice Das Zentralkomitee des „Vereins für jüdische Gleichberechtigung" in Rußland bekam das folgende Telegramm aus Siedice: „Zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung verließen die Stadt. Es herrscht ein panischer Schrecken. Unter dem Pogrom haben über 2000 Personen gelitten. Gegen 1000 Familien bleiben ohne Existenzmittel. Die Zahl der Toten und Verwundeten festzustellen ist vorläufig unmöglich. Die Bevölkerung bittet um juristische Hilfe. Es kam hierher eine Regierungskommission, die den Sachbestand nntersuchen sollte. Ein Hilfskomitee wurde bereits organisiert. Die Warschauer Gemeinde sandte ihre Vertreter hierher. Die benachbarten Stationen sind überfüllt von Juden, die gar keine Mittel besitzen. „Towarischtsch" meldet, daß der „Verein für jüdische Gleichberechtigung" zwei Juristen nach Siedice delegierte, welche der Bevölkerung juristische Hilfe erteilen sollen. Nach den Mitteilungen der „Birschewyje Wiedomosti" ist die Lage der Juden in Siedice eine höchst tragische. Es herrscht große Hungersnot. Es ist unmöglich, die Zahl der Toten und Verwundeten festzustellen, da viele spurlos verschwunden sind. Der Premierminister sandte nach Siedice zwei spezielle Beamte, welche die Ereignisse an Ort und Stelle untersuchen und ihm täglich telegraphische Berichte zusenden sollen. „Towarischtsch" meldet, daß der Pogrom in Siedice im Ministerrate die Frage der Bildung einer Kommission bei den Generalgouvernementsämtern auf die Tagesordnung gebracht hat, welche Instruktionen ausarbeiten soll, auf welche Weise man Militär, Waffen und insbesondere Artillerie während der Unterdrückung von Unruhen gebrauchen soll. Die Haussuchungen und Verhaftungen in Siedice dauern noch fort. Unter andern wurde auch die Wohnung des Bahnhofsrestaurateurs Etmajer einer strengen Revision unterzogen und der 25jährige Sohn Etmajers verhaftet. „Birschewyje Wiedomosti" veröffentlichte eine Unterredung mit dem Rechtsanwalt Sliosberg, welcher zusammen mit Baron Ginsburg Stolypin in der Angelegenheit des Pogroms besuchte. Sliosberg hat unter anderem folgendes mitgeteilt: „Baron Ginsburg und ich baten Stolypin um Anwendung von Maßregeln gegen das projektierte Kriegsfeldgericht in Siedice. Als wir unsere Ansichten über diese Angelegenheit aussprachen, sagte Stolypin, daß er vorläufig kein einheitliches Bild über den Pogrom in Siedice erhalten habe. Er wünsche, die ganze Wahrheit zu wissen. Jetzt habe er aber noch keine Möglichkeit, über die wirkliche Ursache des Pogroms zu urteilen, weil das dazu nötige Material noch nicht vorhanden sei. Er erklärte sich bereit, den ganzen Vorfall zu untersuchen und zu beurteilen, wer für das Unglück verantwortlich gemacht werden soll. Was das Kriegsfeldgericht anlangt, so habe er, Stolypin, nichts davon gehört. Jedenfalls werde er sich mit dem Warschauer Generalgouverneur in Verbindung setzen und ihn darauf aufmerksam machen, daß es kaum rechtmäßig wäre, die verhafteten Juden dem Kriegsfeldgericht zu übergeben. In der Unterhaltung wurden auch Fragen erörtert, welche für die Untersuchung des Pogrom von Bedeutung sein könnten. Ich wies darauf hin, daß am Pogrom keine einzige Privatperson teilgenommen hat, keiner .von der Stadtbevölkerung wrar Teilnehmer am Morden, Plündern, Gewalttaten etc., wie es bei frühern Pogromen der Fall war. Ich erinnerte daran, daß vor kurzer Zeit das Libauer Regiment, welches während des Junipogroms in Bjelostok anwesend war, nach Siedice gebracht wurde und daß das Dubninskiregiment sich während des Pogroms mit Würde verhielt. Die Siedlcer Juden gedenken des Betragens dieses Regiments während der blutigen Tage mit großer Dankbarkeit, was den besten Beweis liefert, daß das Verhältnis der Bevölkerung zum Militär kein feindseliges war. Stolypin enthielt sich der Beurteilung der Tätigkeit des Militärs während des Pogroms, da er kein genügendes Beweismaterial besitzt; doch hat er bemerkt, daß er die von mir und Ginsburg aufgeführten Fälle streng beurteilt und sie nur durch die Ermüdung der Soldaten und ihre gereizte Stimmung infolge vieler Anfälle seitens der Revolutionäre auf Patrouillen, Offiziere, Polizisten etc erklärt. „Es ist jedem klar," sagte Stolypin, „daß die Vorgänge in Siedice ganz unerwartet für die Regierung kamen, und ich muß mein Bedauern über diesen traurigen Vorfall ausdrücken." Am Ende der Unterhaltung sprach der Premierminister die Hoffnung aus, daß das Unglück in Siedice das letzte jüdische Unglück sein wird, ähnliche Vorgänge würden sich nicht mehr wiederholen. Die Summe des während des Siedlcer Pogroms bei den jüdischen Bürgern gestohlenen und geraubten baren Geldes erreicht nach den letzten Meldungen die Höhe von über 200 000 Rubel. Zum Pogrom in Siedice sagt Maxim Kowalewski in der „Rjetsch": „In der Geschichte Europas suchte ich umsonst einen analogen Fall. Kaiser und Päpste paralysierten die Gelüste der Judenfeinde. Aber die heilige Synode in Rußland hat kein einziges Mal die Pogromanstifter aufgefordert, nach der Lehre Christi zu handeln. Noch mehr: die Priester Afanasjew und Ogniew, welche in der Duma die Juden verteidigten, wurden von der Synode exkommuniziert. " Siedice (offiziell). Während der Unruhen in Siedice wurden folgende Läden beschädigt: auf den Hauptstraßen: Warschauer, Pienkna und Alejna befinden sich 206 Geschäfte, von diesen wurden 41 geplündert, 5 verbrannt. In den Seitenstraßen befinden sich 24 Läden, von denen 6 beschädigt wurden. Es wurde ein Aufruf des Generalgouverneurs publiziert, der die Einwohner auffordert, sich den an den Straßen postierten Militärpatrouillen nur auf Entfernung von 10 Schritten zu nähern. Auf Verlangen der Polizei und der Patrouillen sind die Einwohner verpflichtet, ihre Pässe vorzuzeigen. Angesichts der wiederhergestellten Ruhe ist der Handelsverkehr bis 10 Uhr abends erlaubt. „Rjetsch" meldet, daß ein allerhöchster Befehl auf den Namen des Finanzministers erlassen wurde, daß der Termin für Wechselproteste für die Einwohner von Siedice bis 9. November verlängert werden soll.

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