Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 39 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 39 DIE^KELT- 13 WIENER BRIEF Die Wahl in Brody-Zloczow hat neben ihrer lokalen Bedeutung auch eine allgemeine; letztere wollen wir hier würdigen. Der österreichische Zionismus hat zum erstenmal bewiesen, daß er auch eine politische Macht ist, mit der Freund und Feind rechnen müssen. Was eine galizische Wahl als Typus bedeutet, ist männiglich bekannt. Vor der Wahl wird jeder Wähler amtlich bearbeitet, im Sinne der offiziellen Kandidatur zu stimmen. Falls er oppositionell stimmt, wird ihm neben anderen Annehmlichkeiten eine Erhöhung der Steuerleistung angedroht. Die staatlichen und städtischen Beamten werden mit Ehrenwort verpflichtet, für die offizielle Kandidatur zu stimmen. Das sind kleine Vorarbeiten, die Hauptsache wird in der Abfassung der Wählerlisten und am Wahltage selbst durch direkte Fälschungen geleistet, die um so ungestörter getrieben werden können, da die Opposition nicht zu den leitenden Wahlausschüssen zugelassen wird. Galizien hat das allgemeinste Wahlrecht, das sich denken läßt, sagte Stand in seiner Kandidatenrede, nicht nur die Lebenden wählen, sondern auch die Toten. Wenn unter solchen Umständen Stand ein Drittel der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigte, so ist dies ein Achtungserfolg, der nachwirken wird. Er eröffnet für die nächsten Wahlen aus der allgemeinen Kurie die besten Aussichten für Galizien. Nicht unerwähnt darf ferner das tatkräftige Eintreten Dr. Strauchers und Breiters (Lemberg) für Stand bleiben, und die Haltung der Ruthenen, welche sich für den Fall einer Stichwahl — die bei einer halbwegs ehrlichen Wahl unausweichlich gewesen wäre — verpflichtet hatten, für Stand zu stimmen. Mit einem Worte: die Begeisterung für die nationalen Kandidaturen ist eine anhaltende; unsere Feinde sind deprimiert, und unsere „Freunde" werden sich das gönnerhafte Lächeln abgewöhnen müssen, wenn von politischen Aktionen der Zionisten die Rede ist. Vollständig totgeschwiegen wurde von der liberalen Presse ein Prozeß, in dem der „Deutsch-nationale Verein für Österreich" keine beneidenswerte Rolle spielte. An der Spitze dieses Vereins steht der sattsam bekannte H. K. Wolf, der bei der liberalen Presse Hahn im Korbe ist, weil er sich hie und da den Luxus gestattet, auf die Pfaffen zu schimpfen. Daß er aber im Hauptamte zu den rüdesten Antisemiten gehört, der neben Schönerer das Hauptverdienst an dem Radauantisemitismus der deutschen Studentenschaft hat, wird ihm ob seines „Los von Rom"-Geschrei gnädigst verziehen. Der obengenannte Verein hat nun gegen das freiwillig ausgetretene Mitglied Fritz v. Webern eine Ehrenbeleidigungsklage eingebracht, v. Webern meldete am 12. Juli seinen Austritt aus dem Vereine mittels offener, an die Vereinsleitung gerichteter Postkarte an, die folgenden Inhalt hat: „Ich erlaube mir hiermit meinen Austritt anzumelden da es unter meiner Würde ist, einem Vereine anzugehören, von welchem die Vorkommnisse beim Baue der Alpenbahnen stillschweigend geduldet werden, und dessen einzelne Mitglieder nur als Mandats]äger der Bevölkerung mit leeren Phrasen den Kopf voll machen." Eine Woche später, am 19. Juli, sandte v. Webern eine zweite Karte, diesmal an die Verwaltung des Vereins: „Erlaube mir Ihnen mitzuteilen, daß ich ausgetreten bin, und ersuche Sie freundlichst, mich mit Zusendung voi/Drucksorten zu verschonen, da es unter meiner Würde ist, mit einem Vereine in Verbindung zu stehen, welcher Schwindeleien und Betrügereien duldet, aus dem Grunde, weil die dabei Beteiligten Deutsche sind; von einem deutschen Vereine verlange ich in erster Linie Ehrlichkeit, und Rechtlichkeit zu schützen." Bei der Verhandlung erklärte der Angeklagte, dem Vereine als solchen eine Ehrenerklärung geben zu wollen, seine Beschuldigungen gegen einzelne Mitglieder hielt er aber aufrecht; er erwarte die Annahme seiner Ehrenerklärung, sonst werde er viel Staub aufwirbeln. Man hat nichts mehr von der Geschichte gehört. Jedenfalls beweist sie, daß die Herren eine doppelte. Moral haben: eine für die Juden und eine für die Arier. Bei den Juden wird jedes Vergehen unnachsichtlich und rücksichtslos bis zur äul3ersten Grenze geahndet. Bei den Christen drückt man ein oder zwei Augen zu. Im verflossenen Schuljahr wirkten in den zehn deutschen Mittelschulen Prags (4 Realschulen und 6 Gymnasien) 243 Lehrkräfte. Der Muttersprache nach waren 2124 Schüler deutsch, 228 tschechisch, dem Religionsbekenntnisse nach waren: 1252 Katholiken, 1128 (gegen 1103 im Vorjahre) Juden, 103 Protestanten. „An den Pragerdeutschen Mittelschulen ist also ungefähr die Hälfte der Schüler jüdisch, ein Siebentel tschechich", klagt die Reichenberger „Deutsche Volkszeitung", das Organ des deutschen Landmannministers Prade. Wie würde aber das Prager Deutschtum ohne die Juden aussehen? Die 39033 Deutschen im Prager Rayon würden sich nach Ausschließung der Juden auf zirka 15000 reduzieren und die Deutschen hätten höchstens Anspruch auf vier Mittelschulen. Deshalb ruft auch die Prager tschechische „Politik" der „Deutsch. Volksztg." zu: Also keine Ausrufungszeichen zu den Israeliten, denn diese halten ja das Prager Deutschtum aufrecht." Die Deutschböhmen treiben immer dasselbe widerliche Spiel. Wenn es gilt mit der Wählerzahl, der Steuerleistung und der Kulturleistung protzen, dann werden alle Juden, sogar die tschechischen unter die Deutschen stillschweigend eingerechnet. Siehe das Werk des Prof. Rauchberg. Wenn es aber gilt, das geringste für die unumgänglichen Existenzbedingungen der Juden tun, dann sind die deutschfreundlichen Juden eben nur Juden nach Wiener Muster. Was ferner die alldeutschen böhmischen Lokalblätter der Schönererschen und der Wolfschen Richtung an Beschimpfung der Juden und des Judentums leisten, übersteigt an Rohheit, Gemeinheit und Lüge selbst die Leistungen der Wiener christlich-sozialen Presse — und das will viel sagen. So sieht der Dank der Deutschen aus! Das sind die Folgen der jesuitischen Politik eines Promber in Brünn und eines Schmeykal in Prag. Ihre Nachfolger haben jedenfalls von den Führern gelernt, wie man auf die Juden sich räuspert und spukt. Auf der Prager deutschen Hochschule, die ohne die jüdischen Hörer wegen Hörermangel sich einfach auflösen müßte, wird den Juden — — speziell auf der medizinischen Fakultät — ihre weitere spezialistische Ausbildung nach dem Doktorat durch den Boykott der antisemitischen Professoren und Assistenten einfach unmöglich gemacht. Die Zustände sind so haarsträubend — ein antisemitischer Hauptmacher ist ein getaufter Jude, Prof. Wölfler — daß sie selbst die getreuesten Kasinojuden zur Rebellion trieben. Aber die antisemitische Kamarilla — liberale, nationale und radikale Professoren und Assistenten unter Führung des Schoßkindes der „N. Fr. Pr.", des Prof. v. Jaksch — bleibt unter allen möglichen Verdrehungen und Schlichen ihrem Treiben treu. Wann werden sich endlich die Prager Juden zur entschiedenen Abwehr ermannen? L. B. J. DER POGROM VON SIEDLCE (Bericht unseres Spezial-Berichterstatters) Siedice vor dem Pogrom. Wenn man in irgendeiner Stadt Polens einen Pogrom erwarten konnte, so war es, nach den folgenden Mitteilungen des „Glos Zydowski", in Siedice. Schon seit einem Jahre wurde diese Stadt zum Lieblingsaufenthaltsort von allerlei verdächtigen Individuen, die sich im Teehaus des Antialkohol-Vereines versammelten. Diese Individuen machten Ausflüge in die Umgebung der Stadt bis nach Biala. Überall, wo sie erschienen, forderten sie die Bevölkerung zum Ausrotten der Juden auf. So z. B. kamen sie zu einem gewissen Abramowitsch in Biala, und auch im Dorfe Sidorki bei Biala wurden Versuche gemacht, einen Pogrom hervorzurufen. Alarmierende Pogromgerüchte zirkulieren im ganzen Gouvernement schon seit einem Jahre. Die Tätigkeit dieser dunklen Elemente wurde besonders rege während der letzten Dumawahlen, als das Projekt entstand, einen russischen Deputierten aus Siedice zu wählen. Bei der Bevölkerung fanden sie aber keinen Widerklang. Der zweite beunruhigende Umstand war die seit einem Jahre geführte starke antisemitische Agitation im Heere. Das Resultat war, daß in den Städten und Städtchen des östlichen Teiles des