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Die Welt · 1906-09-28 · 39 (28.9.1906) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
39 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Agitationsversammlungen der realpolitische Charakter unserer Bestrebungen in erster Linie hervorgehoben werden. Die Organisation der Ortsgruppen, die nur lose gefügt sind, bedürfe der Verbesserung. Der Referent schlägt dazu gewisse Normativbestimmungen vor. Ferner ist es erwünscht, daß die benachbarten Gruppen und Gruppenverbände miteinander In regern Verkehr treien, sich ihre Versammlungen und wichtigeren Beschlüsse, und was sonst zur Anregung dienen könnte, gegenseitig mitteilen, ferner, daß sie einander durch Vorträge unterstützen, daß bei wichtigen Anlässen die benachbarten Ortsgruppen vertreten seien. Das trage zur Hebung des Ansehens hei. Auch sei, um die einzelnen Gruppen und Verbände zu stärken, an die Gründung eines Distriktsverbandes zu denken. Die Frage der Beiträge an die Gesamtwie an die Landesorganisation bedürfe einer erneuten Prüfung. Der Referent stimmt den neuerlichen Ausführungen in der „Welt" bei, wonach die jetzige Form der Schekelzahlungen sich nicht bewährt habe. Auch die Einrichtung der Schekeltage passe nicht für unsere Verhältnisse. Neben der Palästinaarbeit, der innern Arbeit, der Sorge um die Stärkung und Verbesserung unserer Organisation müßten die Ortsgruppen ihrer Gesinnung auch dadurch Ausdruck verleihen, daß sie an allen Fragen, die das jüdische Volk berühren, Interesse nehmen und in geeigneter Form an allen Arbeiten für unsere bedrängten Stammesbrüder sich beteiligen. (Lebhafter Beifall.) Dr. Isaac Strauß-München ging als Korreferent nach den ins Detail gehenden Vorschlägen des Herrn Dr. Kaufmann auf die allgemeinen Grundsätze ein, die einer jeden propagandistischen Tätigkeit für den Zionismus zugrunde liegen sollten. Basierend auf einer gründlichen Kenntnis des Gebiets, wie sie bis heute nur relativ selten sich findet, soll der Ton der Ausführungen mehr als heute im Durchschnitt ernst sein. Der Ton der Darstellung muß der in Süddeutschland noch weit verbreiteten fast völligen Unkenntnis unserer Ziele entsprechend, vom Elementarsten ausgehen; nicht fertige Zionisten sollen in den Agitationsversammlungen geschaffen, sondern ein Verständnis für die Grundlagen der Bewegung soll wachgerufen werden. Die Weiterverarbeitung der vorgelegten Gedanken muß dem einzelnen unter dem privaten Einfluß unserer Gesinnungsgenossen überlassen bleiben; nur so werden denkende und gefestigte Zionisten dauernd gewonnen werden. Um zionistische Fragen vor größerem Publikum häufiger zur Besprechung bringen zu können, muß ein neutraler Boden geschaffen werden, der von allen jüdischen Elementen der Gemeinden gerne und ohne Vorurteil betreten wird. Der Palästinaverein kann vielleicht in dieser Richtung dienen, der Eintritt von Gesinnungsgenossen in die Logen und angesehene jüdische Lokalvereine ist deshalb erwünscht; in der jüdischen, nicht zionistischen Gesellschaft Eingang und Einfluß zu gewinnen, muß unser Bestreben sein. Zu interessieren ist der größte Teil des Publikums, vor allem für unsere praktische Tätigkeit; die großen Organisationen, besonders der Nationalfonds, werden auch von dem noch nicht völlig Überzeugten in Form der Selbstbesteuerung gerne unterstützt werden. (Lebhafter Beifall.) An diese beiden Referate schloß sich eine ausgedehnte Diskussion, zu der die Vertreter aller beteiligten Ortsgruppen das Wort ergriffen. Die Beratungen dauerten unter der ungeteilten Aufmerksamkeit der Mitglieder des Zionistentags bis abends gegen 7 Uhr. Auf die Vorschläge und Kritik im einzelnen einzugehen, dürfte sich bei diesem Bericht erübrigen. Der Wert der eingehenden sachlichen Beratungen wird sich im Winter zu zeigen haben. Abendsitzung. Die öffentliche Abendsitzung, die in dem großen Saal, der August-Lameyioge stattfand, begann um halb 9 Uhr. Der Saal war gedrängt voll. In ihr sprach Herr Julius Simon über die Reform des Gebetbuches. Er polemisierte in scharfen Worten gegen den Oberrat der Israeliten Badens, der ein neues Gebetbuch verfaßt habe, das seines spezifisch-jüdischen Charakters vollkommen entkleidet sei. Insbesondere sei der nationale Gehalt des Gebetbuches völlig ausgemerzt, und alle Hinweise auf die Volksgemeinschaft der Juden und auf ihre Hoffnungen in bezug auf Palästina seien aus dem Gebetbuch entfernt. Redner sieht hierin eine Fortsetzung der sogenannten „Aufklänmgsperiode", die eine Verachtung jüdischer Werte gelehrt und deren Resultat die Assimilation ganzer Volksteile zur Folge gehabt habe. Wenn der Oberrat das mangelnde jüdische Empfinden lediglich in dem geringen Synagogenbesuch sehe und aus angeblich unmodernen Gebeten erkläre, so gehe er den tieferen Ursachen dieser für den Redner beklagenswerten Erscheinung nicht nach. Gewiß müsse dieser Mangel konstatiert werden, aber die Arbeit des Oberrats., wie sie sich in dem Gebetbuch zeige, werde dem nur weiteren Vorschub leisten. Es sei kein Bedürfnis für derartige Reformbestrebungen vorhanden. Ein Teil der Juden sei indifferent geworden und nur ein neues Ideal, der Zionismus, sei fähig, die Gleichgültigen wieder einem lebendigen jüdischen Empfinden zuzuführen. Nur der nationale Gedanke, der im Zionismus zum Ausdruck komme, gestatte es jedem einzelnen, nach seinem Gewissen zu leben und für seine Weltauffassung zu wirken und dennoch jüdisch zu leben und jüdisch zu wirken. Die Religion könne heute das einzige Band nicht mehr sein. Redner sucht nun an einzelnen Beispielen des hebräischen Urtextes und der deutschen Übersetzung nachzuweisen, daß der Oberrat sich nicht nur von dem Bestreben leiten ließe, die Gebete zu modernisieren, sondern daß er auch eine unfreie Rücksichtnahme nach außen und insbesondere auf die Beschuldigungen der Judenfeinde zeige. Ferner zeigt Redner an weiteren Beispielen, daß die Übersetzungen des Oberrats, die zwar als freie, aber doch sinngemäße hingestellt wurden, zum Teil durchaus nicht dem Sinne des hebräischen Urtextes entsprechen. Das könne zu sehr bedauerlichen Konsequenzen in den Schulen führen, in denen der Oberrat das Gebetbuch auch für den Religionsunterricht einzuführen gedenkt. Redner bezeichnet dies als eine der ernstesten und bedenklichsten Seiten der Angelegenheit. Der Redner schließt seine fast einstündigen Ausführungen mit den Worten: „Das Judentum wird zionistisch sein oder es wird nicht sein." Ein starker Beifall lohnte die Ausführungen des Referenten. Die Diskussion bot wesentliche Punkte nicht mehr dar. Schließlich gelangte folgende Resolution mit allen gegen eine Stimme zur Annahme: „Wir erblicken in dem Versuch, den nationalen Gehalt und die Hoffnungen des jüdischen Volkes in bezug auf Palästina aus unseren altüberlieferten Gebeten auszumerzen, einen gewaltsamen Eingriff in den Geist des Judentums. Dieser Eingriff kann nur die allerbedenklichsten Folgen für die Entwicklung des Judentums nach sich ziehen. Er entwertet die idealsten Antriebe aus unserer Vergangenheit und für unsere Zukunft." Um halb 11 Uhr schloß der Vorsitzende die Versammlung mit der Aufforderung, die heutige Protestkundgebung nur als einen Anfang zu betrachten und gemeinsam mitzuarbeiten, damit die Versuche des Oberrats nicht zur Durchführung kämen.

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