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Die Welt · 1906-09-28 · 39 (28.9.1906) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
39 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 39 diexXxelt Es geht nicht verloren Die blutige Saat, die die Antisemiten aller Länder säen, geht nicht verloren. Geht sie in einem Lande nicht auf, so ist ein anderer Boden ihr günstiger. Es stellt sich nämlich heraus, daß das von dem russischen „Schwarzen Hundert" verbreitete Flugblatt, das so vielen Juden Gut und Leben gekostet hat, einfach eine Übersetzung der von den deutschen Antisemiten erdichteten „Geheimrede eines Großrabbiners" ist. Ein Organ der deutschen Antisemiten, die Lieberniannsche „Antis. Korr.", hat diese Rede seinerzeit einem Schauerroman entnommen, sie für echt ausgegeben und sie als Hetzmittel gegen die jüdische Bevölkerung verwandt. Auch als ihnen nachgewiesen wurde, daß diese „Rabbinerrede" eine absolute Erdichtung sei, haben deutsche Antisemiten sie unverfroren weiter als Verhetzungsmittel benutzt. Diesem ihrem verbrecherischen Treiben setzt jetzt die Tatsache, daß die russischen Judenhetzer die Fälschung ihrer deutschen Gesinnungsgenossen in einem Mordaufruf gegen die russischen Juden verwerten, die Krone auf. Der deutsche Antisemitismus hat den herostratischen Ruhm, den russischen Bluthunden die vergifteten Waffen in die Hand gedrückt zu haben, mit denen sie Schrecken und Elend, unerhörte Greueltaten heraufbeschwören. Man höre, welche Bewandtnis es mit dieser „Geheimrede des Großrabbiners" hat. Eine Berliner Korrespondenz teilt mit: Das in Hunterttausenden von Exemplaren von der russischen Geistlichkeit verbreitete Flugblatt gegen die Juden ist der wörtliche Abdruck jener plumpen Fälschung, mit der die Liebermann v. Sonnenbergsche „Antis. Korr." im Februar 1901 in Deutschland ihr antisemitisches Gift auszustreuen versucht hat. Das Blatt hatte damals sogar den traurigen Mut, die Nummer, welche die „sensationelle Enthüllung" enthielt, den Vorstandsmitgliedern des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus „als Angebinde" zu widmen. Man forschte nach: Wer ist denn dieser Großrabbiner? Wie heißt er? Wo hat er gelebt? Wo und wann hat er diese niederträchtige Rede gehalten? Ist er wirklich ein lebendiger Mensch von Fleisch und Blut gewesen? Nichts von aUedem! Diese Rede, die nach der „Antis. Korr." ein Großrabbiner in einer geheimen Versammlung „gehalten hat" (!!) ist nichts als eine widerliche, aus der Luft gegriffene Erfindung aus einem Roman niedriger Gattung, der unter den Titel: „Gaeta, Warschau, Düppel" in Berlin im Jahre 1868 erschienen ist. Der Verfasser dieses Romans ist der aus dem Prozeß Waldeck wohlbekannte Zeuge, Rechnungsrat Hermann Gödsche, welcher als Romanschriftsteller den Namen John Retcliff führte. Im ersten Band dieses Romans befindet sich ein Kapitel: „Auf dem Judenkirchhof in Prag." Es wird dort der Verlauf eines erdichteten Sauhedrin geschildert, welches alle hundert Jahre einmal an dem Grabe des Rabbi Simeon Ben Jeliuda in der Nacht stattfinden „soll". Das jetzt in Rußland in Massen verbreitete aufreizende Flugblatt enthält genau denselben blödsinnigen Text der Rede, die nach dem Roman der Großrabbiner auf dem Judenfriedhof gehalten hat. Die „Antis. Korr.", der alsbald ihre niederträchtige Fälschung nachgewiesen worden war, erklärte alsdann auch kleinlaut: „Nun, es ist ein Roman". Es handle sich aber schließlich nicht darum, „ob diese Rede auf dem Prager Judenkirchhof oder anderswo gehalten wurde, ob sie überhaupt als Rede mit diesen Worten zum Ausdruck kam (!!); die Ideen und Bestrebungen, die darin offenbart sind, haben bestanden und bestehen noch heute — das lehren tausend Tatsachen." Die blutige Saat des Herrn von Liebermann wird in Rußland geerntet. t, Die „Times" widmete in einer der letzten Die „Intervention- Nummern der Depesche des Zionistischen Aktionskomitee an den englischen König, bezüglich der Siedlcer Greuel, einen sympathischen Leitartikel, in dem dieses Gesuch, zusammen mit den Vorstellungen, welche die Vertreter der englischen Judenheit gemacht haben, besprochen wird. Es ist bezeichnend, daß das einflußreiche Cityblatt den Gedanken einer Intervention nicht mehr so fremdartig findet, wie früher. Die Stellung, die das Cityblatt jetzt zu dieser Frage einnimmt, sticht vollständig von den lauen Erklärungen ab, die der Minister der auswärtigen Angelegenheiten seinerzeit, anläßlich des Bjelostoker Massakers, im Unterhaus gemacht hat. Siedice scheint einen gewissen Umschwung hervorgerufen zu haben. Und noch eines ist bemerkenswert. Während manche jüdische Kreise scheu vor jedem offenen Auftreten jüdischer Organisationen zurückschrecken, findet es das Cityblatt ganz natürlich, daß jüdische Organisationen an die Regierungen im Namen ihres verfolgten Volkes herantreten. Die Regierungen intervenieren noch nicht, aber wenigstens wird die öffentliche Meinung aufgerüttelt. ZUR ABÄNDERUNG DES ORGANISATIONSSTATUTS Unser Organisationsstatut soll einer Revision unterzogen werden, und zwar vor allem hinsichtlich der finanziellen Bestimmungen. Herr Julius Berger hat in Nr. 37 der „Welt" die Diskussion über diese Frage eröffnet, die gewiß eine Lebensfrage für unsere Organisation ist. Ich glaube nicht, daß der Aufbau der Organisation an sich reformbedürftig ist, sondern daß nur die Beträge, die dem A.-K. zufließen, viel zu gering sind und auch früher viel zu gering waren, um eine Bewegung wie die unsrige zu leiten. Das ist auch im Grunde genommen die Ursache, weshalb Herr Berger auch den Aufbau der Organisation für abänderungsbedürftig hält und zu einem Vorschlage gelangt, mit dem ich mich' durchaus nicht befreunden kann, wenn er auch, äußerlich betrachtet, für einen nicht gerade chauvinistischen Zionisten ganz akzeptabel erscheinen mag. Wir sind in der letzten Zeit immer mehr dazu gelangt, zu versuchen, alles, was wir beginnen, „auf eine breite Basis" zu stellen; das Vertrauen auf unsere eigene Kraft und Stärke hat in bedenklicher Weise nachgelassen, vielleicht nicht ohne Grund. Den besten Beweis hierfür finden wir in der Bilanz des Aktions-Komitees. Obgleich ich nun durchaus kein Gegner dieser „breiten Basis- Politik" bin, so meine ich doch, daß man gerade der Institution des Schekels, die von unserem verewigten Führer eingeführt wurde als Zeichen der Zugehörigkeit zur zionistischen Organisation, ihren streng zionistischen Charakter wahren, daß man sie gewissermaßen als Monopol für Zionisten erhalten muß. Die Nichtzionisten haben Gelegenheit genug, ihr Interesse für die zionistische Bewegung kund zu tun durch Beiträge zum Nationalfonds, Kauf von Aktien unserer Banken, Beitritt zum Palästinaverein, Bezalel usw. Das eine müssen wir doch noch fertig bringen, unsere eigene Organisation zu erhalten, unsere Leitung mit den nötigen Mitteln auszustatten. Eine Schmach wäre es, wenn wir unsere Organisation von Nichtzionisten erhalten ließen, wenn wir zuließen, daß das Aktionskomitee durch Rachmonus-Spenden Außenstehender unterstützt würde! Eine Ehrenpflicht muß es für uns sein, die von uns geschaffene Organisation selbst zu unterhalten, die von uns gewählte Leitung zu dotieren. Schekel dürfen daher auch weiterhin nur von Zionisten genommen werden, und das Wahlrecht zum Kongreß muß aus den benannten Gründen damit verbunden bleiben. Durch die vorgeschlagene Methode kämen wir bald dahin, daß wir in den Vereinen mehr Schekelzahler als wirkliche Zionisten hätten, und wohin das führen wird, sobald es sich um wichtige Abstimmungen handelt, ist leicht einzusehen. Von allzu großem Optimismus zeugt es aber auch, wenn Herr Berger glaubt, daß nach Trennung des Wahlrechts vom Schekel im kongreßlosen Jahr ebensoviel Schekel eingehen werden wie in den anderen. Meines Erachtens werden in beiden Jahren weniger

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