Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 39 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316226--48554-3343488- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Safed 1× ep/1046078
OCR text
pä 8 DIE 3q£E LT No. 39 M ill ii® $7" •■■rl^ '•■■r S-'> - <f r. Im Jf u^. f /7\ . i •* :i schaft, die Aufhellung einer dunklen botanischen Frage, die einen bedeutenden wissenschaftlichen Wert hat. Und nicht nur auf diesem Gebiete allein bietet Palästina immer Neues, Unerwartetes. Man kann eben von Palästina dasselbe sagen, was Pierre Coulevain neulich von England sagte: „Es gibt eine „unbekannte Insel" in der Welt. Sie ist unbekannt, obwohl sie nur acht Stunden von Paris gelegen ist . . Eine solche „tle inconnue" ist in einem noch höheren Maße das allen Völkern so heilige Palästina. Jahrtausende des heißen Streites um den Boden haben die Kenntnis des Landes nicht gefördert, sondern wesentlich erschwert. Unter Schutt und Trümmern liegen Kulturschätze, die noch unbekannt sind, und die auf die Vergangenheit dieses in der Geschichte der Welt so ungemein bedeutsamen Landes ein neues Licht werfen könnten. Die Ausgrabungen, die Macalister, Sellin u. a. in Palästina unternahmen, bringen immer neue Kulturdenkmäler an die Sonne. Wer weiß, was uns die Erforschung des Landes noch bringen wird. Geschichtliche Vorurteile werden dadurch beseitigt, und aus der erkannten Vergangenheit werden wir auf die Zukunft schließen Können. Wir kennen noch nicht alle Möglichkeiten Palästinas, wir wissen nicht, was der Boden in seinen Tiefen birgt An wem ist es nun, die Kenntnis und Erkenntnis des „Landes der Väter" zu fördern, wenn nicht an uns Zionisten, für die es auch das „Land der Kinder" ist? Das jüdische Volk hat die Hoffnung auf Palästina nie aufgegeben, hat aber wenig dazu getan, um das Land näher zu erforschen, zu erkennen. Es wurden Tausende und Abertausende von frommen und bettelarmen Juden in Jerusalem, Safed usw. von den mildtätigen Juden Europas unterhalten. Aber dieselben Wohltäter, die mit der Chalukaspende ihre Pflicht gegen Palästina erfüllt zu haben glaubten, ahnten nicht einmal, dal". auch eine wissenschaftliche Erforschung Palästinas für die Förderung des Judentums nutzbar gemacht werden könnte. Diese Aufgabe überließen sie Nichtjuden. Erst die Zionisten haben die wahre Methode der „Palästinaliebe" erkannt. Aber wissenschaftliche Erforschung allein genügt nicht. Es ist für unseren Zweck nicht genug, daß in gelehrten Zeitungen die Früchte der Studien der emsigen Forscher niedergelegt werden. Wir wollen vor allem die persönlichen Bande zwischen dem Juden und seinem alten—neuen Lande stärken, schaffen. Im alten Israel war es Sitte, daß jeder Jude dreimal im Jahr nach Jerusalem zog, um dort die Feste zu feiern, den Tempel zu schauen. Es war, wie die „panhellenischen" Versammlungen der Griechen, ein Einigungsmoment, ein Bindemittel zwischen den Individuen und dem Ganzen, das gleichsam im Zentrum, in Jerusalem personifiziert war. Dieses Mittel der psychischen Einwirkung war dem jüdischen Volk Jahrtausende lang unzugänglich. Nur hier und da erkühnte sich ein Jude, den die Sehnsucht nach dem heiligen Lande, dem Brennpunkte des jüdischen Volkstums, übermannte, und raffte sich auf zur Reise nach Palästina. Jehuda fialevi, der den Kulminationsmoment seines Lebens und Denkens in Palästina erleben wollte, bezahlte seine Sehnsucht mit dem Blute. Die Schar der weißgekleideten, mystisch gestimmten, wunderlich schönen Träumer, die mit R. Jehuda Hachassid nach Palästina zogen, in das Land der Verheißung, konnten auch nicht den Traum ihres Lebens in seiner Erfüllung sehen. Die Welt war damals zu eng. Heute ist es anders. Heute haben wir die Möglichkeit, das Land der Sehnsucht zu schauen, wenn wir wollen. Und wir müssen es sogar. Es ist eine Art Weihe, die jeder Zionist bekommen muß. Es ist die Herstellung der natürlichen Zugehörigkeit, des psychischen Zusammenhanges zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen heute und morgen. Wir Juden haben sonst keine Erinnerungen; die Länder, wo wir wohnen, sind mit uns zwar geschichtlich, aber nicht seelisch verbunden. Nicht wir haben ihnen ihre Physiogonomie aufgedrückt. Palästina ist das einzige Land, wo wir die Herren des Landes waren, wo die Berge und Flüsse in unserer Sprache genannt werden. — wo die Polenstreiche Erde jüdisch ist. Und darum ist es für uns Pflicht, das Land aus persönlicher Erfahrung zu kennen. Wir begrüßen daher jeden Versuch, die Kenntnis Palästinas den Juden zugänglicher zu machen. In Wien arrangiert der „Zionistische Zentralverein" eine Palästinareise, die auch minder bemittelten Leuten die Möglichkeiten bieten würde, eine Tour nach Palästina zu machen. Fahren denn nicht unsere reichen Juden überallhin, wo es nur was zu sehen gibt? Von Island bis Madeira gibt's kaum einen Platz, wo jüdische Touristen nicht anzutreffen wären. Nur in Palästina nicht! Wir hoffen jedoch, daß der Versuch der „Palästinareise" diesmal gelingen wird. Aber damit ist noch nicht genug getan. Wir müssen, nach dem talniudischen Ausdruck, „das Land lieb machen" d'chawew es hoorez). Zu diesem Zwecke müßten häufige Palästinaausstellungen veranstaltet werden. Wir veröffentlichen in dieser Nummer den Vorschlag des Präsidenten des „Palästinaklubs" in London, Herrn H. Rosenbaum, da(3 man im nächsten Jahre anläßlich des 25jährigen Jubiläums dererstenKolonie in PalästinaAusstellungen palästinensischer Produkte in allen größern Städten, wo die Leitung der zionistischen Federationen sich befindet, veranstalten soll. Es wäre in der Tat ein schönes Brautgeschenk anläßlich der silbernen Hochzeit Israels mit seinem Lande. . . Es wird sich wahrscheinlich noch die Gelegenheit ergeben, auf all diese Vorschläge näher einzugehen. Wir wollten hier nur darauf aufmerksam machen, daß . . . labor magnus! — Die Polen rächen sich für die Kandidatur Stands. Nicht genug, daß sie „Tote" stimmen ließen, wie uns aus glaubwürdigster Quelle mitgeteilt wird, sie wollen auch die Lebenden bestrafen. Eine Meldung aus Stanislau vom 17. d. M. besagt: Der bekannte Zionist, Rabb. Dr. Braude, der hier das Amt eines jüdischen Matrikelführers und Predigers versieht, wurde durch die hiesige Bezirkshauptmannschaft auf ausdrücklichen Auftrag der Statthalterei von seinem Amte suspendiert. Der Grund war angeblich folgender: Dr. Braude verließJ am 14. d. M. Stanislau ohne Urlaub und begab sich nach Brody, um dort bei der Reichsratswahl für Stand zu agitieren. Während seiner Abwesenheit erschien im hiesigen jüdischen Matrikelamte der Bezirkskommissär Matzkowski, durchsuchte alle Schränke und Tische und nahm die Bücher und sonstigen Akten mit sich in die Bezirkshauptmannschaft. Abends bei seiner Rückkehr erfuhr Braude auf dem Bahnhofe, daß er suspendiert ist". . . . Wie man sieht, war es nur ein Vorwand, einer von denjenigen, die man sehr leicht finden kann, wenn man nur will. Schon vor einigen Monaten berichtete unser Korrespondent aus Stanislau über die Schwierigkeiten, die dem Rabb. Dr. Braude von den politischen Behörden in Galizien gemacht wurden. Natürlich steckten immer hinter den Schikanierungen Denunziationen jüdischer Assimiianten, die die national-jüdische Tätigkeit Braudes als eine staatsgefährliche, das heißt, eine das Polentum gefährdende Propaganda darzustellen wußten. Einmal gefiel es nicht Herrn Prof. Sternbach vom galizischen Landesschulrat, daß Dr. Braude auf die Erhaltung des Hebräischen im Religionsunterricht in den Schulen drang, und dann paßte Dr. Braudes nationale Gesinnung dem polnisch-chauvinistischen Landesschulrat überhaupt nicht in den Kram. Dem Kultusvorstand wurde schon längst bedeutet, er solle Dr. Braude vom Amte absetzen. Als aber der Kultusvorstand soviel Mut hatte, wenigstens nicht gleich Ja und Amen zum Befehl der Polen zu sagen, da entbrannte das tapfere Schlachzizenherz, und der Landesschulrat gelangte nach alter Tradition zu seinem Ziel — meuchlings. Herr Prof. Moszko — Sternbach und seine Gesinnungsgenossen freuen sich — sie haben der polnischen Sache redlich gedient. Aber eines können wir ihnen sagen: ihnen wird all dies Leisetreten und Mauscheln nichts nützen. Sie laden auf sich den Haß und die Verachtung des jüdischen Volkes in Galizien — und daß sie auf die Dankbarkeit der Polen nicht rechnen dürfen, - wissen sie ja selbstl