Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-09-28 · 39 (28.9.1906) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
39 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316226--48553-3343487
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 39 DIE^ELT der Tragik des Nachdenkens, ob der Jude wirklich frei ist, solange er nicht zu einem modernen jüdischen Vollmenschen ausgereift ist. Das Volkstum siecht still dahin, — in friedevoller Glückseligkeit, in einem — toten — Meer von Wohlstand. Es sind die Absterbenden, die sich noch sehr gut mästen für die . . . Würmer. Denn ein Judentum zur positiven Entfaltung und fortschreitender Entwicklung zu bringen, ohne nationales Zusammenwirken, ist die reine Unmöglichkeit. Die Symbole, Zeremonialgesetze, religiösen Bräuche schwinden oder werden verknöchert. Es bleibt ein Schatten von Konfessionalismus, kraft der Einflüsse der Umgebung, der Sprache usw. lokalisiert, verflacht, den Quellen entrückt und der geistigen Innerlichkeit beraubt. So sucht der Goluth seine Zwecke ä tout prix zu erreichen. England und Amerika In England ist die Aliens-Act in Kraft getreten. Dann trat ein Ministeriumwechsel ein, der Liberalismus siegte, aber die „Bill" ist geblieben. In England gibt es kein plötzliches zurück. Es wurde nur der Exekutive anempfohlen, die „Bill" milder zu handhaben. So bald eine Masseneinwanderung sich zeigt, wird der Riegel vorgeschoben. Nach innen macht die englische Judenheit eine Gärung durch. Wird eine weise Mischung entstehen, in der sich die Elemente aus den slawischen Ländern mit denen aus den anglo-saxonischen zu einem gemeinsamen Typus verbinden werden? Gut jüdische Elemente sind auf beiden Seiten vorhanden, aber auch Verbohrtheit, Eitelkeit, hohler Formalismus auf der einen, Unstetheit, Nörgelei, verwahrloste Ungezogenheit auf der anderen Seite. Das Jahr begann mit bübisch-marktschreierischen Anti-Jom-Kippur-Demonstrationen im East von London, beinahe am Schluß des Jahres wurde das neue „Shelter" eingeweiht. Diese Kluft zu überbrücken, ist die Aufgabe der Führer. Das „Jewish College" hat sein Jubiläum gefeiert. Es hat viel englische Thora verbreitet. Kein intensiver Herd jüdischen Wissens, doch hat es unter der ehrlichen Leitung des greisen Dr. Friedländer, der zweifellos von den edelsten Absichten beseelt ist, manches geleistet. Das Jubiläum selber war zu geldherrisch und zu gespreizt. Die Sonntagsarbeitsfrage wurde einigermaßen geregelt. Zugeständnisse wurden gemacht, und Rücksicht auf die eigenartige wirtschaftliche Lage der Juden wurde genommen, Aus der „Mocatta Library" ist ein jüdisches Museum entstanden. In die Reihen der Reverends hat das Jahr eine bedeutende Lücke gerissen: Rev. Singer ist gestorben. Er war der Vertreter der englischen Richtung. Im Bereich der allgemeinen jüdischen Lage sind Protestmeetings (besonders Queens Hall) und Parlamentsdebatten zu verzeichnen. Das Massenjudentum hat sich noch nicht zu einem Schaffen aus dem Chaos herausgerungen. Es sind nur Fermente zu verzeichnen, so z. B. die ethisch berechtigte Agitation anläßlich des sogenannten „Gordon Case". Die Aufrufe zur Gründung einer eigenen Organisation haben nichts gebracht, Nicht einmal ist der Vergleich mit dem kreißenden und ein armseliges Mäuschen gebärenden Berge statthaft, denn die Ergebnisse des Auf rufs waren nicht etwa nur winzig, sondern waren schlankweg gleich Null. Doch werden einsichtige Beobachter den verschiedenen Agitationssymptomen die ernste Lehre entnehmen, daß die englische Judenheit neuen Entwicklungen entgegengeht. Dies offenbart sich im Kleinen und Nebensächlichen mehr als in umfassenden Bemühungen großen Stils. Die Masse pflegt die gemütvolle, trotz mancher Rauheit doch anheimelnde jüdisch-deutsche Mundart. Die Massen- Juden-Schriftsteller haben sich schon lange den törichten Aristokratismus abgewöhnt und bedienen sich dieser Sprache nicht mit großtuerischem Protektionismus, sondern einfach, wo sie für die Massen schreiben können. Nun hat es auch die englisch-jüdische Presse zu tun begonnen. Die ernste Hoheit und Strenge des Gentleman ist vor dem jüdischen Massengefühl gewichen. tj| Amerikanisches Judentum ist ganz im Werdeprozeß begriffen. Die Hochflut der ununterbrochen heranstürmenden Einwanderungswellen bedeckt alles ringsum. Auf den Araratspitzen sind nur noch die tausend Veranstaltungen der jüdischen Wohltätigkeit, die Erziehungsinstitutionen, die vorsorglichen Anstalten der Hilfe, die Removalkomitees u. dergl. kaum sichtbar. Sie können das Material nicht bewältigen. Man muß dem Opfersinn und der Begeisterung, mit der aus freiwilligen Gaben große Werke gefördert werden, hohe Anerkennung zollen, aber man muß zugleich auf die notwendigen Unzulänglichkeiten hinweisen. Das Bewußtsein dieser Unzulänglichkeiten hat eine Verlegenheitsstimmung geschaffen, die einen günstigen Boden für jedes Projekt, welches die Ablenkung der Einwanderung in Aussicht stellt, bildet. Das ist der innerste Kern der wohlgemeinten Bemühungen einiger amerikanisch-jüdischen Führer. Irrend und führend tastet man den Pfad. Tatsächlich ist man bei dem gegenwärtigen Parforce-Tempo der jüdischen Ereignisse und bei den Saltimortales der Emigration kaum fähig, Führer zu sein. Man wird Nachläufer. Und es waren Meetings und Proteste und Interventionsgesuche und Absagen. Das Judentum nach innen zerfällt in zwei Teile: eingeboren-amerikanische und russisch-jüdische Masse. Das eingeborene, amerikanische Judentum — ohne Ecken und Kanten, ohne starke, ausgeprägte Eigenart — mit den verschiedenen Reverends und den „Reformen" bietet kein besonderes, allgemein-jüdisches Interesse. Die Masse hingegen, im ersten harten Kampf ums Dasein, hatte noch keine Zeit, aus sich etwas Typisch-Intellektuelles herauszukristallisieren. (Schluß folgt.) N. Sokolow. oo o o o POLITISCHE REVUE Palästina „Wie vieles muß noch in diesem viel bereisten Lande ausfindig zu machen sein", ruft Prof. G. Schweinfurt in seinem Artikel über die „Entdeckung deswilden Weizens in Palästina" in der Voss. Zeit. Einer der ersten Fachleute auf dem Gebiete der Pflanzengeographie spricht sich mit Begeisterung aus über den Fund, den unser Freund,- Herr Aaronsohn, auf seiner im Auftrage der Palcästinakoininission unternommenen Forschungsreise in Palästina gemacht hat. Es ist eine Bereicherung der Wissen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.