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Die Welt · 1906-09-28 · 39 (28.9.1906) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
39 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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eigentlich eher ein psychologisches Motiv. Im Grunde handelt es sich vor allem um das Leben. Ein Fragezeichen ist an die Jahresereignisse und Jahresgedenken gesetzt worden: Hilsner. Ein Unrecht schreit gen Himmel. Aber der österreichische Himmel ist taub. Handelt es sich doch nur um einen Juden. Deutschland Ohne sonderliche Erregungen und Erlebnisse verlief das jüdische Jahr für die Juden Deutschlands. Das jüdische Leben in Deutschland ist mehr dem Kleinen und Alltäglichen, als dem Großen und Ungewöhnlichen zugeneigt. Aber es läßt sich auch Kleines im großen Sinne gestalten. Außer „Kehillo-Sachen", die hie und da von einem Sturme einer Orgelfrage erfaßt werden, hat das verflossene Jahr eigentlich nichts Bedeutendes an den Tag gefördert. Die Gemeinden sind wohlgeordnet und funktionieren vorzüglich. Im Gegensatz zu den wenigen Ausnahmen, die in die Armseligkeit der Parteigezänke zurückgesunken sind, herrschen in den meisten Gemeinden Ruhe und Vornehmheit, Friede und Ordnung. Und wohltätig sind die Juden Deutschlands im allgemeinen. Es soll hier nicht die Rede sein von den außerordentlich zahlreichen Veranstaltungen der Wohltätigkeit, welche die bestehende Not und Armut zu erleichtern suchen, wie z. B. Krankenhäuser, Asyle für Altersschwache und dergleichen, deren Zahl sich auch irn Laufe des verflossenen Jahres vergrößert hat. Diese Werke der Barmherzigkeit bilden ein nie vergehendes Ruhmesblatt in den Annalen jüdischer Tätigkeit. Ich denke vor allen Dingen an die vorsorglichen Bemühungen der Verbände für Handfertigkeitsunterricht, die Frauenvereine für weibliche Vorbildung, die Schaffung von Turnvereinen, die Sabbath- und Sonntagsschulen und vieles andere mehr. Dazu kommt die vortreffliche Schule für Gartenbau in Ahlem und kleinere Anfänge, die nach dieser Richtung gemacht worden sind. Es sind dies aber Einzelerscheinungen, die mit dem Gesamtjudentume in keinem engen Zusammenhange stehen. Einen Zug ins Große hat die Arbeit des Hilfsvereinsund die neuerlich regere Tätigkeit der Alliance. Das Motiv bleibt das alte: für die schwerbedrängten Glaubensbrüder im Osten einzutreten und den heimatlos Gewordenen eine neue Stätte zu gründen, oder durch Errichtung von Schulen und sonstigen kulturellen Institutionen ihre geistige und wirtschaftliche Lage zu bessern. Auf dem Gebiete der Emanzipation dauern die Unzulänglichkeiten an. Mit welchem Namen man dies auch verschleiern möge, — die Emanzipation ist mangelhaft, und anstatt einer absoluten Gesetzesgleichheit genießen die Juden nur das, wras ihnen gnadenweise vom Schicksal beschieden wird. Die Freiheitssphäre der Berufswahl ist beschränkt, und infolgedessen kann nicht die Rede davon sein, daß die Juden die Höhe ihrer Leistungsfähigkeit erlangen und ihre Fähigkeiten nach allen Richtungen entfalten können. In der Ausschaltung der freien Persönlichkeit liegt ein Hemmnis für die geistige und wirtschaftliche Entwicklung. Gewisse Kräfte werden abgelenkt, andere verkriechen sich oder entschließen sich, sich selbst, ihrem innersten Wesen untreu, zum Übertritt. In der Universitäts- und Justizkarriere existiert eine unmerkliche, aber nichtsdestoweniger sehr wirksame Guillotine, unter der viele jüdische Köpfe fallen, wohlgemerkt : Köpfe. Die Guillotine wird nicht hooliganisch gehandhabt — lebt man doch in einem Kulturstaate —, aber sie wird gehandhabt, und sie ist unerbittlich. Das Emanzipiertsein ist übrigens ein relativer Begriff. Wenn der Unternehmungsgeist, sagen wir auch: der Ehrgeiz, sich in den allerbescheidensten Grenzen bewegt, so empfindet man keinen Druck. Wenn man aber groß und frei fühlt, so regt man sich gegen jede Knechtschaft und gegen jede Beeinträchtigung auf. Solange sich nicht jedes Talent auf den angemessenen Platz schwingen kann, solange man sich duckmäuserisch in die Gunst anderer einschleichen muß, — besteht Knechtschaft. Daß ein Verein für Rechtsschutz der Juden bestehen muß, ist der beste Beweis, daß das Recht hinkt. Und wenn der Verein auch manches wahrnimmt und bei manchen Kleinigkeiten Rat schafft, — sein Blickfeld ist beschränkt und seine Machtmittel sind imaginär. Das auszusprechen, ist alles andere als Herabwürdigung der ehrlichen Bestrebungen, es läuft nicht auf Herabsetzung, sondern auf Ansporn hinaus. Mit dem neuen preußischen Schulunterhaltungsgesetz und mit den Ausweisungen, russischer Juden besonders aus Preußen hatte man viel zu tun. Letztere Maßregel ist charakteristisch. Sie rundet sich unwillkürlich zu einem größeren Bild des Golus. Frankreich, Italien und die Schweiz Frankreich hat endlich den zu einer fixen Idee ausgewachsenen Dreyfusprozeß überstanden. Die Regierung ist radikal, die republikanische Idee hat gesiegt. Der Antisemitismus als politische Agitation ist bedeutungslos geworden. Ob die Politik ein absolut sicherer Maßstab für die sozialen Instinkte ist, — diese Frage solL nur erwähnt werden. Von der Trennung von Staat und Kirche wurde auch „die Synagoge' betroffen. Denn eine Synagoge ist aus dem Häuflein Juden in Frankreich geworden. Eine offiziöse Synagoge mit staatlich besoldeten „Ministern". Ungestraft wandelt man nicht unter Palmen. Eine neue Politik, — und die Synagoge ist hin. Nun muß man sich quälen, eine private Organisation zu schaffen. Der Tag ist kurz, die Arbeit groß, die Arbeiter fahrlässig. Und Zadoc Cahn, der gute, kluge Raw ist nicht mehr da. Das war ein Verlust. Italien mit seiner Handvoll Juden ist das klassische Land der . . . Judenauszeichnungen. Nach der alten Judentums-Blätter-Schablone, sämtliche Ernennungen und Ordensverleihungen der Welt kundzugeben, müßte Italien in vorderster Reihe stehen. So manche Minister, so manche Generäle, man könnte fast sagen: der Jude fängt vom Parlamentsmitglied an. Natürlich ist es ein Wahngebilde. Noch sind viele elende, bedrängte Existenzen. Was in der Masse — denn die 50000 Juden dort haben auch eine Masse — dort vorgeht, wie sie sich plagt und ob sie sich ganz glücklich fühlt, — darüber schweigen die Ordensverleihungschroniken. Die Schweiz ist ein schönes, internationales Hotel mit der Unbequemlichkeit des Schechitaverbots. Die Schechita ist verboten, aber einen Schechita-Akt haben einige Kantone gegen den Hausierhandel vollbracht. Daß dabei einige Tausend Juden um ihre Existenz gekommen sind, — das war eigentlich der Hauptzweck. Und doch sind es zweifellos Emanzipationsländer, — wenigstens für die eingeborenen Juden. Sie sind, mit wenigen Ausnahmen, zufrieden. Sie sind erlöst von

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