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Die Welt · 1906-09-28 · 39 (28.9.1906) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
39 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Es sind 309000 entrechtete Menschen. Europa ist gleichgültig. Die Ika subventioniert manche Schule, aber wenn die Jugend, mit dem Wissen ausgerüstet, ins Leben tritt, trifft sie der Boykott. Es wird dann emigriert. Aber man gibt sich nicht, wie in Rußland, wild und blind einem Sturme hin — man siecht dahin. Und man erwartet auch nichts von den Segnungen der Konstitution. Sogar ein Finanzminister erklärt sich gegen Juden. Diesen Tiefpunkt hat kein anderes Land erreicht. Eine Reihe von jüdischen Delegierten versuchte es, eine rechtliche Vertreterschaft zu bilden. Rechtliche — in Rumänien? Marokko Eine Judenschaft — gegen 400 000 — vor Trauer in sich zusammengesunken, jammernd, erbebend in Qual und Todesangst. Ein Wachstum des Elends, aufgesammelte, seelische Lebensspannkräfte ohne Entwicklungsmöglichkeiten, eine Bürde durch das Leben schleppend. Von Zeit zu Zeit Krawällchen — nichtssagende, vielsagende Zufälle, hier und da werden Juden ermordet. Und das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, daß die Nichtermordeten nicht leben. Ein blasses, absolut passives Dasein, welches einzig und allein nur dadurch manifestiert wird, daß ihm zuweilen ein gewaltsames Ende gemacht wird. So ist dieser gelöste Teil von unserem Ganzen. Nur zur Beerdigung — von Märtyrern — schaut mancher von uns gelegentlich hin. Was von den Lebenden geschaffen wird, für das Ganze geschaffen wird — weiß niemand. Es wird nicht geschaffen; es wird gelitten. Das Jahresereignis war die Konferenz in Algeciras. Es ist gesagt worden — volltönig gesagt, und nicht schüchtern angedeutet — daß man die Lage der Juden verbessern soll. Die Großmächte sind grundgescheite Ichstaaten, mit Interessensphären. Nachdem der Plan, den gordischen Knoten durchzuhauen, gescheitert ist, blieb es beim Alten. Das Draufgängertum Frankreichs siegte moralisch, — wenigstens behaupten es die Franzosen — aber praktisch ist es in ein Nichts zerronnen. Und wird Frankreich seine Untertanen beschützen, auch wenn sie Juden sind, die Juden wird es nicht beschützen. Es müßte ein jüdischer Staat die Juden beschützen, wie es die christlichen Staaten den Christen im Orient gegenüber tun. Aber kein jüdischer Staat ist vorhanden, und man steht einer harten, schwerfälligen, fremden diplomatischen Welt gegenüber. Wer soll fremden Juden Recht und Sicherheit gewährleisten? Wer soll sich um sie kümmern? Es ist ein Teil unseres Volkes, der gelähmt darniederliegt. Es entstand daraus eine Spezies, die mehr vegetiert als lebt, die sich intellektuell und psychisch in möglichst enge Beziehungen einspinnt, die, vom Strom der Geschichte kaum berührt, abseits von jüdischem Schaffen, von allem kulturellen Getriebe, in sich zusammengeschrumpft, nur darum besorgt ist, nicht einer totalen, unerbittlichen Ausrottung preisgegeben zu sein. Denn an das fragmentarische Gemordetwerden und an die Fesseln hat man sich schon gewöhnt. Daß Leben und Eigentum rechtlos vor dem entfesselten Gesindel liegen, — dazu „ist man doch Jude" und „in Golus\ Man ist nüchtern, trocken, kalt, unempfänglich für kräftige Impulse, man sinkt zu Knechten der Knechte herab. Galizien und Österreich Die Kunst, in konstitutionellen Glacehandschuhen zu würgen, die in Galizien und in anderen Provinzen Österreichs zu großer Virtuosität gebracht worden ist, hat das national-jüdische Bewußtsein auf das Problem der Schaffung einer jüdischen Interessenvertretung gelenkt. Die Neuordnung der Wahlen gab auch einen mächtigen Ansporn diesem Bestreben. Das war das Wichtigste an den Jahresereignissen. Bis jetzt sind nur Ansätze dazu vorhanden. Wir stehen vor einem unvermeidlichen Prozeß der Vereinheitlichung jüdischer Kräfte. Wenn man vom Zionismus behauptet, daß diese Bewegung durch ihn geschaffen worden ist, so ist es nur zum Teile wahr. Es ist wahr, daß der Zionismus manche national-jüdische Organisationen angeregt und manche zu Licht und Gestalt gebracht hat. Es ist das Gesetz, nachdem die noch nicht erreichten Ideale schon vorläufig zur Betätigung kommen müssen. Aber die Gegner irren sich ganz gewaltig, wenn sie glauben, daß diese Erscheinung ohne den Zionismus ausgeblieben wäre. Diese Erscheinung wäre auch ohne das eigentliche Nationalgefühl nicht ausgeblieben. Denn abgesehen von dem Nationalen, von dem Sich-höherorganisieren, von den erreichbaren Freiheitshöhepunkten, ist die Sache einfach und erforderlich wie die Luft, wie das Brot. Um ökonomisch das Leben möglich zu machen, können die Juden in der Mitte eines Systems von erzgepanzerten Nationalitäten nicht dastehen wie ein Haufe verwirrter, womöglich sich gegenseitig befehdender Individuen. Es wäre ein Idiotenselbstmord. Man unterscheide nur hier so scharf als möglich den Begriff des Wesens von dem der Erscheinung. Die Erscheinung mag national aussehen, dem Wesen nach ist es ein politisches Zurückgehen auf das eigene Ich, von dem man abgelenkt hatte. Man wurde um sich selbst betrogen, man gelangte zum Bewußtsein, und man will das eigene Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Daß man von einem erhöhten Dasein: National-Autonomie etc. spricht - ist natürlich. Aber keinen Grundriß, keinen Aufriß, keinen Durchschnitt und keinen Querschnitt dieser Zukunftsautonomie hat man gegeben. Es wäre eine unmögliche Kleinmalerei, weil es nur ein Impuls ist, und kein Programm. Es handelt sich vor allem um ein Sich-Sammeln, Sich-Zusammenfinden. Es ist ein harter Kampf und eine lange Arbeit. Und dieser Kampf vollzieht sich nicht in einem Für und Wider von abstrakten Beweisen, sondern in begeisterten Anstrengungen, von denen die Massendemonstration in Wien eine der besten war. Durch den Boykott vergewaltigt und geknechtet, haben die Juden Österreichs auch Miniaturjudenhetzen (Boscowitz, Austerlitz, Neu-Rausnitz) erlebt. Die Emanzipation ist lückenhaft, jüdische Avancen sind — japanische Geduldsproben, in politisch-sozialer Sphäre bedeutet die Schulnovelle einen Rückschritt, die Konkurrenz wird erschwert, die Reaktion ist mächtiger, der Liberalismus auf dem Aussterbeetat, die Sozialdemokratie beschützt die Juden nicht, das Elend in Galizien wächst von Tag zu Tag. Alle diese Wahrheiten muß man zu Hülfe nehmen, um sich in dem österreichischen Labyrinth zurechtzufinden. Und so wird man begreifen, daß wenn man auch sagt, man wolle die jüdische Existenz lebenswerter, bevorzugter, inhaltsreicher machen, indem man sie national gestalten wird, so ist dies

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