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Die Welt · 1906-09-28 · 39 (28.9.1906) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
39 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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dem berechnenden, nur intellektuellen Moment, — und dies ist eine Form der Philanthropie. Wenn also der Gang der Entwicklung innerhalb der zionistischen Partei aus der „immanenten Notwendigkeit" heraus der obengeschilderte sein müßte, so wären alle Befürchtungen, die diese Möglichkeit einflößt, völlig gerechtfertigt, so wäre es wirklich eine „prinzipielle Frage, über die der Kongreß souverän wird entscheiden müssen'4. Wenn man aber die Sache näher ansieht, so stellen sich die Befürchtungen als unbegründet dar. Unbegründet, weil die Bewegung den Weg des Sichverlierens im Sand der Einzelarbeit nicht gehen kann, nicht gehen wird. Sie kann es nicht, weil sie eine Volksbewegung ist, weil sie nur darin ihre Stärke, ihre Größe hat. Ein Volk aber verlangt große Aussichten. Es verlangt Berge und Fackeln an den Bergen. In den Niederungen ist schwer zu atmen. Wenn die Bewegung eine volkstümliche sein will, — und das ist ja ihre einzige Daseinsmöglichkeit —, so wird sie auf den Höhen bleiben müssen, wird großzügig sein, wie zuvor. Aber mag auch eine Idee noch so schön sein, einmal muß sie doch verwirklicht werden. Ein erreichtes Ideal ist nicht mehr der Sehnsucht wert, - das ist wahr —■ aber nichtsdestoweniger wollen alle ihr Ideal erreicht haben. Eine politische Bewegung ist wie eine Pyramide. Luftig in der Höhe, in der steilen, schönen, thronend, überragend, himmelstürmend, die Idee,das Ideal. Nur einzelne können die Spitze in all ihrer goldenen Herrlichkeit schauen. Die Vielen sehen sie nur verschwommen, unklar. Und sie materialisiert sich, indem sie nach unten steigt. Sie wird immer breiter, immer zugänglicher, ja — auch flacher. Und wenn sie zur Basis gelangt, dann hat man eine breite, ebenerdige, aber solide, unerschütterliche, das Ganze tragende Masse vor sich. Die Furcht der Anhänger der „reinen Idee1' im Zionismus ist die Furcht vor dem Abstieg, vor der Vulgarisierung. Die Scheu der Anhänger der „angewandten Idee" ist die Scheu des von unten Aufschauenden vor dem blendenden Sonnenlicht, das die Spitze der Pyramide umstrahlt. Und doch ist es nur eine Pyramide, una et indivisibilis. Politik umfaßt beides: Idee und Wirklichkeit, Höhe und Tal. Auf der Spitze allein kann man nicht leben. Die Basis ohne Spitze ist kein Ganzes, ist ein Rumpf, eine formlose Masse. Man hört jetzt oft vom Kampfe, der am nächsten Kongreß ausbrechen wird, man hört hüben und drüben Ankündigungen dieses Kampfes. Der Fehdehandschuh flattert in der Luft. — Und doch wird kein denkender Politiker sagen können, daß der Kampf „notwendig", von den Verhältnissen wirklich bedingt sei. Kampf — wohlan. Er ist ja der Vater alles Geschehens. Aber wofür? Welcher Preis wird dem Sieger zufallen? Seit Jahr und Tag spricht und schreibt man von der Notwendigkeit der Vertiefung des Zionismus. Was heißt aber Vertiefung? — Es ist die Verhütung der Einseitigkeit, der übertriebenen Höhe und der uferlosen Breite. Vertiefungheißt Ausgleichung, weil Aufhebung der Gegensätze, die ja oft nur scheinbar sind. Die tiefere Behandlung der zionistischen Fragen, die Subsumierung derselben unter allgemeine soziologische Grundsätze und Methoden, haben längst das Nichtsein der in der letzten Zeit hervorgehobenen Gegensätze erwiesen. Sie haben gezeigt, daß sowohl praktische Kleinarbeit wie politische Großarbeit miteinander aufs engste verbunden sind, daß sie nur zwei Seiten derselben Idee sind. Sollen wir nun wieder den Fehler begehen, von dem einmal Herbert Spencer sprach, den Schild nur von einer Seite, der konkaven oder der konvexen, zu sehen? Ich hotfe, daß uns davor der gesunde Instinkt des Volkes bewahren wird. Cor. DAS JAHR 5666 IN UNSERER GESCHICHTE (Fortsetzung) Rumänien Das verflossene Jahr war das denkbar traurigste. Kein Pogrom — der Pogrom ist nur eine gemeinverständliche Edition der Judenvernichtung — sondern Spinnwebennetze legalisierter Barbarei. Heimtückisch werden die Juden hingemordet, indem man ihnen das notwendige Existenzminimum systematisch schmälert. Hunderttausende, eingegliedert in eine bestimmte Unrechtsordnung, gehen langsam, aber sicher, zugrunde. Ihre Geschickelenker sind nicht nur rumänische Bureaukraten, sondern auch rumänische Volksvertreter. Rumänien ist stolz auf seinen Fortschritt, auf seine Verfassung — für Juden ist es ein Krebs, der sie unmerklich zernagt, untergräbt, vernichtet. Die Zahl der Juden vermindert sich, aber schlimmer noch ist die Lage der Zurückgebliebenen. Rechtlosigkeit, Unsicherheit desWohnsitzes läßt die Juden sichin einem fruchtlosen Kampf verzehren. Tausende kamen im Laufe der letzten Jahre vollständig um ihre Existenz. Es ist auch die Quelle aller Laster und des Elends — die Verstümmelung und Verkrüppelung des Daseins. Wenn sich einer schüchtern vorwagt, wird er schmählich zurückgedrängt, oder er wird zum Renegaten. Es wird als ein besonders günstiges Geschick betrachtet, wenn im Laufe eines Jahres ein paar Juden naturalisiert werden, d. h. die ihnen zugehörigen Rechte bekommen. Die „Naturalisierung" sämtlicher rumänischer Juden dürfte demgemäß etwa eine geologische Periode dauern. Rauh der Pfad, der Weg ist weit. Dabei entwickelt sich ein würdeloses Strebertum, welches in Demut vor aller Obrigkeit erstirbt und mit lüsternem Interesse nach einem Ausgeschiedenwerden schielt. Überlegen wähnt sich der moralisch Gefallene. Ein bleischwerer, hoffnungsloser Goluth. Nicht der Wut entsprungen, sondern einem System weltkluger, sogar „liberaler" Schurken. Es ist der Tod — aber nicht der Tod der Tapferen in einem Löwenkäfig; es ist der Tod einer Fliege, zerissen, zernagt von einer Spinne. Das Schlimmste: es wird langweilig — weil eben jedes Gewaltsame, jeder Sprung fehlt. Und wo ist der Alliancegeist, welcher sich regte, Interventionen herbeizuführen? Der unternehmerische Flug endete, die Schwingen der Phantasie fielen herab. „Es ist eben nichts zu machen." Matt von mißlungenen Versuchen schaut die Alliancevorsehung hilflos auf diesen Schauplatz der Vernichtung. „Lasciate ogni speranza" . . .

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