Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 39 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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"IT DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 Ei L^T* ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRG. KÖLN, 28. September 1906 p-mb ibnrV'tf ntfifn "ü No. 39. An unsere Leser! Mit der nächsten Nummer beginnt das 4. Quartal des zehnten Jahrganges. Wir bitten alle jene Abonnenten, deren Bezugszeit mit Ende d. M. abläuft, um rechtzeitige Erneuerung bezw. Einsendung des Abonnementsbetrages, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Die Expedition. VERTIEFUNG UND GEGENSÄTZE M" dem Zunehmen des Strebens nach praktischer Arbeit in Palästina, nach Kleinarbeit, wächst bei vielen treuen und ergebenen Zionisten zugleich das bittere Qefühl, daß die Bewegung an ursprünglicher Schönheit, an Großartigkeit einbüße, daß sie aus einer großzügig-politischen eine kolonisatorische Bewegung werde. Nun besteht ja tatsächlich die Gefahr, daß, wenn die nur-kolonisatorische Richtung in der Bewegung die dominierende würde, der Zionismus in mancher Hinsicht viel verlieren würde. Denn eine kolonisatorische Bewegung kann nur für einen engeren Kreis von Leuten niteresse haben, — für die Interessenten, d. h. für die Leiter der Kolonisation und für die zu kolonisierenden •ilemente. Was kann aber diese Tätigkeit der großen Zahl der Juden bieten, denjenigen, die weder Leiter sind, noch selbst Kolonisten werden wollen? Was kann ie der Intelligenz des Volkes bieten, die eine Weltanchauung innerhalb des Judentums sucht, für die der Zionismus eine alles umfassende, und darum großartige Bewegung ist? Das sind die psychischen Motive, die iele Zionisten vor dem Gespenst des Kolonisations- Zionismus, des „Chowewe-Zionismus" erbeben macht. Ulf die rein intellektuellen Motive der Nur-Politischen ":abe ich bereits an einer anderen Stelle hingewiesen, -s ist, meiner Ansicht nach, die irrtümliche Übertragung des marxistischen Gedankenganges auf die zionistische Bewegung. Durch die Übertragung des Begriffes „Notwendigkeit" auf das Gebiet geschichtlicher Erscheinungen,!ach der Richtschnur der dialektischen Entwicklungs- •lee, entsteht die willkürliche Konstruktion der unbedingten Notwendigkeit dieses oder jenes historischen Entwicklungsprozesses, in unserem Falle, der Erlangung des zionistischen Zieles. Und da dies einmal eine Notwendigkeit ist, so ist eo ipso jeder Versuch, dem Gang der Ereignisse vorzugreifen, ein eitler, ja schädlicher. Das war auch die Theorie, — die natürlich auf anderen Voraussetzungen basierte — der antizionistischen Orthodoxen. Es ist natürlich nicht hier der Platz, über die theoretische Unzulänglichkeit dieser Anschauung zu diskutieren. Ich glaube aber, daß auch die praktischen Anhänger dieser Theorie, die ihre politische Haltung darnach richten, auch nicht so ganz von ihr durchdrungen sind. Was mich hier beschäftigt, ist die zweite Kategorie der Motive, die Hemmschuhe für eine Entfaltung praktischer Arbeit in Palästina, für ein frohes Hineintauchen in das wirkliche, fruchtbringende Leben bilden. Es sind die oben zitierten psychischen Motive. Und nun muß ich sagen, daß sie in gewissem Sinne ihre Berechtigung haben. Eine Bewegung, die auf Jahrtausende des latenten Lebens, auf eine kurze aber stürmische Geschichte, auf einen Enthusiasmus, wie ihn das jüdische Volk schon lange nicht erlebte, zurückschauen kann, darf sich nicht in „Kleinarbeit verflachen" oder in Kärrnerarbeit aufgehen. Und es wäre ein großer Schlag für die Bewegung, wenn an die Stelle des Zionismus in seiner eigentlichen Form, die ein politisches System bildet, eine Lebensanschauung in sich kondensiert, eine trockene philanthropisch-kolonisatorische Aktion treten würde. Eine nur-kolonisatorische Bewegung kann nicht volkstümlich sein, kann nicht den Stempel der Demokratie in sich tragen, kann nicht schöpferisch sein. An die Stelle der Massen treten dann die einzelnen, das Elementare, - Halb-Unbewußte weicht vor ti- .1