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Die Welt · 1906-09-19 · 38 (19.9.1906) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
38 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 38 DI'EISKELl land gelingen könnte, einen großen Interessenkreis für die Bank zu schaffen, wenn sie endlich beweise, daß sie ein klar umschriebenes, kaufmännisch-einwandsfreies Aktions-Programm habe, das ihr eine sichere und angemessene Rentabilität ermögliche. Die notwendige Erkenntnis, daß eine reine kaufmännische Tendenz Eingang finden müsse bei der Leitung der Geschäfte sei anscheinend, wie die Generalversammlung in Köln gezeigt habe, noch nicht durchgedrungen. Schluß der Vormittagssitzung l Uhr. 15 Der Bericht über die Nachmittagssitzung folgt in der nächsten Nummer. Die Sitzung dauerte bis abends 7 Uhr. In der Abendsitzung sprach Herr Julius Simon-Mannheim über die Gebetbuchreform des badischen Oberrats vor überfülltem Saale und mit starkem Beifall. Die Protestresolution wurde von allen Anwesenden gegen eine Stimme angenommen. O ff □□□□□□ FEUILLETON □ □□□□□ 1 O ---JJ o DIE LEGENDE DER CHASSIDIM Von MARTIN BUBER 5. Der schlimme Sabbat Wie in jeder Woche fuhr der Baalschem damals bei Sabbatausgang aus der Stadt, und mit ihm waren die drei seiner Schüler, die die drei Davide genannt wurden, nämlich Rabbi David von Nikolajew, Rabbi David Pirkes und Rabbi David Leikes und der Diener Aleksa, der die Pferde lenkte. Und gemeiniglich war es so, daß der Meister Richtung und Schnelligkeit der Fahrt ohne alle Rede mit seinem Willen bestimmte, und der Diener Aleksa mochte seinen Rücken den Pferden zuwenden, sie brachten den Wagen zur gewünschten Zeit an die gewünschte Stelle. Diesmal aber fühlte der Baalschem, wie sein Wille ohnmächtig war dem starken Zuge der Tiere gegenüber, und er sah, wie sie den Wagen einem unbekannten Ziele zuführten und keinen Befehl des erschrockenen Kutschers annahmen. Da wollte er umkehren und rief es laut und faßte selbst die Zügel, aber er hatte keine Macht über die Pferde, und sie liefen, dem Geheiße seiner Hand entgegen, in scharfem Trabe weiter, wohin der unsichtbare Zwang sie trieb. So kamen sie in eine Wildnis und zogen den Wagen hinein, bis ringsum kein Pfad und kein Ausblick war und irrten nun in knappern gleichmäßigem Schritt in der Wildnis umher. Dies währte drei Tage, und der Baalschem trug es, wie ein Verhängnis, gegen das keine Menschenzunge zu murren wagen kann, aber die Schüler saßen betäubt und elend da, und der Diener Aleksa gebärdete sich wie toll, als ob er nie noch mit seinem Herrn Wundersames und Furchtbares erfahren hätte. Nach den drei Tagen aber kam ein neuer Trieb in die Pferde, und sie rannten aus der Wildnis in einen darangrenzenden Wald und zerrten den Wagen in das tiefste Dickicht hinein. Da blieben sie stehen und wieherten behaglich, als wären sie in den Stall zurückgekehrt und hätten das schönste Futter vor sich. Die im Wagen aber konnten nicht mehr scheiden zwischen Tag und Nacht. Sie nährten sich kümmerlich von den geringen Vorräten, die sie mitgenommen hatten, und kein Schlaf am über sie, so überstark hielt die Bangigkeit ihre Herzen umfingen. So vergingen Stunden und wieder Stunden. Aber eine kam, da erkannte der Baalschem an der siebenfachen Traurigkeit, Tie in seine Sinne drang, daß der Vortag des Sabbats herange- >rochen war, und er wußte nicht, wie er mit seinen Schülern de'fl lohen Tag empfangen und ehren könnte. Da drang die Traurigkeit on seinen Sinnen in seine innere Einsicht und er fühlte, wie ein schwellendes Wasser über all seine Weisheit hinströmte und sie erschlang, in der tiefen Not saß er da und schaute vor sich hin und •pürte eine trostlose Ermüdung sich über alle seine Glieder hinsehen und verfiel endlich in einen schweren stumpfen Schlaf. :)a kam eine Hoffnung in die Seele der Schüler, denn sie wußten '•ie Heiligkeit, die um den Schlummer ihres Meisters allezeit webte nd wie ihm, was im Wachen düster und verworren erschien, Traum sich klärte und wie da aus aller Trübe die reine Gestalt der Wahrheit sich in strahlender Erscheinung hob; denn der Mund der Dinge suchte das Ohr des Meisters, wenn er mit geschlossenen Außensinnen dalag und sein Geist sich dem inneren Worte eröffnete. Aber der Baalschem erwachte in einer dumpfen und ruhelosen Weise, und die Starrheit, die auf ihm lag, war fast zur Lähmung gewachsen. Dies war der Augenblick, da die Verzweiflung aus den Wolken hervorbricht und den Menschen ansieht. Schon züngelte sie heran, schon suchte ihr roter Blick den, der der Herr der Geheimnisse gewesen war und nun vom letzten Wissen verlassen dasaß; da reckte er sich auf und hob den Arm und deutete mit zitterndem Finger in die Ferne, siehe da war ein Licht in der Ferne, ein kleines schwankendes Licht hinter tiefem, weitem Gestrüpp. So ließen sie den Wagen und gingen mühevoll dem Lichte zu, und allgemach erleuchtete sich ihnen das Angesicht der Erde und die ewige Sonne stand über ihren Häuptern und sie sprachen: „Gesegnet sei der Herr und gesegnet sei sein Name!" Im Lichte aber sahen sie in der Ferne ein kleines Haus, das stand wie ein matter grauer Fleck, mitten in dem mächtigen Grün des Waldes. Sie gingen auf das Haus zu. Vor der Tür stand ein riesenhafter stiernackiger Mann, gekleidet nach der Art jener Leichtfertigen, die die gute Sitte der Väter verachten, mit rotgelbem struppigem Haar und ungeschlachten baren Füßen; auch waren die Schaufäden des Gesetzes an seinem Gewände nicht zu sehen. Er stemmte die Fäuste in die Seiten, sah die Herankommenden höhn voll an und schwieg. Sie verneigten sich vor ihm und fragten: „Ist es gewährt, daß wir den heiligen Sabbat in Eurem Hause feiern?" Da schrie er sie mit greller Stimme an: „Ich will euch nicht und leide es nicht, daß ihr über meine Schwelle tretet. Kenne ich euch nicht? Euer Gesicht redet von euch. Chassidim seid ihr, tragt eure Frömmigkeit zu Markt und predigt auf den Gassen. Geht, mein Nacken ist Erz gegen eure nichtigen Worte. Ich hasse euch, euch alle hasse ich von gestern und vorgestern und von jeher. Mein Vater hat euch gehaßt und mein Großvater, meinem ganzen Hause seid ihr verhaßt. Darum geht eilend von hinnen, ich will euer Gesicht nicht mehr sehen." Sie aber trugen seine Worte in Schweigen und fragten nur: „So wolle uns sagen, ob es in der Nähe andere Wohnstätten gibt, dahin wir uns wenden könnten, um den heiligen Sabbat zu feiern." Da lachte der Mann hoch auf und rief in grimmigein Lachen: „Wieviel Zeit ihr gebraucht habt, um hierherzukommen, so viel Zeit und mehr braucht ihr, bis ihr an einen anderen Menschenort kommet." Als er dies gesagt hatte und in der gleichen Weise weiter und weiter lachte, als wolle er nimmer aufhören, wollte ihnen der neue Mut, der zu ihnen gekommmen war, schier wieder entschwinden. Aber Rabbi David Pirkes, der jüngste der Davide, der sonst nie ein Wort redete, sondern in der Schar der Schüler schweigsam und versonnen zu sitzen pflegte, trat hervor und sprach zu dem Manne, gar leise und friedfertig:

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