Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 38 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 38 - DIE1 Nun ist aber endlich Ruhe bei uns. Vorn Bahnhof treffen Ankommende ein, wenn auch nur gruppenweise und unter militärischer Begleitung. Einige Bauern haben aus den naheliegenden Dörfern verschiedene Eßwaren zum Verkauf gebracht, und die Bevölkerung hat nun die Möglichkeit, nach den vielen Hungertagen etwas zu essen. Ringsherum aber sind noch alle Spuren der schrecklichen Verheerung und Verwüstung sichtbar. Zertrümmerte und eingeäscherte Häuser und Läden, die Straßen bedeckt von Patronen und Bettfedern, bespritzt von Menschenblut. Durch die eingeschlagenen Fenster hört man ein Klagen und Jammern und Stöhnen. Es wagen sich immer noch sehr wenige auf die Straße und die Stadt sieht fast wie ausgestorben aus. Auf Befehl von der Polizei werden die Straßen wieder in Ordnung gebracht. Die Stadt soll ihr früheres Aussehen wiederbekommen. An die Juden ist der Befehl erlassen,- ihre Läden zu öffnen. Sie sollen doch nicht mehr über die Toten weinen und nur fröhlich an das zufällig unterbrochene Tageswerk gehen ... Bei uns in Rußland wird ja alles auf Befehl gemacht. Wieviel der Toten, wieviel Verwundete, wieviel Irren, das läßt sich noch nicht festeilen. Man spricht von 100 Toten, vielen Hunderten Verwundeten. Bis auf den heutigen Tag wurden 37 Märtyrer ins Grab gesenkt. Von den 72 Schwerverwundeten, die sich zurzeit im jüdischen Spital befinden, werden nicht viele dem Tod entrissen werden können. Der materielle Ruin ist ungemein groß. Es gibt fast kein einziges Haus, kein einziges Geschäft, das nicht total ausgeplündert oder niedergebrannt wäre. Die Not ist entsetzlich. Es hat sich ein Hilfskommitee bereits zusammengesetzt.' Aus Warschau und Lodz sind 6000 Rubel gekommen, auf Veranlassung des Hilfsvereins der deutschen Juden 4OO0O Mark. Es ist hier aus Petersburg auf Befehl von Stolypin eine Untersuchungskommission, bestehend aus den Generälen Kowossilzew, Kruzenstein, Wassilewsky und dem Oberst Ussow, eingetroffen. Unter anderen wurde auch eine jüdische Deputation mit dem Rabbiner an der Spitze vernommen. Was wir von dieser Kommission zu erwarten haben, wissen wir ganz genau. Umsomehr ist es notwendig eine juristische Kommission zu organisieren, um den Beschädigten fachmännische Hilfe zu gewähren und die behördliche Untersuchung zu überwachen. Siedice, 14. September 1906. * * * Dem deutschen Bureau der Alliance Isra61ite Universelle wird von zuständiger Stelle aus Warschau gemeldet, daß laut Feststellung der nach Siedice entsandten Hilfskommission über 1000 Familien all ihr Hab und Gut eingebüßt haben. Die Verängstigung und Apathie der jüdischen Bevölkerung in Siedice zusammen mit dem Elend der Verwundeten und Notleidenden machen den furchtbarsten Eindruck. Große Hilfsmittel werden erforderlich sein, um der traurigen Lage einigermaßen zu steuern. Eine Frechheit! General Sikalow, der den Posten eines zeitweiligen Generalgouverneurs des Gouvernements Siedice angetreten hat, der eigentliche Veranstalter des Pogroms, der am besten wußte, daß die Juden auf die Soldaten nicht geschossen haben, hat folgenden Aufruf an die Bevölkerung erlassen: „Voll Kummer stehe ich vor den Fällen von Gewalttätigkeit, denen eifrige und ehrliche Träger der Verwaltung zum Opfer gefallen sind. Besonders empörend sind die Unruhen der letzten Tage, die so viele Menschenleben gekostet haben; empörend sind die gesetzwidrigen Anschläge auf die Hüter der öffentlichen Ordnung und auf pflichttreue Truppen. Bürger und Einwohner! Wo und wann im Leben der Menschheit sind Beispiele vorgekommen, daß Propheten und Lehrer Gewaltakte und Mord angewandt haben, um die verirrte Gesellschaft auf den rechten Weg zurückzuführen? Nicht durch Gesetzwidrigkeit, sondern durch strenge und furchtlose Aufdeckung des Lasters sowie durch das Beispiel strengster Selbstzucht gegenüber Versuchungen und Zügellosigkeit haben sie die Völker zur Vernunft gebracht und sie auf den Weg wahrhaft menschlichen Lebens zurückgeführt. Eine Predigt jedoch mit Waffen in den Händen und Haß im Herzen führt nicht zum Guten, und in die Fußstapfen derer, die verbrecherische politische Propaganda treiben, treten stetig sich mehrende Haufen wahrer Räuber, EELT- 13 die das Volk aufreizen, den Volkswohlstand untergraben und den Untergang des Werkes vorbereiten, das gesetzwidrig begonnen ist. Bürger! Ich rufe euch zu gemeinsamer einmütiger Arbeit und zur Beruhigung unseres aufgewühlten Lebens auf. Laßt uns der Stimme der Wahrheit unser Ohr leihen, die in jedermanns Seele ertönt, und alles aufbieten, damit das bisher so friedliche und arbeitsame Siedice nicht länger einem bewachten Gefängnis oder einer feindlichen Position gleiche." Das ist eine Frechheit, die nur in den Taten der russischen Machthaber ihres Gleichen hat. Stolypin und die Judenmassaker Der „Frankfurter Zeitung" wird von ihrem Korrespondenten aus Petersburg telegraphiert: Petersburg, 16. Sept. Eine Persönlichkeit, die ich näher zu bezeichnen nicht ermächtigt bin, hatte, wie ich aus zuverlässiger Quelle erfahre, kürzlich eine geschäftliche Unterredung mit dem Ministerpräsidenten Stolypin, dessen frühere Ruhe einer starken Nervosität gewichen ist. Stolypin ist der Ansicht, daß sich durch Terrorisierung der Massen gegen die Anarchie ankämpfen lasse. Vorgänge, wie die in Siedice, können sich seiner Meinung nach wiederholen. Zur Zeit der Unterhaltung war die Verwendung von Geschützen nur gerüchtweise bekannt. Stolypin sagte, er werde dieses Vorgehen untersuchen lassen, glaube aber, daß anders gegen die Siedlcer Revolutionäre nicht vorgegangen werden konnte. „Man wird sie doch nicht noch vor ein Gericht stellen." 200 Juden in Todesgefahr Die Henker von Siedice haben an den Opfern des Massake-s nicht genug. Sie wollen neue Opfer. 200 Juden sind vom Tode bedroht. Der „Hilfsverein deutscher Juden" hat aus Petersburg folgendes Telegramm erhalten: „Während des Pogroms in Siedice wurden aufs Geratewohl mehr als 200 Personen verhaftet. Sie werden nunmehr vor das Feldgericht gestellt, das sein Urteil binnen 48 Stunden fällt. Dieselben Offiziere, die bei dem Pogrom beteiligt waren, fungieren jetzt als Richter. Es besteht die höchste Gefahr, daß, um ein Blutbad zu rechtfertigen, man die eingekerkerten Unschuldigen als Revolutionäre zum Tode verurteilen wird, obgleich eine revolutionäre Organisation in Siedice unmöglich bestehen konnte, da während des Pogroms nicht ein einziger Soldat oder Beamter von der Bevölkerung getötet worden ist. Hilfe wird angefleht." Als diese schmerzliche Kunde eintraf, wandte sich das zionistische A. C. sofort telegraphisch an den russischen Premierminister Stolypin, den Kriegsminister Rediger und den Justizminister Stscheglowitow, wie auch an den Großherzog von Baden, den Konig von Italien und den König von England, sowie die englischen Minister, mit der Bitte, für die Unglücklichen zu intervenieren und den entsetzlichen Justizmord zu verhindern. Das Aktionskomitee hat gleich nach Eintreffen der ersten Nachrichten aus Siedice dem in Warschau gebildeten Hilfskomitee, das unter der Aufsicht des Vorstandes der dortigen Gemeinde fungiert, 500 Rubel aus dem russischen Hilfsfonds zur Verfügung gestellt und daraufhin vom Vorsitzenden des Hilfskomitees, dem Präsidenten der Warschauer Gemeinde, Michel Bergsohn, folgendes Danktelegramm erhalten: „Danke herzlichst für edle Spende. Vorgänge Siedice unglaublich traurige. Brief folgt. Bergsohn." Das Aktionskomitee hat außerdem die zionistische Zentrale in Wilna ersucht, ihm unverzüglich mitzuteilen, ob und welche weitere Hilfe notwendig erscheine.