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Die Welt · 1906-09-19 · 38 (19.9.1906) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
38 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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wollen ein Blutbad unter euch anrichten. Soldaten! Wenn ihr den ersten Schuß, der von jüdischer Seite fällt, hört, schlaget die Juden nieder, mordet und tötet sie!" Ein Agent provocateur, der, wie es sich herausstellte, ein orthodoxer Russe namens Wassiljew war, feuerte in der Nacht vom 9. auf den 10. einen Schuß ab, und der Pogrom begann. Der Hilfsverein der deutschen Juden erhielt das nachstehende Telegramm: Siedice, 16. Sept. (Telegr.) (12 Uhr 44 Min. mittags.) Das Hülfskomitee begann zu funktionieren. 72 Schwerverwundete befinden sich im Hospital. Begraben auf dem jüdischen Friedhof sind bereits 27 Personen; wieviel Tote und Verwundete in den Häusern liegen, ist bisher nicht festgestellt. Der wirtschaftliche Schaden ist außerordentlich groß, fast sämtliche jüdische Wohnungen und Geschäfte sind ausgeplündert. Die juristische Hülfe zur Feststellung der Tatsachen wird gemäß den Vorschlägen organisiert. Der Hilfsverein der deutschen Juden teilt uns des weiteren mit, daß er wegen der furchtbaren Sachlage in Warschau sich durch seinen Vorsitzenden unmittelbar an den russischen Ministerpräsidenten Stolypin gewandt hat, sowie daß er an einflußreiche russische Freunde in Petersburg zum selben Zwecke depeschiert hat. Der Hülfsverein erhielt darauf das folgende Telegramm: Petersburg, 16. Sept. (Telegr.) (9 Uhr 54 Min. vormittags.) Ministerpräsident Stolypin erklärte, daß er alles tun werde, was in seinen Kräften steht. * * Der letzte Bericht, den der Hilfsverein der deutschen Juden aus Siedice erhalten hat, ist der nachstehende: Ich bin noch immer nicht imstande, Ihnen etwas Bestimmtes mitzuteilen. Erst müssen wir die Wände, die Dielen, die halbzerbrochenen Möbel von anhaftendem Menschenblut waschen, erst müssen wir unsere Toten begraben . . . Was in Siedice geschehen ist, spottet jeder Beschreibung. Es übertrifft die scheußlichsten Metzeleien, die unsere Väter zu den Zeiten Bogdan Chmelintzkis erlebten. Die zwei Worte, mit denen Andrejew seine berühmte Kriegsschilderung, beginnt, genügen nicht, um sich -auch nur annähernd das Bild vom Siedlceer Blutbad vorzustellen. „Wahnsinn und Schrecken." Nein, mehr, viel mehr als das. Schon einige Wochen vorher hatten wir Grund, einen Pogrom zu befürchten. Wir wurden aber von offiziellen Kreisen beruhigt. Bekanntlich wurde vor einigen Wochen der Polizeimeister Golzen ermordet. Der Täter entkam und konnte nicht festgenommen werden. So hieß es bald, es wäre ein Jude gewesen. Als die jüdische Gemeinde einen Kranz auf das Grab des Polizeimeisters legen ließ, wurde derselbe zurückgewiesen mit der Andeutung, daß man doch von den Mördern keine Trauerbezeugungen annehmen könne. Ganz genau wie in Bjelostok. Daß das erbärmliche Gefasel der offiziösen Regierungspresse von Revolution und jüdischen Revolutionären in Siedice eine altbewährte Lüge ist, brauche ich Ihnen erst nicht zu sagen. Die Bevölkerung unserer Stadt ist die ruhigste in Polen. Sie besteht hauptsächlich aus armen Handwerkern und Kleinhändlern, die froh sind, wenn sie auch nur einmal am Tage etwas zu essen haben. Die sonst als unruhiges Element geltenden Arbeiter fehlen bei uns ganz und gar, da bei uns überhaupt keine Fabriken vorhanden sind. Von wem die Greuel vorbereitet, von wem sie ausgeführt wurden, darüber waltet wohl wie bei uns so auch im Auslände kein Zweifel mehr. Auf direkten Befehl der Vorgesetzten haben die braven Soldaten der russischen Armee unmenschlich gemordet, gebrannt geschändet und geraubt. Ihnen zu Hilfe kamen die speziell von auswärts bestellten Hooligans. Wie gesagt, waren wir über 2 Wochen in banger Erwartung. Die allgemeine Furcht steigerte sich aber immer mehr und gelangte am Freitag bis zur Verzweiflung eines unschuldig zum Tode Verurteilten. Wir wußten, daß wir jeden Augenblick das Schlimmste erwarten konnten, und waren machtlos, uns irgendwie zu helfen. Man erzählte sich, daß auf dem Rathausturme eine Stange angesetzt würde, um darauf ein Zeichen zum Pogrom aufzuhängen. Es war unglaublich und trotzdem doch wahrl Die Vorbereitungen begannen Freitag abend und von Sonnabend morgen an wurde die Stadt militärisch abgesperrt, wie abgeschnitten von der ganzen Welt. Die Behörden beruhigten uns, wir aber waren uns im Klaren. Das auch sonst höhnische Benehmen der Polizei und der Soldateska wurde geradezu heraus fordernd; Gerüchte, eines übertreffend das andere, offen gemacht Vorbereitungen, alles stimmte damit überein, was wir von Kischinew Hornel, Bjelostok und anderen Städten hörten. Wir sind ja ir diesen Sachen ein erfahrenes Volk! Und so ist es denn gekommen Sonnabend abend, einige Minuten nach 9 Uhr, erschien eine roU Laterne auf der Stange. Man hörte einen Schuß, bald daran mehrere gleichzeitig und es begann die Nacht von Siedice. 6( Stunden dauerte ununterbrochen diese Siedlcer Nacht. 60 Stundei hinterander mordete man und plünderte, brannte und ruinierte. Jüdisches Blut floß in den Straßen, auf den Höfen und in der Häusern, und es rieselte in die Keller hinunter auf die Köpfe der dort in Todesangst versteckten, vor Hunger und Durst sterbender Männer, Frauen, und Kinder. Es ist unmöglich, die entsetzlicher Grausamkeiten zu schildern, die hier begangen worden sind. Als man im jüdischen Krankenhaus Licht anzündete, um der Verwundeten Hilfe zu gewähren, feuerten die Soldaten durch die Fenster und erschossen eine Schwester und den Wächter. In einem Obstgarten im Blonja-Viertel wurde der Pächtei Abraham Kristall aus seinem Versteck herausgeholt und von Soldaten niedergemetzelt. Über seine Leiche stellten sie einen Tisch hin und aßen darauf ruhig das Obst aus dem Garten. Ein vor einigen Tagen aus dem Dienst zurückgekehrter jüdischer Soldat erschien auf der Straße. Er glaubte in seiner Uniform sicher zu sein und wollte seine verwundete Schwester nach dem Krankenhaus bringen. Kaum war er aber auf der Straße, ein Dutzend Kameraden zielten auf ihn los, und der Unglückliche wurde auf der Stelle niedergemacht. Ihn rettete nicht einmal sein im Kriege durchlochter Uniformrock! Erbarmen flößte manchmal diesen betes humaines Geld ein. Dabei stellte sich die musterhafte An sp ruchslosigkeit derussischen Soldaten heraus. Ein alter armer Jude kaufte sich vor der Soldateska mit 35 Kopeken los. „Hätte ich nicht das Gele bei mir", meinte der Alte, „so war' ich hier zusammen mit diesen" wobei er auf eine Anzahl in Reihe auf der Straße liegender Leichei hinwies. Der Anstifter und Durchführer des bestialischen Planes is der Garnisonchef Oberst Tichanowski, eine Ausgeburt von einen Menschen. Spät in der Nacht gegen Sonntag, als der Pogrom in vollen Gange war, wurden einige angesehene Juden mit dem Rab biner an der Spitze zum Polizeimeister gerufen. Als sie von Soldate: konvoitiert zu dem Polizeichef kamen, wurden sie aus den anliegende! Höfen mit Steinen beworfen, wobei einer von der Deputation, Her Tomkin, verwundet worden ist. Oberst Tichanowski verlangte voi den Deputierten, sie sollten die 15 jüdischen jungen Leut ausliefern, die geschossen haben. Nachdem sie die Erfüllung diese Forderung für unmöglich erklärten, meinte Herr Tichanowski: „N: dann geht es weiter fort." Sie wandten sich an den Generai gouverneur Engelke, an den Gouverneur Wolzin. Aber auch hic vernahmen sie dieselbe Antwort: „Gebet uns eure Revolutionäre dann lassen wir euch leben." Es half nichts, weder Flehen noch Beweise. Es steht fes! daß kein einziger Soldat von der Bevölkerung verwundet oder ge tötet ist, nur einer ist zufällig von seinen Kameraden erschösse! worden, als ein Gewehr fahrlässig losging. Am Sonntag trafen aus Rembertow und Brest noch zwe Regimenter ein; Truppen schienen wahrscheinlich nicht genügenc zu sein. Es hörte nun das Flintenschießen auf und es begann ei; Kanonenbombardement. In kurzer Zeit wurden vier Häuser nieder bombardiert und an eine Anzahl von Häusern von den Soldater Feuer gelegt, natürlich nachdem sie erst tüchtig von den Kriegs helden ausgeraubt worden waren. So ging es bis Dienstag gegei Mittag, wo das Schießen und Plündern aufgehört hat und in de Stadt eine gewisse Ruhe eintrat. Nicht lange aber hat sie gedauert Zur Beruhigung der Bevölkerung erließ der an Stelle des seinem Amtes enthobenen Generalgouverneurs Engelke ernannte Genera Sykalow einen Aufruf, in dem er mit eherner Stirn seinem Kumme über die Fälle von Gewalttätigkeiten, denen eifrige und ehrlich' Träger der Administration zum Opfer gefallen sind, jetzt Ausdruci gibt und den Revolutionären, d. h. den Siedlcer Juden Liebe um Frieden predigt. Ungefähr um 3 Uhr nachmittags am selben Tag empfing der Gouverneur Wolzin unseren Rabbiner, versprach ihnr das Schießen nicht mehr zu wiederholen nnd bat ihn, die jüdisch Bevölkerung zu beruhigen, und zwei Stunden darauf gegen 5 Un wurde das von Sterbenden und Stöhnenden angefüllte jüdisch. Spital von Dragonern umzingelt und 18 Kranke wurden ve haftet und nach dem Gefängnis eskortiert. Ja, zwei Stunden dann begann das Schießen wieder. Auf der Stodolnastraße wurde d;; Haus Nr. 40 und auf der Ogrodonastraße Nr. 44 beschosser Die Bewohner dieser Häuser flüchteten sich in die Keller. Zwei Fraiu ' wurden auf der Flucht meuchlings niedergeschossen. Eine ist toi

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