Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 38 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Die Stadt nach dem Pogrom Haben Sie jemals die Illustration zur „Comedia Divina" von Dor6 gesehen? Haben Sie diese leise über den Erebos irrenden Geister gesehen, welchen man sogar die Hoffnung auf eine bessere Zukunft geraubt hat? Solche Gedanken bemächtigen sich unser, wenn wir die blutigen Bilder sehen, welche die Hand des grausamen Fatuins gezeichnet hat. Noch ein Blatt in der Geschichte des jüdischen Volkes! Wieder frische Gräber, über die ein anderes Volk zur Morgenröte der Freiheit schreitet...... Es ist schwer, die materiellen Schäden genau zu bestimmen. Nach den Angaben des Rechtsanwalts Sunderland betragen die unmittelbaren Verluste über 600 000 Rubel. Das sind aber nur unmittelbare Verluste, wie zerstörte Häuser, verbrannte Läden, geplünderte Wohnungen, gestohlene Gegenstände. Wenn man noch andere Verluste mit in Betracht zieht, so beträgt der materielle Schaden viel mehr. Was die Zahl der Toten und Verwundeten anlangt, so gibt es noch keine vollständigen Listen. Man berechnet die Zahl der Toten auf 150, der Verwundeten auf über 400. Die Nachricht, daß von den 400 Verhafteten 52 junge Leute dem Kriegsfeldgericht übergeben werden sollen, wird von den Behörden dementiert. Vorläufige Totenliste Dwojra Fajgenbaum, 16 J., Mordko Moller, 40 J., Majer Wulf, 33 J., Izaak Weinberg, 40 J., Abraham Rafal, 25 J., Mendel Feinblum, 38 J., Hersz Dula, 22 J., Berek Schklasch, 40 J., Gabriel Sonheim, 26 J., Peiwel Ratanewitz, 27 J., Chaim Liebermann, 50 J., Chana Liebadler, 50 J., Bluma Burschtyn, 45 J., Hendla Weinstein, 50 J., Mordko Goldberg, 27 J., Majer Solasch, 17 J., Nuchim Sluschny, 18 J., Chana Swienconykamen, 17 J., Rosen, 14 J., Chana Leibchaner, 30 J. Vorläufige Liste der Verwundeten Uscher Orzel, 48 J.; Abraham Leßner, 50 J.; Jankiel Skladka; Moses Elefant; Abraham Sonnsheim; Leisor Gendel; Kolomejec; .loseph Aberg; Nula Srebrna; Israel Kawa; Jankel Jedwab; Leisor Lipschitz; Liba Lauterstein; Schulim Ber; Lejb Oksman; Jankiel Oksman; Leon Karpowitsch; Ozer Soroka; Majer Rosenberg; Moses Srebrniak; Schlome Liwerant; Jankiel Miltschak; Jankiel Kawa; Schmul Kawa; Schmul Grünspan; Icek Solarz; Schloma Lawendel; Abraham Lewin; Icek Goldstein; Simon Kawa; Sura Grünberg; Schaja Keßlenbaum; Srul Rosenblum; Moses Agresbaum; Israel Kawa; Schaja Krystal; Moses Lejman; Juda Lipschytz; i:ljasch Grajonzy; Srul Maletschynski; Icek Mordik; Abraham Stary; Schmul Geisthüllert; Dawid Sluchawski; Moses Goldman; Moritz Goldman; Abraham Fergenbauni; Nuchim Sluschny; Abraham Totusman; Jankiel Tenenbaum; Joseph Goldstein; Moses '\iament; Wolwel Dzwoniec; Alta Radynska; Boruch Schloma tynecki; Alta Olfisch; Dawid Rosenfeld; Boruch Dawid Kaminski; :eiwel Rataniewitsch. . M. Das „Neue Wiener Tagblatt" erhielt aus Siedice folgende auiientische Schilderung der Vorgeschichte des Pogroms: Vor etwa zwei Wochen erhielt der Militärgonverneur von Siedice, ieneral Sikalow, von der „Sternkammer" — so heißt bekanntlich lie im stillen arbeitende mächtige Nebenregierung Rußlands — die Verständigung, daß ein Herr demnächst bei ihm erscheinen werde,!en er um so mehr zu empfangen habe, weil jener ihm sehr wichtige Dokumente und Aktenstücke vorlegen werde. Der Herr, so wurde iem General mitgeteilt, heiße Urbanovski, sei aber trotz des polnisch •üngenden Namens kein Pole und stehe in inniger Beziehung zu M'uschevan, dem bekannten Urheber des Pogroms in Kischinew. uirz nach dem Empfange dieser Verständigung meldete sich Urbanovski beim General Sikalow und wurde auch vom General sofort empfangen. Urbanovski verblieb eine geraume Zeit hindurch in dem Privatbureau des Generals und konferierte mit diesem ohne Zeugen ganz allein. Kaum war Urbanovski in Siedice eingetroffen, wurden unter dem Militär Flugschriften und Proklamationen verteilt, in welchen die Mitglieder des „Bundes" und des „P. P. S." (Polnische sozialistische Partei) als Vaterlandsverräter, Volks- und Russenfeinde bezeichnet wurden. All die Flugschriften und Proklamationen waren mit der Unterschrift „Das Komitee der wahrhaft russischen Männer" unterzeichnet. Gleichzeitig mit Urbanovski traf auch eine große Schar verdächtiger Individuen in Siedice ein, die an den Pöbel auf den Marktplätzen und an die in der Umgebung der Stadt wohnende polnische Bauernbevölkerung Hetzreden richteten, in welchen die Juden für die ärgsten Feinde des Zaren und des Volkes ausgeschrieen wurden, in welchen immer betont wurde, die Juden haben das Unglück auf das heilige Rußland heraufbeschworen, die Juden sind schuld daran, daß die Bauern arm sind und darben. „Juden töten", so hieß es in einer solchen Brandrede, „ist keine Sünde. Seht, was eure Landsleute in Kischinew und Bjelostok gemacht haben! Juden haben sie getötet, und damit die Feinde des heiligen Rußland. Es ist ein gottgefälliges Werk, wenn ihr die Juden ausrottet." Die polnische Bauernbevölkerung schenkte aber den Agitatoren — Männern der „Schwarzen Hundert" -— kein Gehör: „Wir wissen schon, was recht und gut ist! Uns werdet ihr zu keinem Pogrom bringen" — antworteten sie auf die Hetzreden. Auch der Pöbel in der Stadt schien auf die Ideen der Männer Urbanovskis nicht recht eingehen zu wollen; es gelang zwar den Agitatoren, einige für sich zu gewinnen, aber der größte Teil hielt sich von ihnen fern. So stand denn den Leuten Urbanovskis, wollten sie ihr Vorhaben, einen Pogrom gegen die Juden zu veranstalten, ausführen, keine andere Bevölkerungsklasse zur Verfügung als das Militär. Ihre ganze Kraft setzten sie nun ein, um das Militär für sich zu gewinnen, und dies gelang ihnen auch um so leichter, weil der Obmann des Komitees der „wahrhaft russischen Männer" in Siedice ein Soldat ist: der Kommandant des dort garnisonierenden Dragoner- Regiments, Oberstlieutenant Tichanowsky. Dieser und viele seiner Offiziere kamen den Agitatoren zu Hilfe; die Stimmung unter den Soldaten gegen die Juden wurde immer erregter und heftiger. Der „Bund" und die „P. P. S.u, die natürlich von dem Treiben der Abgesandten die „Schwarzen Hundert" wohl unterrichtet waren, affichierten ihrerseits Kundgebungen, in denen sie die Bevölkerung auf das Treiben der Agitatoren aufmerksam machten und versicherten, daß sie keinerlei Anlaß zu einem Pogrom geben werden. Sie forderten auch die Arbeiter, die gerade den Streik organisierten, auf, ja nur weiter zu arbeiten und so auch den Schein einer geplanten Bewegung zu verhüten, die von ihren Feinden sicherlich als revolutionäres Treiben bezeichnet, und mit einem Pogrom beantwortet würde. Die Soldaten überfielen Arbeiter, die nach getanem Tageswerke ruhig ihren Heimweg antraten; vergebens, die Arbeiter reagierten nicht. Juden, Männer und Frauen, wurden auf der Straße mißhandelt, — vergebens, sie flüchteten sich, allein auch sie reagierten nicht. Urbanovski und seine Helfershelfer sahen nun ein, daß dieserart der Pogrom nicht gelingen werde, und beschlossen daher die Ausgabe folgender Proklamation: „Soldaten! Die Zeit ist nun da, wo ihr zeigen sollt, daß euer Eid, den letzten Blutstropfen für den Zar und Rußland zu opfern, ein treuer ist. Der Thron ist in Gefahr! Ihr müsset dem Zaren helfen, ihr müsset zeigen, daß es noch in Rußland Männer gibt, die den Thron stützen, sich für den Zaren und seine Familie opfern. Die jüdischen Revolutionäre, die ganz Rußland überschwemmt haben, die gar-mächtig sind, wollen dieser Tage wiederum einmal beweisen, daß die Macht in Rußland in ihren Händen vereinigt ist. Und da wollt ihr schweigen? Wolltgleichgiltigzuschauen? Soldaten! Brüder! Verteidigt das heilige Rußland und seinen Selbstherrscher! Gebet nicht zu, daß die Macht, die dem Zaren gehört von jüdischen Revolutionären usurpiert werde. Die Juden hier bei uns in Siedice