Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 38 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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m 10 5|- DIE^i ELT No. 38 Siilll 4& » * Tichanowski um 5 Uhr morgens vorsprach, drohte dieser, daß er Kanonen aus Biala kommen lassen wird. Während aber die Reisezeit aus Biala nach Siedice über zwei Stunden beträgt, waren schon nach Verlauf von 1 7* Stunden die Kanonen auf den Straf3en aufgestellt. Die Hauptrolle in der Organisation des Pogroms haben Offiziere des obengenannten Libauer und Narwski-Regiments gespielt. So erzählt der Gemeindesekretär Tschatzkis, daß er zehn Tage vor dem Pogrom zwei Offiziere des Libauer Regiments bemerkte, welche in der Stadt herumgingen und die Hausnummern der jüdischen Häuser und Läden und die Namen ihrer Eigentümer notierten. In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag, als die Wohnung von einem gewissen Lewin revidiert wurde, hörte Tschatzkis, wie ein Offizier fragte: „Und wo ist die Nummer 56?" Die Nummer des Hauses 56 war bereits früher notiert worden, weil sich dort die größten und reichsten jüdischen Läden befanden, so das Geschäft von Glowitschower und anderen. Aus diesem Hause wurde ein älterer Jude herausgeführt. Der Offizier forderte von ihm Geld. Da der Jude kein Geld hatte, wurde er vor dem Hause ermordet. Die ersten Nachrichten aus Siedice lauteten, daß die jüdischen Läden von durchreisenden beurlaubten Soldaten geplündert wurden. Doch hat sich erwiesen, daß diese Gerüchte lügenhaft waren. In ganz Siedice befand sich ein beurlaubter jüdischer Soldat, der von den Soldaten im Rathause ermordet wurde, weil er ihnen seine Uhr und sein Geld nicht geben wollte. Ein anderer jüdischer Soldat, der vor einigen Tagen aus dem fernen Osten zurückkam und bei seiner Familie weilte, wurde schwer verwundet. Auch die „SchwarzenHundert", welche in Siedice sehr zahlreich sind und im Teehaus des Antialkoholvereins ihren Sitz haben, wurde in die Aktion nicht hin ein gez o gen. Es war nur einzig und allein das Militär, welches unter der Leitung der Offiziere das Werk des Mordes, des Raubes und der Vernichtung vollbrachte. Interessant ist es auch, daß der Kriegsgeneralgouverneur Engelke am Sonnabend, d. h. am Pogromtage, die Verordnung erließ, daß die Geschäfte bis 10 Uhr abends geöffnet sein können, während sie sonst schon um 8 Uhr geschlossen werden mußten. Die Patrouillen erschienen in jedem Geschäfte mit den Worten: „Heute könnt ihr eure Geschäfte bis-10 Uhr offen lassen. Handelt frei, bis ihr satt werdet." Die Form des Pogroms Es muß konstatiert werden, daß der Pogrom einzig und allein von den lokalen Behörden organisiert wurde, ohne irgendwelche Direktive aus Petersburg oder Warschau. Die Technik des Pogroms war eine ganz neue. Die Einleitung bildeten provokatorische Schüsse. So z. B. sah in der Prospektstraße ein Pole, Fürst Opolski, daß im Hofe des benachbarten Gymnasiums der Wächter von Zeit zu Zeit in die Luft schoß. So sahen einige Juden, welche auf der Hauptwacht verhaftet waren, daß die Offiziere aus den Fenstern des Offiziersklubs schössen. In der Ogrodowastraße wohnt der Richter Janowski. Dieser sah, daß im benachbarten Hause ein Offizier von Zeit zu Zeit auf dem Balkon erschien und in die Luft schoß. Solcher Fälle waren viele. Auf die von Zeit zu Zeit ertönenden Provokationsschüsse antwortete das Militär mit Revision und Beschießen der Häuser. Wenn nach der Revision Schüsse ertönten, wurden die Häuser bombardiert. Während der Revision in den Privatwohnungen wurden Geld und Kostbarkeiten geplündert, die Einwohner verhaftet und auf dem Wege zum Rathause verwundet oder ermordet. Es geschah oft, daß die Juden sich dadurch retteten, daß sie den Offizieren oder Soldaten größere oder kleinere Summen für ihr Leben bezahlten. Die Läden wurden auf Kommando der Offiziere erbrochen und geplündert, dann mit Stroh umlegt und angezündeL Es wurden ausschließlich jüdische Läden und Wohnungen geplündert. Es geschah aus Irrtum, daß die Soldaten sich an christliche Läden machten. Doch sobald sie den Irrtum merkten, hörten sie sofort auf. Es geschah, daß wenn ein Laden fest zugeschlossen war und der Einbruch große Schwierigkeiten bereitete, so wurde er angezündet. Dasselbe geschah auch, wenn man die Einwohner aus den Häusern auf die Straße bringen wollte, um dann eine Hetzjagd zu veranstalten. Die ganze Einrichtung des Pogroms zeichnete sich durch eine systematische Planmäßigkeit aus, die auf lange Vorbereitungsarbeit schließen läßt. Wenn man die Form des Pogroms näher betrachtet, so sieht man, daß es eine Strafexpedition (Karatielnyj Otrjad) gegen Juden war, um sie für ihre Teilnahme an der revolutionären Bewegung zu strafen, so ähnlich, wie das in den Ostseeprovinzen geschieht. Zur Illustrierung dieses Umstandes dient das Interview des Korrespondenten des „Zloty Rogu mit dem Gehilfen des Siedlcer Polizeimeisters Herrn Rewo, der die Vorgänge folgenderweise erklärte: Die Truppen haben den Befehl bekommen, nicht eher mit der Schießerei aufzuhören, bis alle „Revolutionäre" getötet oder verhaftet werden. Die Stellungnahme des Militärs In früheren Korrespondenzen wurde schon darauf hingewiesen, daß das in Siedice ständig stehende Dubnienski-Regiment zum Pogrom nicht herangezogen wurde, weil es von der revolutionären Propaganda stark beeinflußt ist. Während des Pogroms war es ganz isoliert. Viele Augenzeugen erzählen, daß die Offiziere dieses Regiments in der Stadt herumgingen und viele Personen retteten. Aber die Soldaten des Libauer- und Narwski-Dragonerregiments erhielten von ihren Chefs den Befehl, auf die Verordnungen der Offiziere des Dubnienski-Regiments nicht zu reagieren. Es kam z. B. vor, daß ein Offizier des Dubnienski-Regiments einen Soldaten bei Diebstahl und Morden ertappte und verhaftete. Nach einer Stunde wurde der Soldat freigelassen. Wie verlautet, wollen die Offiziere des Dubnienski-Regiments die ganze Sache dem Kriegsrninisterium übergeben. Die Bürgerdeputation bei den Militärbehörden In der Nacht von Samstag auf Sonntag, als der Pogrom in seiner vollen Kraft wütete, sandten die Militärbehörden Einladungen an folgende Personen: Nuchim Weintraub, Gemeindesekretär Tschatzkis, Stadtpräsident Kortschak, Rechtsanwalt Sunderland, Ingenieur Forminski, Dr. Schawelski, Temkin und den Rabbiner. Alle diese Personen wurden um 3 Uhr morgens von Soldaten in das Bureau des Polizeimeisters eskortiert. Als die^Delegation den Hof der Polizeiverwaltung betrat, wurde sie von unbekannten Tätern mit Steinen beworfen. Einer von den Deputaten, Herr Temkin, wurde verwundet. Der im Bureau des Polizeimeisters anwesende Kommandant, Oberst Tichanowski, verlangte von den Delegaten die Herausgabe der 15 Revolutionäre, welche auf das Militär geschossen hätten. Da die Delegierten diese Verpflichtung nicht übernehmen konnten, begaben sie sich zum Kriegsgeneralgouverneur Engelke. Dieser empfing die Delegation, und als diese ihm vom Plündern und Rauben der jüdischen Läden erzählte, wunderte er sich und wandte sich telephonisch an den Gouverneur von Siedice, Wolzyn. Während der General Engelke telephonierte, erschien Militär, verhaftete die Delegation und führte sie in den Garten. Dieseprovisorische Haft dauerte gegen 2 Stunden. Dann wurden sie freigelassen und gingen nach Hause ohne Eskorte. Am anderen Tage erschien die Deputation wiede beim Gouverneur Wolzyn mit dem Vorschlag, daß der Rabbiner in den Gebethäusern die Eigentümer von Revolvern auffordern solle,, ihre Waffen niederzulegen. Nach längerem Bedenken wurde dieser Antrag abgelehnt.