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Die Welt · 1906-09-19 · 38 (19.9.1906) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
38 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 38 DIE] verschossen. In Zeitungskorrespondenzen wurde bereits darauf aufmerksam gemacht, daß die Schüsse, welche von Zeit zu Zeit ertönten, erneuerte Gewehr- und Kanonensalven von seiten des Militärs hervorriefen, nichts anderes als Provokationsschüsse waren. Und sollte man den offiziellen und halboffiziellen Mitteilungen glauben, daß es jüdische Revolutionäre waren, welche von Fenstern und Dächern in das Militär geschossen haben, so muß man sich fragen, wo sind denn die Opfer dieser Schüsse? Wo sind die toten und verwundeten Soldaten? Wenn es wahr wäre, daß, wie die Offiziere des Libauer Regiments erzählten, eine „sozialistische Kampfesabteilung" aus Warschau gekommen war, so wären die Ergebnisse dieser Schüsse sicher ganz anders..... Wie unbegründet die offiziellen Mitteilungen über die „jüdischen Schüsse" sind, zeigen folgende zwei Fälle, die der Korrespondent des „Weg" mitteilt: Der Sekretär der jüdischen Gemeinde Tschatzkis erzählt folgende sehr charakteristische Episode: Während die jüdischen Gemeindevorsteher, der Rabbiner, Nochim Weintraub und Tschatzkis am Sonntag beim Kommandanten, dem Obersten Tichanowski, waren, schrie dieser plötzlich laut: „Von diesem Hause hat man soeben geschossen!" und wies auf ein gegenüberstehendes Haus. „Es ist unmöglich", antwortete Tschatzkis, der wußte, daß das betreffende Haus schon mehr als zwanzigmal vom Militär und der Polizei revidiert wurde, „wir sind bereit, mit euch zu gehen und das Haus zu revidieren." Einige Häuser wurden vom Militär umringt. Oberst Tichanowski in Begleitung der Gemeindevorsteher revidierte das gefährliche Haus und auch alle benachbarten Häuser- Man hat natürlich nichts und niemanden gefunden. Montag früh morgens sagte Tichanowski: „Nun ist es genug!" Sofort erschienen auf den Straßen Offiziere mit dem Befehl: „Aufhören zu schießen!" Der Rabbiner, welcher gerade bei Tichanowski vorsprach, ging nach Hause in der Begleitung eines Offiziers. Als sie am Hause von Feiwel Lichtenberg vorbeigingen, blieb der Offizier plötzlich stehen und sagte: „Soeben wurde geschossen!" Und er befahl den Soldaten, das Haus zu beschießen. Der Rabbiner bat den Offizier, das Haus zuerst zu revidieren. Der Offizier willigte ein. Man hat in Anwesenheit des Rabbiners das Haus revidiert und nichts gefunden! Einen anderen interessanten Fall erzählt der Bierhändler Jacob Liwerant. Als er am Samstag um 7 V2 Uhr abends, also eine Stunde vor dem Pogrom, mit einigen Bekannten auf der Straße ging, begegneten sie einem Dragoner, welcher mit einem Revolver in der Hand alle vorbeigehenden Juden anhielt und revidierte. Als er Liwerant und seine Bekannten revidieren wollte, erkannte dieser, daß der Dragoner keiner Patrouille angehörte und folglich kein Recht hatte, die Passanten aufzuhalten. Dabei war das ganze Benehmen des Soldaten darauf bedacht, einen Skandal hervorzurufen. Liwerant sagte dem Dragoner, daß er ihn verhaften lassen werde, weil er einer Patrouille nicht angehöre und kein Recht auf Straßenrevision habe. Der Dragoner erschrak offenbar und entfernte sich eilig nach dem Alexandrowski Stadtgarten. Zu Beginn des Pogroms wurden von dort Revolverschüsse vernommen. Der Gemeindesekretär erzählt weiter, daß in der Palacowastraße neben dem Hause von Sluschny ein früherer Beamter einige Provokation sschüsse in die Luft abfeuerte. Daraufhin erschien das Militär im Hause und ermordete Nachum Sluschny und Meier Wolf f. In der Wohnung von Sluschny waren seine Mutter, Schwester und Bruder anwesend, sie wurden verhaftet. Sluschny wurde getötet, „weil er langes Haar trug". Tschatzkis war bei Tichanowski, als ein Offizier erschien und folgendes erzählte: „Neben dem Hause von Sluschny wurde geschossen. Das Haus ist von höheren Beamten bewohnt. Nur oben wohnt die Hausbesitzerin. Als wir in ihre Wohnung hineinkamen, fanden wir ihren Sohn und ihren Verwandten. Es konnte doch kein anderer geschossen haben, als diese beiden." KELT — — _ 9 „Hat man bei ihnen irgendwelche Waffen gefunden?" fragte Tichanowski. „Nein," antwortete der Offizier..... Zur Vorgeschichte des Pogroms Daß der Pogrom in Siedice seit langer Zeit vorbereitet war, ist eine Tatsache, die noch durch folgende Einzelheiten bestätigt wird: Am Samstag, den 8. September früh morgens wurde ein Befehl erlassen, daß das Telegraphenamt keine Telegramme aufnehmen soll. Jakob Liwerant, ein Bierhändler, hat den folgenden Fall erzählt: Ein russischer Restaurateur war ihm viel Geld schuldig. Vor einigen Wochen, gleich nach der Bombe auf den Polizeimeister, ging Liwerant zu ihm, um das Geld zu inkassieren. Die Frau des Restaurateurs schimpfte ihn aus und sagte: „Wozu braucht ihr Geld, in zwei Wochen wird so wie so keine Spur von euch bleiben." Der Sekretär der jüdischen Gemeinde Tschatzkis hat den folgenden interessanten Fall erzählt: Bei Isaak Stern in derSadowastraße diente ein christliches Dienstmädchen; diese fuhr am Donnerstag den 8. September von Siedice fort, weil ihr Bräutigam, ein Soldat, ihr mitgeteilt hat, daß am Samstag etwas „Neues" passieren wird. Das Haus von Groch in der Pienknastraße war ausschließlich von Juden bewohnt, mit Ausnahme einer Wohnung, die ein christlicher Handwerker bewohnte. Am Donnerstag vor dem Pogrom kam zu ihm der Brandmeister Kielischek und riet ihm, aus dem Hause zu ziehen und in keinem jüdischen Hause zu wohnen. * * Siedice, 14. Sept. Der Progrom kann als Racheakt seitens des Gouverneurs von Siedice, Wolzyn, angesehen werden. Vor einigen Monaten gründete er ein spezielles geheimes Bureau, in dem einige Personen arbeiteten, unter anderen auch der Stadtpräsident und der Verwalter der Kanzlei Chwieschtschenko. Diese Kommission zeichnete sich durch besondere Grausamkeit aus. Besonders berüchtigt wurde sie seit der Verhaftung des Zentralkomitees der P. P. S. und der schrecklichen Folter, denen sie alle Verhafteten unterzog und denen viele unterlagen. Als unmittelbare Antwort auf diese Greuel kann die Bombe angesehen werden, welche die Mitglieder der Kampfesorganisation der P. P. S. auf die obengenannten Mitglieder des Bureaus geworfen haben. Zwei von den Beamten wurden getötet, Chwieschtschenko schwer verwundet. Unmittelbar nach dem Attentat soll sich Gouverneur Wolzyn geäußert haben: „Niemals werde ich den Juden das verzeihen." In demselben Sinne äußerte sich auch nach seiner Genesung Chwieschtschenko. Die mörderischen Pläne wurden aber erst reif nach dem Attentat auf den Polizeimeister von Siedice, das vor zwei Wochen vollbracht wurde. Da machte man sich energisch an die Vorbereitungen zum Pogrom. Da das Dubniner Regiment, welches von der revolutionären Propaganda beeinflußt ist und in Siedice quartiert, keinen sicheren Boden für solche Streiche bildet, so wurde aus Biala das Libauer Regiment und das 39. Narwski Dragonerregiment nach Siedice bezogen. Hier muß bemerkt werden, daß das Libauer Regiment während des Bjelostoker Pogroms „tätig" war, sich also durch „Sachkenntnis" auszeichnete. Sofort nach dem Attentat auf den Polizeimeister wurde auf dem Turm des Magistratsgebäudes eine rote Fahne befestigt. Ein junger Mann H. Hofneis fragte einen Polizisten, was diese Fahne zu bedeuten habe. Dieser antwortete: „Es ist ein Signal, daß in der Stadt ein Aufruhr (Bunt) hervorgebrochen ist." Donnerstag morgen erklärte sich der Gouverneur Wolzyn für krank und übergab die ganze Macht dem Beamten der Stadtverwaltung Rimskij-Korsakow. Daß die Kanonen noch vor Sonnabend aus Biala nach Siedice gebracht wurden,' kann aus folgenden Gründen festgestellt werden- Als die Bürgerdelegation beim Kommandanten der „Ochrana"

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