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Die Welt · 1906-09-19 · 38 (19.9.1906) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
38 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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solle dem -pn bb)^ Weiteres zugunsten der Gesamtheit entziehen, glaubt der Referent dafür eintreten zu sollen, daß jene in die Gesamtheit hin ausgestreuten 32000 Fr. anderweitig und zweckmäßiger verwendet werden, zumal wenn anzunehmen ist, daß mittelbar dadurch auch der Gesamtbetrag der Eingänge steigen werde. Der letzte Teil des Referats beschäftigte sich mit der Prüfung der Frage, ob die Chaluka nicht ihrerseits verpflichtet sei, nach Maßgabe ihrer Mittel und ihres Einflusses die Jugend, soweit sie nicht geeignet sei, das Thora-Studium als Lebensberuf zu ergreifen, ferner Frauen und Mädchen und endlich auch manchen Erwachsenen einem wirtschaftlichen Erwerb zuzuführen. Der Redner bejahte diese Frage. Der Referent faßte schließlich seine Ausführungen in einigen Vorschlägen zusammen. Einer zu wählenden Kommission solle die Prüfung der ganzen Materie übertragen und dabei sollten folgende Gesichtspunkte beachtet werden: Alle geplanten Änderungen sind im Einklang mit den rabbinischen Autoritäten der heiligen Stadt vorzunehmen. Es soll die Einrichtung eines ständigen Bureaus von besoldeten europäischen Beamten in Jerusalem erstrebt werden, dessen Aufgabe es wäre, einerseits fortgesetzt zu beobachten und zu berichten, anderseits als ausführendes Organ der Chalukaverwaltung zu fungieren, insbesondere die Verteilung vorzunehmen. Das Bureau sollte womöglich aus einem Administrativbeamten, einem Nationalökonomen und einem Gottesgelehrten bestehen, welch letzterer den Verkehr mit den Jerusalemer Rabbinern zu vermitteln hätte. Aus den bisher für die anderen Koriims verwendeten Beträgen bezw. den zu erstrebenden höheren Eingängen soll alljährlich eine bestimmte Summe ausschließlich der Förderung ernsthaften und fruchtbringenden Thora-Studiums gewidmet werden. Daraus erhalten jüngere und ältere Gelehrte Beihülfen von nicht unter Frcs. 400 pro Jahr. Der Rest der verfügbaren Summe ist zur Förderung produktiver Tätigkeit im engeren Sinne zu verwenden, derart jedoch, daß zunächst lediglich Kleinindustrie und Handwerk, nicht aber Fabrikation in größerem Stile oder Landwirtschaft in Frage kommen. Dabei sollen namentlich die jüngeren Glieder der durch die Chaluka unterstützten Familien, ohne Unterschied des bb)2> soweit sie nicht nach Veranlagung und Neigung das Thorastudium als Lebensarbeit ergreifen, den noch nicht überfüllten Handwerken oder neuen Kleinindustrien zugeführt werden. Auch ist zu erstreben, durch hausindustrielle Arbeit der Töchter oder Frauen die Chaluka in manchen Fällen ganz oder teilweise entbehrlich zu machen. Sämtliche in Palästina tätigen Organe der Chalukaverwaltung, insbesondere auch die an der Ausbildung von Lehrlingen etc. beteiligten, müssen, soweit sie Juden sind, in Gesinnung und Tat auf dem Boden des gesetztreuen Judentums stehen und das Vertrauen der palästinensischen Rabbiner besitzen. Die Propaganda für die Chaluka in Europa ist nach modernen Grundsätzen zu reorganisieren. Endlich wurde von dem Referenten noch bemerkt, daß es sich empfehle, wenn die Amsterdamer Chaluka, so unbedeutend ihre Mittel heute auch im Verhältnis zu denen der ungarischen, galizischen und sicherlich auch der russischen Chaluka seien, zunächst allein versuche, die hier beleuchteten Probleme zu lösen, um erst im Falle des Gelingens eine Kooperation mit den übrigen Chalukaverwaltungen herbeizuführen. In der nun folgenden angeregten Diskussion betonte Herr A. Grünbaum-Nürnberg, daß es kein Recht auf Chaluka geben dürfe. Im übrigen stimme er den Vorschlägen des zweiten Referenten im großen ganzen bei. Herr Dr. Eduard Biberfeld-Berlin wendet sich mit großer Energie gegen die Absicht, die Mittel der Chaluka zur „Industrialisierung" Palästinas, in welcher Form auch immer, zu verwenden. Diejenigen Geber, die er vertrete wenigstens, seien der Meinung, daß ausschließlich die der Beschäftigung mit der Thora zugewandte Lebensführung gefördert werden soll, daß mitten in einer nur auf Erwerb und Genuß gestimmten Welt Palästina, soweit es an uns liegt, eine Stätte des Idealismus bleibe. Rabb. Dr. Breuer- Frankfurt a. M. entgegnet, daß es eine unabweisbare jüdische Pflicht sei, da, wo die Möglichkeit gegeben ist, vor Verarmung zu schützen, und das könne nur durch vernünftige Pflege von Handwerk und Industrie geschehen. Rechtliche Bedenken gegen eine Erweiterung der Chalukaaufgaben könnten keinesfalls bestehen. Oberrabbiner Dr. Leewenstein-Kopenhagen glaubt ebenfalls die Beschränkung auf Förderung des Thorastudiums empfehlen zu sollen. Herr Rosenheim-Frankfurt a. M. betont gegenüber Herrn Grünbaum, daß ein Recht auf Chaluka de iure doch wohl auch heute nicht bestehe. Es gelte nur, ohne jede materielle Schädigung der Unterstützten, den Wahn, als existiere ein solches Recht, bei den Empfängern durch irgendwelche formale Akte zu beseitigen. Er müsse zugeben, daß das allerdings nach verschiedenen Richtungen von Bedeutung sei. Das Thorastudium werde nach seinen Vorschlägen mehr gefördert werden als bisher. Im übrigen halte er die Befürchtungen des Herrn Dr. Biberfeld für unbegründet; es solle und könne ja keine Großindustrie mit ihren wirtschaftlichen Massenwirkungen eingeführt werden. Rabbiner Dr. Breuer-Frankfurt gibt zu erwägen, ob man vielleicht nur die zu erstrebenden Mehreingänge gegenüber dem heutigen Stand den neuen Zwecken widmen solle. Er schlägt vor, das gesamte, heute zutage geförderte Material der zu bildenden Kommission zu überweisen und ihr auch die Erledigung von Punkt 4 der Tagesordnung zu übertragen. Zu Mitgliedern der Kommission, die im Verein mit den Pekidim und deren Konsulenten arbeiten und das Recht der Kooptation besitzen soll, werden gewählt: die Herren Dr. E. Biberfeld-Berlin, Jonas Bing-Hamburg, A. Grünbaum-Nürnberg und Jic. Rosenheim-Frankfurt a. M. DER POGROM (Bericht unseres Spe Der Anfang des Pogroms Der Pogrom fing Samstag den 8. September um 3k9 abends an. Die erste Version lautete, daß unbekannte Täter in eine Militärpatrouille geschossen hätten, wobei ein oder zwei Soldaten getötet wurden. Der Polizeimeistergehilfe Rewo sagte dem Mitarbeiter von „Zloty Rog", daß am Samstag nur ein Soldat des Libauer Regiments verwundet wurde, vermochte aber seinen Namen nicht zu nennen. Wie die späteren Untersuchungen ergaben, hat sich herausgestellt, daß durch starkes Zuschlagen mit dem Kolben sich das Gewehr von selbst entlud und den Soldaten verwundete. Dabei hat sich noch ergeben, daß dieser Soldat erst am Sonntag, also nicht am Anfang des Pogroms, verwundet wurde. In verschiedenen Korrespondenzen ist schon bereits konstatiert worden, daß schon einige Stunden vor dem Pogrom die Stadt von starken Militärabteilungen umringt war, die nur auf ein Signal warteten, um den Pogrom der Juden, oder, wie es offiziell heißt, der Revolutionäre, anzufangen. Dies wird noch durch eine Unterredung eines Korrespondenten des „Weg" mit Dawid Lichtenfeld, Besitzer einer großen Druckerei VON SIEDLCE ial-Berichterstatters) und Lithographie in der Dlugastraße, bestätigt. Schon seit zwei Monaten war im Hause von Lichtenfeld Militär postiert, um das Drucken von revolutionären Proklamationen zu verhindern. Samstag um 8 Uhr abends begegnete Lichtenfeld dem Gefreiten Piotr Pawletschuk und fragte ihn, ob er noch Petroleum habe. „Ich werde schon genug haben!" antwortete der Gefreite. Betroffen durch den Ton dieser Worte, blickte Lichtenfeld auf die Straße hinaus und sah, daß die ganze Stadt wie ausgestorben war. „Das ist sehr bedauerlich," sagte Pawletschuk, „wir haben ja verordnet, die Geschäfte zu öffnen. Warum ist Ihre Druckerei nicht offen?" In demselben Momente ertönte ein ferner Schuß. „Geht ins Haus," schrie der Gefreite. Dann pfiff er, und auf den Pfiff erschienen alle seine Soldaten und fingen an zu schießen. „Warum schießt ihr, auf wen?" schrie Lichtenfeld, doch befahl ihm Pawletschuk fortzugehen. Die Soldaten schössen die ganze Nacht hindurch, es waren ihrer sieben Mann. Die Schießerei fing auf allen Straßen der Stadt gleichzeitig an. Herr Lichtenfeld hat ausgerechnet, daß während der Zeit von 9—10 Uhr abends 15 0OO Schüsse abgegeben wurden. Die Dragoner allein haben im Laufe des Pogrom 40000 Kugeln

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