Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 38 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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getragen. Die Polen? O nein, die hätten aus eigener Kraft den Sieg nicht erfechten können. Aber es gibt noch eine Klasse von Juden, die ohne Sinn für ihre Interessen, ohne Verständnis für soziale Zusammenhänge, ihr letztes und bestes auf dem Altar der polnischen Assimilation opfern. Denn im Wahlkampf zwischen den Zionisten und den „Polen" war nicht das nationale Element allein maßgebend. Nicht bloß der Jude Stand sollte ins Parlament kommen, — sondern der Demokrat. Der Sieg der Zionisten hätte den Sieg der demokratischen, freien Menschen über die herrschaftssüchtige, knechtende und knechtische Schlachta bedeutet, der Sieg der Zionisten hieße zugleich der Sieg eines bedrückten Volkes über die Bedrücker. Denn die Polen sind die Herren in Qalizien — Juden und Ruthenen sind ihnen dienstbar. Diese soziale Bedeutung hätte die Wahl des Zionisten erlangen können, — wenn der Nacken unserer „intelligenten" jüdisch-bürgerlichen Klasse in Galizien nicht so tief gebeugt wäre, wenn sie, die in Ehrfurcht und vielleicht in einfacher Furcht — vor den Polen ersterben, auch für ihre Zeit Verständnis hätten. DIE PALASTINAKONFERENZ IN FRANKFURT AM MAIN Auf Einladung der „Pekidim und Amarkalim" der palästinensischen Gemeinden zu Amsterdam tagte am 11. ds. in Frankfurt a. M. eine Konferenz von Freunden des heiligen Landes aus allen Kreisen der orthodoxen Judenheit um, wie es in dem Einladungsschreiben hieß, die Organisation der sogenannten Amsterdamer Chaluka einer erneuten Prüfung zu unterziehen und vor allem festzustellen, welche wirtschaftlichen und religiösen Erfolge die Chaluka im heiligen Lande erzielt, und was eventuell geschehen könnte; um die ihr zugrunde liegenden Absichten in immer vollkommenerer, jeden Mißbrauch ausschließender Weise zu verwirklichen. Die Anregung zu der Konferenz war von süddeutschen Erez-lsrael-Freunden ausgegangen, die denn auch in größerer Zahl erschienen. Doch war auch der Norden wie das Ausland durch angesehene Persönlichkeiten vertreten. Die Tagesordnung lautete: 1. „Die historische Entwicklung und die Organisation der Chaluka." Referent: Herr Rabb. A. S. Onderwyzer-Amsterdam. 2. „Die zukünftigen Aufgaben der Chaluka und die Mittel zu ihrer Lösung." Referent: Herr Jakob Rosenheim-Frankfurt a. M. 3. Freie Aussprache. 4. Vorbereitende Maßnahmen zur regelmäßigen Entsendung von Studienkommissionen nach Palästina. Kurz nach 3 Uhr wurden die Verhandlungen in dem Hörsaale der Isr. Religionsgesellschaft durch den Präses der Pekidim, M. S. Rubens jr.-Amsterdam, eröffnet, der die Erschienenen in warmen Worten begrüßte und den Vorsitz Herrn Rabbiner Dr. S. Breuer- Frankfurt a. M. übertrug. Der Vorsitzende wies einleitend darauf hin, daß es sich bei der Konferenz darum handele, einmal vor einer breiteren Öffentlichkeit die Entwicklung und die Grundprinzipien der viel verkannten Institution darzulegen, dann aber auch aus der Fülle der oft aus Unkenntnis erhobenen Beschwerden diejenigen Momente herauszuheben, die bei einer organischen Weiterentwicklung und etwaigen Umgestaltung der Chaluka brauchbar sein können. Festzuhalten sei dabei vor allem, .daß wir in keinem Falle irgendwelche als notwendig erkannte Änderungen ohne eingehende Beratung mit den berufenen rabbinischen Führern der Jerusalemer Judenheit einzuführen berechtigt sind. Hierauf ergreift der erste Referent, Rabb. Onderwyzer-Amsterdam, Sekretär der Pekidim und Amarkalim, das Wort zu seinem Vortrage: Die historische Entwicklung und die Organisation der Chaluka Die Ausführungen des Redners gingen von den in die talmudische Zeit zurückreichenden Sammlungen für Palästina aus und schilderten dann, wie durch das ganze Mittelalter hindurch die palästinensischen Sendboten wie „Brüder aus dem fernen gemeinsamen Vaterhause" überall in der Diaspora mit offenen Armen aufgenommen wurden. Die heute in Amsterdam bestehende Verwaltung kann als ihr Geburtsdatum das Jahr 1809 ansehen. Aus der Einsicht heraus, daß das System der Sendboten unverhältnismäßige Kosten verursachte, übertrug man damals drei Amsterdamer Männern von hohem Ansehen, Goedeinde, Prins und Lehren, die alleinige Sammlung und Verwaltung der Erez-Israel-Gelder. Die Verteilung selbst verursachte zu jener Zeit keine Schwierigkeit, weil es in Jerusalem nur eine, an Seelenzahl dazu nicht sehr bedeutende Gemeinde gab, fast ausschließlich aus Sefardim bestehend. Der Zuzug nach Palästina aus „aschkenasischen" Ländern (also Rußland und Westeuropa) erfuhr aber sehr bald eine wesentliche Verstärkung, so daß schon im Jahre 1824 aus Gründen der Billigkeit ein wesentlicher Teil der — zumeist aus Holland und Deutschland stammenden Gelder — der inzwischen zu einer Gemeinde angewachsenen deutsch-holländischen und der osteuropäischen Einwanderergemeinschaft zugewiesen werden mußte. Von jener Zeit an wurde, nachdem Rabbi Hirsch Lehren in beispielloser Hingebung für die Sammlung der Gelder eine umfassende und mustergültige Organisation geschaffen hatte, das Problem der Verteilung immer schwieriger und verwickelter. Während einerseits auf Grund reinmenschlicher wie halachischer Erwägungen der holländisch-deutschen Gemeinde zweifellos ein moralischer Anspruch auf besondere Berücksichtigung zustand, zumal ihren Mitgliedern von keiner anderen (russischenrungarischen, galizischen etc.) Chaluka irgendwelche Unterstützung zufloß, forderten doch anderseits die ungeheure Überzahl der aus Osteuropa Eingewanderten trotz ihrer eigenen Chaluka und die historisch älteren Rechte der Sefardim (die ja im Hinblick auf die Amsterdamer Chaluka das Sendbotenwesen aufgegeben hatten) ebenfalls Beachtung. Ein Ergebnis dieser verschieden gerichteten Erwägungen ist der sogenannte Pescher, d. h. der Schlüssel, nach dem die Eingänge auf die einzelnen „Kollim" verteilt werden. Er ist verschiedenfach den Zeitverhältnissen entsprechend revidiert und zuletzt 1896 derart festgesetzt worden, daß 45—43% der Eingänge auf die holländisch-deutsche, ca. 55"o auf die übrigen Gemeinden entfallen. Während bei der erstgenannten Gemeinde mit ihren 200 Seelen seitens der Pekidim selbst der Anteil jeder einzelnen Familie genau bestimmt und selbstverständlich die der Unterstützung etwa nicht mehr Bedürftigen nach bestem Wissen und Gewissen ausgeschieden werden, kann bei den übrigen Gemeinden mit ihren 30—40000 Seelen, deren Verhältnisse sich ja gar nicht überblicken lassen, von Amsterdam aus nichts anderes geschehen, als daß die auf die einzelnen Gemeinden entfallende Quote deren Vorstehern zur weiteren Verteilung — ohne jede Mitwirkung der Amsterdamer Verwaltung — übermittelt wird. Der Referent gibt hierauf eine detaillierte Darstellung des Überweisungs- und VerteilungsVerfahrens bei der holländischdeutschen Chaluka. Auf das Privatleben der Bedachten nimmt die Amsterdamer Chalukaverwaltung keinen Einfluß; insbesondere hat sie noch niemals irgendjemanden seinen Anteil an der Chaluka wegen Übertretung des auf den europäischen Schulen in Jerusalem ruhenden Cherem entzogen. Anderseits weist sie es indessen auch von sich, ihre Schutzbefohlenen zur Mißachtung jenes ^-n zu zwingen. Der Referent schließt mit einer warmherzigen Schilderung der durch die Chaluka vermittelten Werke echt jüdischer Menschenliebe. Das Wort erhält nun Herr Jakob Rosenheim-Frankfurt a. M. zum zweiten Referat: » Die zukünftigen Aufgaben der Chaluka und die Mittel zu ihrer Lösung. Referent behandelte eingehend die wirtschaftlichen Erfolge der Chaluka im Hinblick auf die während des letzten Jahrhunderts geradezu rapid vollzogenen Verschiebungen in Zahl und Zusammensetzung der Bevölkerung, ferner die Frage, ob und inwieweit die Chaluka den Geist der Selbsthülfe unterbunden habe, endlich die rechtlichen Voraussetzungen für etwa vorzunehmende Änderungen. Erfreulich sei, daß die große wirtschaftliche Bedeutung der Chaluka und ihr gewaltiges historisches Verdienst in neuerer Zeit auch von früher gegnerischer zionistischer Seite endlich dankbar anerkannt worden ist. Zu dem Veiteilungmodus der Amsterdamer Chaluka im besondern übergehend, bespricht der Referent die ihm vorliegenden Zensus-Listen des -nn und kommt zu dem Schlüsse, daß hierbei zwar eine Vervollkommnung des Ermittlungsverfahrens möglich sei, daß es aber höchst unvernünftig sein würde, an dem Prinzipe zu rütteln einer kleinen Zahl von Familien wenigstens die völlige Proletarisierung zu ersparen. Anders stehe es mit der „Versorgung" des „Restes" der Bevölkerung durch die Amsterdamer Chaluka! Da werden 32000 Fr. für etwa 30—40000 Seelen verpulvert, ohne daß in 90 Prozent der Fälle dem einzelnen irgendein nennenswerter Vorteil erwächst, — denn was sollen Beträge von einem Francs jährlich pro Kopf auch in den armseligsten Verhältnissen? Ganz im Gegensatz also zu der oft geäußerten Meinung, man 2*