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Die Welt · 1906-09-19 · 38 (19.9.1906) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
38 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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m W:'l «;v* 4 DIE^I ELT No. 37 k-i-i I "iß y // oo o o o POLITISCHE REVUE o o o o -^s== £S1 Stolypin weiß nichts. Man hat 142 Juden in Er weiß nichts Siedlce ermordet, die Stadt ausgeplündert* hunderte von Menschen zu Krüppeln, Tausende zu Bettlern gemacht — Stolypin weiß nichts. Man hat in Siedice 200 Juden, die während des Pogroms verhaftet worden sind, dem Feldgericht übergeben. Das Urteil soll binnen 48 Stunden vollstreckt werden. Wie es gefällt werden könnte, — ist ja selbstverständlich. Dieselben Offiziere, die den Mut hatten, einen bestialischen Pogrom zu veranstalten, würden sich nicht entblöden, die 200 „Revolutionäre" zum Tode zu verurteilen. Man mußte Europa allarmieren, bis Stolypin sich zur Erklärung herbeiließ, die er dem Baron Günzburg und dem Rechtsanwalt Slosberg gegenüber machte, daß ihm von der ganzen Sache „nichts bekannt sei". Ja — er fügte noch gnädig hinzu, er halte eine derartige „Maßnahme" (d. h. die Erschießung von 200 Unschuldigen) nicht für „wünschenswert" und werde in diesem Sinne dem Generalgouverneur in Siedice Weisungen geben. Wer da weiß, was im offiziellen Rußland „wünschenswert" bedeutet, der kann die ganze Uugeheuerlichkeit des jetzigen Zustandes ermessen. „Wünschenswert" ist eine Sache, die den Interessen der Bureaukratie nützen kann. Was „wünschenswert" ist, ist auch gerecht, ist auch gesetzlich. Die Abschlachtung der 200 Juden ist vielleicht Stolypin zur Stunde nicht „wünschenswert". Einem anderen Tschinownik ist sie wünschenswert. Gesetz gibt es nicht mehr — das elementare menschliche Gefühl schweigt unter dem Donner der Maschinengewehre. Es gibt nur zwei Wertschätzungen — Nutzen oder Schaden der Bureaukratie und der „Schwarzen Hunderte". Die russischen Machthaber haben noch ein zweites politisches Mittel, das sie in jeder schwierigen Situation gebrauchen. Sie „wissen nichts". In Siedice wird geschossen, gemordet, geplündert. Die Juden laufen zum Gouverneur, berichten ihm von den Schrecken, flehen um Hilfe. Der Gouverneur stellt sich verwundert — er „weiß gar nichts". Plehwe „wußte auch nicht", was in Kischinew geschah. Witte „wußte auch nichts" von den Oktoberpogromen. Und jetzt wird behauptet, daß die Zentralregierung, also Herr Stolypin und die um ihn, von der Schlächterei in Siedice nichts wußten. Ja — aber in solchen Fällen ist das Nichtwissen ein Verbrechen! Auch in Amerika fand ein „Pogrom" Ein „Pogrom« h. Amerika. Ejn eigenartigerj ein Pogrom sui generis, — aber doch ein Pogrom. Die Sache trug sich folgendermaßen zu: Die Fabriken Tutelmann Brothers und Feigin in Philadelphia beschäftigen zum größten Teile jüdische Arbeiter, und zwar 1700, allerdings auch 300 christliche Arbeiterinnen. Die Arbeiter, Ostjuden, die in jüdischen Gewerkschaften organisiert sind, traten nun aus rein ökonomischen Gründen in den Streik. Da verfielen die Fabrikanten — selber Juden — auf den genialen Gedanken, eine regelrechte Juden hetze zu arrangieren. Sie ließen in die englischen Zeitungen die Nachricht lancieren, daß die jüdischen Arbeiter nur deshalb streiken, weil sie mit christlichen Kollegen nicht zusammen arbeiten wollen. Diese Nachricht wurde von antisemitischen Blättern aufgegriffen, und deren Einfluß sowie gedungenen Strolchen gelang es, eine große Menge christlicher Arbeiter aufs äußerste zu erregen. Dreitausend Mann stark zogen sie am 16. August abends vor die Fabrik und verübten dort ihre Untaten an den Streikenden und anderen Juden. Es war ein ganz regelrechter Pogrom nach russischem Muster. Voran gingen junge Strolche mit Steinen in den Händen, hinter ihnen die eigentlichen Hooligans. Bald vernahm man das Klirren der eingeschlagenen Fensterscheiben; die Juden, die gerade auf der Straße waren, wurden schonungslos blutig geschlagen. Es gab keine Opfer an Menschenleben, aber viele Schwerverwundete. Die Polizei verfuhr ebenfalls nach russischem Muster. Sie stand ruhig dabei — und ließ alles geschehen. Im Gegenteil, sie verhaftete einen jüdischen Metzger, der einen vor den Hooligans flüchtenden Juden in seinem Laden beherbergte. Die antisemitischen Blätter behandelten die Angelegenheit ganz , in antisemitischer Weise.---Wir wollen natürlich die Bedeutung dieser Tatsache nicht übertreiben. Wir wissen, daß Amerika nicht Rußland und auch kein Junkerland ist. Aber es ist symptomatisch, daß manche jüdischen — und auch nichtjüdischen Beobachter den Ausbruch eines Antisemitismus der schlimmsten Sorte im Lande der „unbegrenzten Möglichkeiten" für nicht unmöglich halten. So schreibt uns ein Korrespondent aus Amerika: „Der Antisemitismus hat hierzulande noch keinen eigentlichen amerikanischen Charakter. Aber er tritt doch schon in allen bekannten Formen auf, als ökonomischer Antisemitismus, versteckter gesellschaftlicher Antisemitismus, Radau- und Reklame-Antisemitismus, Theater- und Witzblattantisemitismus, und was für Amerika wohl am bedeutungsvollsten ist, als Kirchenantisemitismus. Es gibt wohl kein Land in der Welt, wo die christliche Geistlichkeit eine solche Macht auf die Bevölkerung ausübt wie in den Vereinigten Staaten. Die meisten sozialen Gesetze verdanken ihnen ihre Existenz, und dadurch bekommt die Kirche immer mehr Macht über die Massen. Nun, wir Juden wissen es ja nur zu gut aus der Erfahrung, was uns bevorsteht, wenn die Kirche die Masse beherrscht. Schon stellt hie und da ein Pfarrer die Forderung auf, die Juden in Ghetti zu sperren und ähnliches, Forderungen, die praktisch jetzt noch belanglos sind; als Symptome sind sie von größter Wichtigkeit. Das „Mauscheltum" oder die jüdische Angstmeierei ist in Amerika auch nicht alt. Es besteht weniger in großen Zentren wie in der Provinz. In der Stadt New York z. B. wird es wohl wenige Juden geben, die ihr Judentum verstecken, weil sie meistens nur wenig mit Nichtjuden in Berührung kommen. Aber in der Provinz, wo das Spießbürgertum blüht, da blüht auch das Mauscheltum. Also das ist die Perspektive: Einerseits wachsender Antisemitismus, anderseits wachsendes Mauscheltum. Es ist klar, daß, wenn die Entwickelung in derselben Weise fortschreitet, eine Katastrophe unvermeidlich ist. Und wenn in Amerika einmal die Masse gegen uns los geht, so stehen ihr viel modernere Höllenmaschinen zur Verfügung als den Wilden in Rußland, und die großen „Tenementhouses" in New-York, die hunderte von jüdischen Familien beherbergen, würden für antisemitische Exzesse geradezu wie geschaffen sein. Man schreitet auch hier, wie man es schon anderswo getan hat, an die Gründung von Abwehrvereinen. Man vergißt, daß man einen Feind nicht überzeugen, sondern gegen ihn kämpfen muß." Wir teilen zwar nicht den Pessimismus unseres Korrespondenten, glauben aber anderseits, daß schon die Tatsache, daß solche Anschauungen über Amerika entstehen können, die Träume von Amerika als dem „Dorado der Juden", als dem künftigen Zentrum der Judenheit, etwas dämpfen werden. . r> j nr. Das Resultat der Wahl ist nun- Die Wahl in Brody-Zloczow. , , f x _ T_ t , , mehr bekannt. Der Kandidat aer Zionisten, Gg. Stand, ist dem assimilatorischen Dr. Gold aus Zloczow unterlegen. Anstatt eines Kämpfers für die Rechte des jüdischen Volkes zieht in den österreichischen Reichsrat ein neuer Knecht des Polenklubs ein. Graf Dzieduszycki wird sich freuen. Die Polen haben auch diesmal den Sieg über die Juden davon-

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