Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-09-19 · 38 (19.9.1906) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
38 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316225--48530-3343463
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

/ermartert man sich den Kopf, die Opfer zu zählen und Jas angerichtete Unheil zu berechnen. Es entzieht sich eder Berechnung. Und noch eine müde Muse humpelt erbärmlich lach: die Historiosophie. Sie klügelt irgend einen Grund ins, aber kaum hat sie sich hinter ein Motiv verschanzt, da brechen neue Tatsachen herein und entreißen sie hrem ruhigen Beschauen. In einer nüchternen, öden, ^hantasiearmenSpekulation knüpft sie den ewigen Jammer in vorübergehende Verhältnisse und Personen. Sie hat das )ogma aufgestellt: in Podolien ist es möglich, in Lithauen hingegen nie. Nun erscheint Bjelostok auf der Bühne, — und sie ist aus den Fugen, Finster mahnend pochte >jelostok hart an den Pforten Polens, aber sie läßt sich licht außer Fassung bringen. Neben Polen wohl, aber n Polen — nie! — sagt die in sich versunkene Träumerin. Und nun empfindet sie störend den Widerspruch der Tatsachen. Mit einem geheimen Mitwirken les Militärs konnte sie sich schon abfinden, aber offen;;ann doch keine Armee einen Massenmord ausführen, — sagte sie sich. Aber schnell wird sie eines bessern beehrt. So ist es einzig und allein die offizielle Reaktion, — autet ihr letzter Spruch, da bricht plötzlich über die luden im Süden das Unheil eines von Bauern ausgeführten Pogroms heran. Sie gewahrt immer Neues, weil;ie sich dem historisch-jüdischen Schauen entfremdet ■lat. Endlich kehrt sie den wirren Erscheinungen, unblutig und enttäuscht, den Rücken zu. Daß sie sich nicht zu einem Gedanken sammeln;ann, — das ist das Tragische. Es ist das Böse, Vernichtende, Verhängnisvolle im jüdischen Denken: das 'erkleinerungsprinzip, der Formelkram von erdichteten orwänden, die Theorienschwelgerei, die sich darin geällt, vielen fremden Qöttern zu dienen dort, wo eigentich ein Grundmotiv herrscht: der Goluth! Nur dem ■idenabgekehrten Sinn der allgemein politischen Spekulation, dem das Intime, das Spezifische, abhanden gekommen ist, entspricht es, Zufälliges aufzubauschen und . igenartige Vorgänge des Judenjammers mit politischen I erminen zu benamsen. Der historisch empfindende jüdische Beobachter läßt sich dadurch nicht beirren. Er etzt immer an die allgemeine Diagnose das große ragezeichen, er steht den landläufigen Modephrasen i einer alles bezweifelnden Stimmung entgegen. Es sag auch etwas Wahres dahinter stecken, aber es ist Icht das Wahre, das Wesentliche. Das Wahre ist icht im Fasse der Danaiden, im Rade des Sisyphus, i-n Hunger des Tantalus, welche nur die Folgen einer Grundursache sind, — das Wahre ist in der Luftexistenz, i i der Enterbtheit, in der Ohnmacht des jüdischen Volkes, n den grauenerregenden Entartungen und Auswüchsen, i i den morschen Ruinen, in der Unmöglichkeit der Sicherheit und in der Möglichkeit, von allen Winden gewitscht, von allen Welterschütterungen so zermalmt und vernichtet zu werden, wie es die letzten Erlebnisse unres Volkes mit einer schrecklichen Plastik gezeigt haben. Nicht eine russische Frage ist es, sondern eine jüdische. Die Hälfte — und der Bedeutung nach: die - iamm-Masse — des jüdischen Volkes ist der Willkür i:-r Mörder und Räuber preisgegeben. Niemand hindert s trunkene, rasende Lumpentum, die Gesellen aller Art, die im Trüben fischen wollen, die verwegenen Banden von Gesindel, denen es um straflose Plünderung zu tun ist. — Niemand hindert eine organisierte Armee, die doch dem internationalen Kriegsrechte unterworfen sein dürfte, Wehrlose niederzumachen, Städte zu bombardieren und anzuzünden und Privathäuser zu plündern. Eine Parforcejagd auf Millionen menschlicher Wesen, wie sie in den blutigsten Zeiten wilden Barbarentums noch nie vorgekommen ist, spielt sich vor den Augen einer gleichgültigen Welt ab, und keine Hand rührt sich und kein Schrei des Entsetzens erschallt! Mit einem heroischen Zug ins Ungeheure hatte sich gegen Gaunerrotten eine Kraft dieses abgeängstigten, zu Tode gehetzten Volkes aufgerafft: es entstand eine achtungswerte Waffenmacht, natürlich nicht regelrecht organisiert und bewaffnet, aber doch so gruppiert und geleitet, daß die wildesten Exzesse des Pöbels abgewehrt werden könnten, würde sich das Militär neutral verhalten; mit Begeisterung und Feuereifer ging die jüdische Jugend auf diesen heiligen Gedanken ein, — und nun wird diese edle Schar nicht nur vergewaltigt und geknechtet, sondern mit dem Henkerbeil, wegen der beabsichtigten Notwehr, bedroht. Schwarz flattern die Fahnen des Mordes, namenloses Elend wird über zahllose Gemeinden gebracht, jeder Tag kündet Sturm, der geringfügigste Zufall: ein provokatorischer Schuß, ein aufgefundener Papierfetzen, auf dem Vorwurf, Groll und Bitterkeit sich Luft machen, ein Wort, ja eine Grimasse ist imstande, Furien heraufzubeschwören. Hunderttausende von Menschen, die nicht wissen, wo sie über Nacht schlafen sollen, Leute, des Brotes und der Heimat beraubt, irren in der Welt herum, — und wir sehen es ohnmächtig zu. Man vertröstet sich mit der Ausrede: es sind Folgen der Revolution. Und was war vor 25 Jahren, und was — vor 50 Jahren, und was wird nach 10 Jahren sein? Und weshalb sollen denn die Juden die Kosten der russischen Revolution tragen? Kostet diese Revolution nicht genug schwere Opfer? Und ist all dies wirklich nur das Ergebnis von Zufälligkeiten, von äußeren Umständen, und würden die Juden nicht auch von einer anderen Kraft aufgerieben werden? Ist all dies nicht Außenseite ohne Kern, und ist der Kern nicht der jammervolle Goluth? Ist es möglich, daß so verhängnisvolle Erfahrungen das Gemüt eines empfindenden Volkes unberührt lassen sollten? Zusammen mit allen andern eilen wir mit kümmerlicher Hilfe herbei, zusammen mit allen andern schleudern wir in die unbewegliche Welt die Donnerkeule der Proteste und fristen dieses Taglöhner- Dasein und tun das, was der Moment erheischt, aber abseits von dem rauhen Pfad dieser zerstückelten Praxis, die von den Erregungen und Erlebnissen des Augenblicks aufgedrungen wird, erschließt sich uns in der Wertschätzung der Geschehnisse ein weiterer Gesichtskreis historisch-nationalen Schauens, der einzige Gesichtskreis, in dem diese Geschehnisse in ihrem ganzen Umfange ins richtige Licht gestellt, richtig erfaßt und empfunden werden können. Zu dieser Erkenntnis muß sich die Volksseele durchringen. N. Sokolow. Schluß folgt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.