Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 38 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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4 ~"= DIE2 'komme das Jahr und sein Segen" — wem schnürt sich nicht in bangem Zweifel die Kehle zusammen? Rosch-Haschono — ein neues Jahr. Wir können uns nicht trösten, daß es jetzt besser wird. Wir können uns aber trösten, daß das jüdische Volk auch aus dieser furchtbaren Lage wie aus allen vorangegangenen lebenskräftig hervorgehen wird. Es ist kein Trost für den Menschen, aber für das Volk. Wir laufen Gefahr, daß £ELT No. 38 sich unseres Volkes eine tiefe Verzweiflung bemächtige, die verheerend wäre. Und deshalb rufen wir unseren Brüdern, die aus tausend Wunden bluten, die noch über den frischen Qräbern der Toten, der Gemordeten, trauern, auch in dieser Stunde des höchsten Schmerzes zu: „Und wenn das Schwert am Halse zuckt, verzweifelt nicht an der Rettung." Und deshalb rufen wir ihnen mutig und hoffend zu: L'schono towo. c. DAS JAHR 5666 IN UNSERER GESCHICHTE Wenn sich ein Jahr dem Ende zuneigt, empfindet man den Drang, den Blick auf die Ereignisse des verflossenen Zeitabschnittes zurückzuwenden und womöglich das Fazit zu ziehen. So will es auch der Brauch. Der rückwärts gewandte Beschauer reiht die Erscheinungen aneinander und drängt sie zu einem einheitlichen Bilde zusammen. Das Wesentliche an dieser Betrachtungsweise ist, im Gegensatz zu der fragmentarischen Tageswirklichkeit, ein ganzes Bild, wenn auch nur ein Miniaturbild, perspektivisch zu schaffen und den Zusammenhang desselben mit der Zeitgeschichte klarzulegen. Ob diese Optik auch für unser Blickfeld — Judengeschichte ----- paßt, soll hier unerörtert bleiben. Es soll nur auf die Schwierigkeiten kurz hingewiesen werden. Judenprobleme von der Hochwart eines Jahreskalenders, welcher ein spannenlanges Heute umfaßt, zu beobachten, ist ungefähr wie das Beobachten eines Himmelskörpers durch ein Lorgnon. Die Linien und Umrisse stellen sogar in der Verkleinerung ein ganz anderes Verhältnis dar. Außerdem fällt es oft schwer hier das Spezifische mit dem Allgemeinen in Einklang zu bringen. Die Zeit, in der jüdische Ereignisse entstehen, trotz der sie entstehen, hat hier die Bedeutung eines zufälligen Nebenbei. Was hat, beispielweise, ein ritueller Mord mit der heutigen Zeit zu tun? Kann man sich doch auch bei der ausschweifendsten Phantasie das Eingreifen eines Hexenprozesses und das Verschlungensein desselben mit den Lebenserscheinungen nicht einmal denken. Und doch ist Polna aktuell für Juden. Es liegt etwas Sprungartiges in unserer Geschichte: mit einem plötzlichen Ruck wird man in eine graue Vergangenheit versetzt. Eine täuschungslose Erfassung irgend einer modernen Erscheinung ist oft ohne ein Zurückgreifen auf archivarische Quellen unmöglich. So ist es auch mit den ganz eigenartigen Ortsverhältnissen. Alles, was auf unserem Planeten geschieht, spielt in die Judengeschichte hinein. Charakteristisch sind in dieser Hinsicht die Jahresberichte der Ica. Diese jüdische Riesen-Allerwelts-Milchkuh muß mit dem Wetter in Süd-Brasilien ebenso rechnen wie mit der Laune eines Kosakenhauptmanns. Sie muß kanadische Gesetze und türkischen Bakschich, englische Bills und Cunardline-Geheimnisse, rumänische Erpressungen und revolutionäre Zuckungen an der Grenze von Chile, ja auch den Alkoholprozent der „Wodka*4, welche ein russischer Hooligan trinkt in den Kreis ihrer Betrachtungen als für die Geschicke der Juden ausschlaggebende Faktoren ziehen. So ist das jüdische Leben: ein Durcheinander von barokverschnörkelten Linien, nervös, zerhackt, wirblig. Es wäre wohlfeil gewesen, die alten Rezepte zu befolgen und die alte Formel zu wiederholen: Trotz der Aufklärung - noch Barbareien — die schwerbedrängten Glaubensbrüder im Osten etc. Sentimental verzuckert, optimistisch und oberflächlich ist es die Schablone für ein Wachsfigurenkabinet, in einer behaglichen Fidelitas. War immer dieser Gesichtspunkt in der Beobachtung der jüdischen Ereignisse klein, rückständig, altvaterisch, komisch, so ist er jetzt, in dieser gewaltigen > Zeit der Krise, eine würdelose Spielerei. Düster und ernst ist die Zeit; starr und drohend zeigt sich unserm entsetzten Blick die nahe Zukunft; es folgen Schlag auf Schlag; der Goluth, „bis auf die Nieren bloßgelegt", hat sich wie nie bisher den Blicken der Welt entschleiert, und sollte man jetzt nicht Judenereignisse jüdisch behandeln, und sollte diese Zeit nicht mit ihren flammenden Worten die Geister wachrütteln, so wäre dies ein Zeugnis, daß das jüdische Volk in eine vollständig apatische Abgestumpftheit versunken und das „seine Seher blind geworden sind". Rußland und Polen Mit Judenhetzereien in Kertsch hat das Jahr begonnen und mit den Hekatomben von Siedice hat es geendet. Bei jedem dieser Greuel sagte man sich: Das ist der Abgrund, tiefer geht's nicht. Nur Wochen vergingen, seitdem die Metzeleien von Neshin und Jekaterinoslaw die Brutalität des entfesselten Gesindels von Kertsch in den Schatten gestellt haben, um selber von den Oktober-Massakers, die sich über den größten Teil des jüdischen Ansiedelungsrayons wie eine verheerende Lava ergossen haben, überholt zu werden. In einer taumelnden Orgie der Bestialität legten mächtige Nachtgewalten des Zarenreiches die Axt an die Wurzel der jüdischen Nation: an die Volksmassen; des Blutbades räuberische Flut überschwemmte hunderte von Gemeinden. Kiew und Odessa ragten über diese schauervollen Mordstätten als Szenen besonderer, kannibalischer Verwilderung hervor, aber Bjelpstok verdunkelte dieses grobe, ausgeartete Hajdamakentum durch eine nackte, raffinierte, bübische Lust am Martern und Blutvergießen, die einem Gonta die Schamröte ins Gesicht treiben würde. Und was ist Bjelostok gegen die Henkerroheit von Siedice? Das Versteckenspiel des mitwirkenden Militärs in der jüdisch-deutsch-lithauischen Fabrikstadt erscheint als harmloses Kinderspiel gegen die Böller des Libauschen Artillerie-Regiments, aus denen auf die von Juden dicht bevölkerte Warszawskastraße in Siedice geschossen worden ist. Mitten in einer Welt von Qualen, in einem tollen Sichüberstürzen eines Abschlachtungsinstinkts, zwischen endlosen Ketten von verbrecherischen Mordtaten und Verwüstungen hinkt die Statistik, müde und verwirrt, erdrückt unter dem Gewichte der Tatsachen und verblendet von dem schwindelnden Kaleidoskop. Vergebens