Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 38 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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"N DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 Ei L*T" ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRG. KÖLN, 19. September 1906 p-iirf? fenrV'tf bt>& "DD No. 38. ROSCH-HASCHONO Neujahr! Es ist ein Jahr abgelaufen, das in der Geschichte des jüdischen Volkes vielleicht denselben Platz einnehmen wird wie das Jahr „*jn". Damals, vor etwa 248 Jahren, war die schwere Prüfung über d-Ss 'jüdische Volk gekommen. Im Jahre 1648 stürzte sich eine Horde von wilden, bestialischen Kosaken unter der Anführung Chmelnitzkis auf die Judenschaft Podoliens und Wolhyniens, — und 180000 Juden fanden unter Martern, in Qualen einen grausamen Tod. Eine furchtbare Erschütterung ging durch die ganze Judenheit. Ein jüdisches Zentrum, ein Hort jüdischen Wissens und jüdischen Geistes war zerstört, — und bis in die fernsten Gegenden des Kontinents vernahm man den Klageruf eines zu Tode gemarterten Volkes. Und damals erstand die große Hoffnung in Israel. Nie war der Glaube an den Messianismus, an die nahe Erlösung so groß, so mächtig, so schöpferisch wie damals. Der Glaube war nur eine Form des Willens. Weil das Volk sein Leben nicht mehr ertragen konnte, weil es des Duldens müde wurde, nach einem neuen Leben dürstete, schuf es sich ein Ideal, kleidete es in greifbare Formen ein, gab sich mit der ganzen Inbrunst eines zur Sonne strebenden, in dunkeln Kasematten schmachtenden Gefangenen hin. Es war ein Wahn, — aber der Wahn war schön. Es war ein phantastischer Traum, — aber der Traum war eine herrliche morgeniändische Vision, die stärker als die Wirklichkeit war. Die Rabbiner, die Männer der klaren Vernunft, die keine Sehnsucht kennt, haben die Träumer gerüttelt, und sie sind aufgewacht, — aber tief im Herzen blieb die Sehnsucht ..... 1648: die „Gseras Tach", die Judenabschlachtungen von Nemirow und von Tultschyn. — 1905-1906: die „Gseras tarsaw", der furchtbare Aderlaß von Odessa, Jekaterinoslaw, Kischinew, Hornel, Bjelostok, Siedice usw. Das Jahr 1648 war für das Judentum von einer epochalen Bedeutung. Es wurde gebrochen, — und etwas Neues entstand, neue Formen wurden gegossen. Der moderne Jude mit seinem unruhigen, mystisch angehauchten Geiste, mit seiner Nervosität, die zur Weltanschauung wurde, — ist ein Produkt der psychischen Umwälzung, die die Schlächterei von 1648 nach sich zog. Und wer weiß, welche Folgen die letzten Jahre, besonders aber dieses schicksalsschwere Jahr 1905-1906, haben werden? Wer weiß, was in den Tiefen der Volksseele vor sich geht, ob nicht ein Zorn des Volkes ausbrechen wird, der wie Feuer sengen, wie Flamme schmelzen wird? Wir sind noch zu sehr vom Schmerzeder Gegenwart ergriffen, wir sind selbst das Eisen, das am Amboß der Geschichte gehämmert wird. — Die Zukunft wird zeigen, welchen Lebenswert das jüdische Volk aus der „Gseras tarsaw" sich geschaffen hat.--Aber immerhin wissen wir, wie das Volk auf die Leiden reagiert. Auf „Chmelnitzkis Zeiten" ist die große Sehnsucht nach der alten und freien Heimat wachgeworden. Noch war die Zeit nicht reif dazu. Und die nationale Bewegung wurde eine mystischreligiöse. Nach 1881 ist der Chowewe-Zionismus geschaffen worden. Es war dieselbe Sehnsucht, in moderne Formen gekleidet. Und jetzt — nach den Schrecken von 1905—1906 — wird das Volk seine bereits gefundene, den Ansprüchen der Zeitverhältnisse angemessene Formel — den Zionismus — noch mehr vertiefen. Die Steigerung der Sehnsucht wird auch die Steigerung der Erfüllungsmöglichkeit bedeuten. Und das Neujahr — '667 — bricht heran. Es werden am Festtage die grausigen Worte des alten und legendären Rabbi Amnon erschallen: „Am Rosch-Haschono wird's geschrieben, und am Hom-Kippur wird's gezeichnet, wer steigen wird und wer fallen, wer reich wird und wer arm, wer leben wird und wer sterben . . . Wer durch Schwert und wer durch Feuer, wer durch Hunger und wer durch Würgen." . . . Diese Worte sind auch an dem vorigen Rosch-Haschono ertönt. Und man achtete ihrer nicht. „Durch Schwert, durch Würgen, durch Feuer?" In unserer Zeit? Ja, und sie kamen wieder, diese schrecklichen Tage des Mordes und der Zerstörung. Die Worte, die der blutüberströmte, röchelnde Märtyrer Rabbi Amnon am Tage des Kippur vor den entsetzten Glaubensgenossen sagte, sind jetzt Worte der Gegenwart geworden. Und welcher Jude in Rußland ist sicher, daß er dem furchtbaren Schicksale entgehen wird? Und wenn man die hoffnungsvollen Worte sich zuruft: „es verschwinde das Jahr und sein Fluch, es