Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 37 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Ii P '* 16 DIE^ELT No. 37 oder in Stücke zerschlagen. Die Straßen waren voll vom Militär. Zu der Besatzung der Stadt Siedice, nämlich einein Infanterie- Regiment (das Libausche) und dem Dragoner-Regiment Nr. 39 (Narva) — dessen Chef Kaiser Wilhelm II. ist — kamen noch ein Infanterie-Regiment (Dubno) und eine Batterie Artillerie aus der Nachbarschaft. Von den Einwohnern war niemand zu sehen. Die Häuser waren von innen verschlossen und man konnte vermuten, daß die Menschen in den Kellern Zuflucht gesucht hatten. In den benachbarten Straßen hörte man Infanterie schießen und ein weiteres Stadtviertel stand in Flammen. Ein Dragoneroffizier erzählte mir den Verlauf des Pogroms folgendermaßen: Am Samstagabend um 9 Uhr gaben zwei Revolutionäre einige Schüsse auf den Posten, der beim Gefängnis patroullierte, ab. Darauf wurden benachbarte Häuser durchsucht, und wo man auf Widerstand stieß, wurde geschossen. Einen gleichen Bericht verbreitet die Regierung; wie ich aber später von den geflüchteten Einwohnern erfuhr, ist das höchst zweifelhaft und muß noch untersucht werden. Am Sonntag dauerte das Sshießen fort. Uni 10 Uhr vormittags traf telegraphisch die Erlaubnis, die Stadt zu bombardieren, ein, falls noch ein Revolverschuß abgegeben werden sollte. Kurz darauf krachten die Schüsse, und sofort antwortete die Batterie mit einem gewaltigen Kanonendonner. Vier Häuser in der Warschauerstraße gingen in Trümmer. Ein Infanteriefeuer wurde in der ganzen Stadt von neuem eröffnet. Ich mußte mich zurückziehen, und mit Mühe gelang es mir, durch die vom Fußvolk und galoppierender Kavallerie besetzten Straßen durchzudringen. Außerhalb der Stadt gelangte ich in einen Wald und wurde dort bald von Flüchtlingen umringt, meist armen Juden. Es waren Frauen und Kinder, die mich mit Todesschrecken im Gesicht austrugen, wie es in der Stadt aussehe. Ich hörte von ihnen eine entsetzliche Tragödie, die sie in der Nacht vom Samstag erlebt hatten. Die Soldaten sollen betrunken gewesen sein. Punkt 9 Uhr ging ein Pogrom in allen Stadtteilen los und sofort wurde auch die Stadt an sechs Stellen in Brand gesetzt. Eine Bürgerdeputation wurde an den Rittmeister Tichonowski, den Kommandanten der Stadt, geschickt, um ihn um Hilfe zu bitten. Der Kommandant forderte Auslieferung von 40 Juden, die mit dem Nachmittagszug aus Warschau eingetroffen seien und Revolutionäre sein sollten. Die Deputation war nicht imstande, diesem Verlangen nachzukommen. In der Morgenstunde kamen die Delegierten zum Gouverneur, der sie aber unverrichteter Dinge gehen ließ. Im Hofe wurde die Deputation auf Befehl des Kommandanten verhaftet. Die Zahl der Toten ist schwer zu bestimmen — es sind aber sicher über 100 Leichen gezählt worden. Die Soldaten plünderten Läden und Wohnungen gründlich aus und schon Sonntag früh boten Zivilisten Paletots und goldene Uhren für einen Rubel an. Die Erzählungen der Flüchtlinge nahmen kein Ende, ihr Zustand war ein entsetzlicher. Ohne Nahrung und schlecht gekleidet lagerten sie im Walde, auf sumpfigem Boden. Sie erzählten, daß sie weiter ziehen wollten, sie seien so hungerig, daß sie es im Walde nicht mehr aushalten können. Auf meine Frage erklärten sie, nach Olschanka, einem kleinen Orte in der Nähe Siedlces, gehen zu wollen. Als ich am nächsten Tage im Zuge saß, hörte ich, daß soeben in Olschanka ein Pogrom losgegangen sei. — Indem ich diese Zeilen schreibe, soll in Siedice noch immer das Schießen nicht aufgehört haben. Die Stadt ist vollständig vernichtet, der Schaden beträgt viele Tausende, was bedeutend ist, da Siedice, obwohl eine Gouvernementsstadt, bloß 25 000 Einwohner zählt, meist ganz arme Juden. Vor Schluß des Blattes lief bei uns folgendes Telegramm des zionistischen Bureaus in Warschau ein: Warschau, 13.9., 940 vormittags: Einlaufende Mitteilungen berichten von immer größeren Dimensionen des Pogroms. Man zählt annähernd hundert Tote, Hunderte von Verwundeten. Viele Häuser in den jüdischen Vierteln sind durch Geschütze zerstört. Die Zahl der in den Häusern Verbrannten ist noch unbekannt. Gestern, Mittwoch, dauerte die Kanonade noch an. Jüdische Deputationen baten wiederholt um Einstellung des Feuers, der Kommandant verlangte aber die Auslieferung der jüdischen Revolutionäre und drohte, im andern Falle die Beschießung fortzusetzen. Die jüdische Deputation schlug vor, sie wolle selbst im Gefängnis bleiben und persönlich für die Ruhe bürgen, was der Kommandant ebenfalls ablehnte. Heute ist es ruhig. 200 Läden sind geplündert. Unser Berichterstatter weilt seit gestern in Siedice und wird nähere Details senden. In letzter Minute erhalten wir folgendes Telegramm vom „Hilfsverein der deutschen Juden": Unser Berichterstatter weilt seit gestern in Siedice. Morden und Plündern dauert an. Die jüdische Gemeinde in Siedice benachrichtigte uns, daß dort Hungersnot herrsche. Auftraggemäß haben wir die nötigen Hilfsmittel zur Verfügung gestellt. qip^^ □?ä^= ^Oo KORRESPONDENZEN oO ti^-^DQ' _jj g==>Qc=» o o o o OiO Altona, den 21. August 1906. Sehr geehrter Herr Redakteur! Zu dem Artikel des Herrn Hugo Schachtel „Historisches zur Palästinaarbeit" in No. 33 der Welt erlaube ich mir, einige kurze Bemerkungen zu machen. Herr Sch. zitiert darin u. a. einen Bericht, den ich als Obmann des Kolonisations-Ausschusses auf dem V. Kongreß zu erstatten die Ehre hatte, und der naturgemäß als das Ergebnis seiner Beratungen zu betrachten ist. Diesem Ausschusse gehörten u. v. a. Herr Dizengoff, ein Vertreter des Odessaer Chowewe Zion, sowie von bekannten deutschen Palästinensern Herr Davis Trietsch an. Allerdings wurde auch damals die praktische Palästinaarbeit dringend gefordert, jedoch unter den Gesichtspunkten, die auch heute für zahlreiche Gegner dieser Gegenwartsarbeit maßgebend sind. Ich will keineswegs in eine Erörterung der Frage selber eintreten, halte es jedoch für angebracht, den zitierten Bericht aus dem Protokoll des V. Kongresses entsprechend zu ergänzen. Es dürfte aus dieser Ergänzung hervorgehen, daß trotz der Beschlüsse des VII. Kongresses das ablehnende Verhalten vieler guter Zionisten in derselben Weise begründet werden muß, wie in der Zeit vor Uganda. Ich führte damals weiter aus (lt. Protokoll des V. Kongresses Seite 365 ff.): . . . „Wenn nun den Mitgliedern des Kolonisations-Ausschusses diese Kolonisationstätigkeit (in Palästina) sehr am Herzen liegt, so wissen sie doch ihre Ungeduld zu zügeln und erwarten sogar, daß Gelder nicht eher für diesen Zweck votiert würden, als eine Konzession im engeren oder weiteren Sinne erreicht sei, deren Erfüllungwir natürlich mit Ihnen sehnlichst erwarten. Der K.-Ausschuß ist der Überzeugung, daß die Bemühungen in dieser Beziehung mit der größten Energie unterhalten werden." Nach dieser Richtung hin also glaubt der Kolonisations-Ausschuß, mit allem Nachdruck vor einer Zersplitterung der Kräfte in Bezug auf vorzeitige Kolonisation zu warnen (hält es jedoch für wünschenswert, in gewisser Weise bestehende Einrichtungen finanziell zu stützen). Dieser letzte Passus bezog sich auf einen Antrag Tschlenow vom IV. Kongreß, der die Bank, sobald ihre Leistungsfähigkeit nachgewiesen wäre, zu einem Anteil an der Einrichtung palästinensischer Arbeiten verpflichten sollte. Für den Abdruck bestens dankend, zeichnet hochachtungsvoll mit Zionsgruß! Dr. Franck, Altona.