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Die Welt · 1906-09-14 · 37 (14.9.1906) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
37 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 37 — DIE 1 schlimmer als in Bjelostok. Im Gegensatz zu Bjelostok sollen auch umfangreiche Brandstiftungen, um die Verbrechen zu verdecken, stattgefunden haben. Noch immer ist es unmöglich, nach Siedice durchzukommen. Aber durch Vergleichung der Mitteilungen Flüchtender läßt sich doch folgendes feststellen: Die Mitteilung, daß wegen eines Schusses auf eine Patrouille am Sonntag Abend der Pogrom inszeniert worden sei, scheint wiederum eine Erfindung zu sein. Schon am Freitag befürchtete man in der Stadt Metzeleien. Das Blutbad begann in zwei entlegenen und entgegengesetzten Stadtteilen, und zwar gleichzeitig in dem Moment, als auf dem Stadtturm eine rote Laterne sichtbar wurde. So wird mir von mehreren Personen versichert. Zu mir befreundeten Polen, die flüchteten, sagten Soldaten: „Fürchtet nichts; es ist befohlen, nur Juden niederzumetzeln." Die Kanonade gegen jüdische Häuser dauerte die ganze Nacht von Sonnabend auf Sonntag. Sobald die Kanonade nachließ, wurde geplündert. Einer Deputation mit dem Rabbiner an der Spitze, die um Beendigung des Blutbades flehte, erklärte der Kommandant, er werde nicht eher Ruhe kommandieren, ehe nicht alle „Bundisten" der Stadt ausgeliefert seien. Da dieses Verlangen unmöglich erfüllt werden konnte, dauerte das Massaker an, auch die Geschütze traten nunmehr aufs neue in Aktion. Durch sie und auch durch Brandlegung sollen ganze Häuserviertel eingeäschert sein. Flüchtlinge, die ich sprach, und die nur den Anfang des Pogroms miterlebt haben, sprechen von sechzig jüdischen Leichen auf der Straße und Hunderten von Verwundeten. Die Toten in den Wohnungen und die Verbrannten in den Häusern lassen sich der Zahl nach nicht bestimmen. Die Panik überträgt sich auf Warschau und auf andere große Städte Polens, da man die allgemeine Durchführung jenes Programmpunktes der „Schwarzen Hundert" erwartet, das von den Bürgerschaften die Auslieferung der Revolutionäre fordert und im Weigerungsfalle Mord und Brand gegen die gesamte Bevölkerung vorschreibt. Vom 11. d. liegt auch ein Telegramm des deutschen Bureaus der Alliance IsraeJite Universelle vor, welches besagt, daß am 10. d., abends 8 Uhr in Warschau genaue Nachrichten über den Umfang des Pogroms in Siedice noch nicht zu erhalten waren. Man wußte nur, daß die Schlächterei tagelang angedauert hatte, die Zahl der Opfer sehr groß ist und die Stadt Siedice zur genannten Zeit noch von jeder öffentlichen Kommunikation abgesperrt war. Der „Kölnischen Zeitung" wurde am 12. d. aus Petersburg telegraphiert: Aus den in den heutigen Blättern vorliegenden Drahtmeldungen über die Vorgänge in Siedice ist zu erwähnen, daß nach Ablauf der zur Auslieferung der Revolutionäre gestellten Frist die Artillerie zwölf Kanonenschüsse gegen die Häuser abfeuerte. Viele Juden wurden in ihren Wohnungen ermordet. Eine Abordnung der Bürgerschaft erklärte dem Gouverneur, daß die ersten itevolverschüsse nicht von Juden, sondern von Offiziersburschen md Reservisten abgegeben worden seien. . . . Der Pogrom hat ioch immer nicht aufgehört. Wir erhalten ferner vom „Hilfsverein der deutschen Juden" folgende Depesche: Berlin, 12., 4,45. Aus Regierungskreisen in Siedice wird berichtet, daß die Soldaten des Ostrolenskyregiments erklärt haben, sie würden auf die Plünderer schießen. Daraufhin ist das Regiment aus der Stadt entfernt und durch das Libausche, das in Bjelostok seine ungeheure Brutalität und Rohheit erwiesen hat, ersetzt worden. Aus Warschau wird gemeldet, daß die Plünderungen in Siedice noch anhalten. Es ist sicher, daß die jüdische Bevölkerung gestern ohne alle Lebensmittel und dem furchtbaren Hunger ausgesetzt war. Aus Warschau wird der „Vossischen Zeitung" berichtet: Die schrecklichen Vorfälle in Siedice stellen alles bisher Erlebte in den Schatten. Schon vor etwa zwei Wochen, nach der Ermordung gELT-- --15 des dortigen Polizeimeisters, ist ein Gerücht von einem Pogrom in Siedice verbreitet worden, hat sich damals aber nicht bewahrheitet. Man erwartete allerdings täglich einen solchen; als aber mehrere Tage ohne Zwischenfall vergingen, fing man an, sich zu beruhigen. Samstag hatten sich auf der Bahnstation in Siedice einige Gruppen fremder Leute angesammelt. Man sagte, daß es entlassene Reservisten und Urlauber seien, die sich auf dem Wege nach der Heimat befanden, doch wußte niemand, weshalb sie gerade hier ihre Reise unterbrochen hatten. Gegen 9 Uhr abends fiel auf der Warszawskastraße, der Hauptstraße der Stadt, ein Schuß. Woher? Die einen sagen, daß aus einem Fenster auf eine vorübergehende Patrouille geschossen wurde, die anderen dagegen, daß der die Patrouille begleitende Polizist in die Luft geschossen habe. Die zweite Lesart ist wahrscheinlicher; der Schuß war ein Signal, denn gleich darauf erschien auf dem Rathausturme eine rote Laterne, worauf die Soldaten des in Siedice stationierten Libauregiments die Straße und die Häuser zu beschießen anfingen. Zu gleicher Zeit kamen die vermeintlichen Reservisten herbei und begannen die Läden und Magazine zu plündern. Diejenigen, die versuchten, ihr Eigentum zu verteidigen, wurden von den Soldaten niedergeschossen. Schon während des Abends waren alle jüdischen Läden ausgeraubt. Das Schießen dauerte die ganze Nacht über und wurde des Morgens mit erneuter Kraft fortgesetzt. Die Bürger versuchten einen Selbstschutz zu organisieren, wras eine noch kräftigere Repression seitens des Militärs hervorgerufen hat. Die ganze Besatzung wurde auf den Straßen konzentriert und feuerte in die Häuser hinein. Jeder, der sich am Fenster zeigte oder die Schwelle überschritt, Mann oder Weib, Greis oder Kind, war des Todes. Mehrere Häuser wurden in Brand gesteckt, Rettung gab es nicht. Auf den Straßen sind Kanonen aufgestellt worden, welche die Stadt beschießen. Ein Haus auf der Pienknastraße, wo sich angeblich Revolutionäre verbarrikadiert haben, wurde durh Geschützfeuer demoliert. Warschau, 12. Sept. Wie aus Siedice gemeldet wird, ist bis jetzt festgestellt, das die Zahl der Toten 142, der schwer und leicht Verletzten 450 beträgt. 280 Personen sind verhaftet worden. Fortwährend wird in den verschiedensten Stadtteilen von irgendwelchen Leuten in die Luft geschossen, worauf das Militär sofort Salven abgibt. Übrigens sind auch christliche Geschäfte geplündert worden; so hat man z. B. das Hotel Viktoria, wo die Offiziere speisten, nach der Mahlzeit mit Genehmigung der Offiziere dreimal ausgeraubt. Die ganze Stadt ist tot. Außer Soldaten und Leichen sieht man niemanden auf den Straßen; auf allen Straßen sind Kanonen aufgepflanzt. Die „Frankfurter Zeitung" bringt folgenden Bericht ihres Korrespondenten: Gestern fuhr ich nach Siedice, um mich persönlich von den schrecklichen Gerüchten, die in Warschau am 9. d. M. im Gange waren, an Ort und Stelle zu überzeugen. Im Zuge traf ich meist Leute, deren Angehörige in Siedice geblieben sind und die daher aufgeregt und unruhig waren. Man sprach nur von dem Pogrom, zweifelte aber noch immer an den schrecklichen Einzelheiten, die man in Warschau zu hören bekam, in Siedice angelangt, wurden wir, sämtliche Passagiere, einer gründlichen Leibesvisitation unterzogen und dann in die Wartesäle abgeführt. In die Stadt durfte man nicht hinein. Die Leute, deren Angehörige dort schmachteten, jammerten laut in machtloser Verzweiflung. Mein besonderer Passierschein bahnte mir jedoch den Weg durch viele Postenreihen und ich gelangte in die Warschauer Straße, wo sich mir ein entsetzliches Bild der Verwüstung darbot. Sämtliche Fenster in Häusern und Läden waren eingeschlagen. Stücke des Mobilars lagen auf1 dem Pflaster, mitten auf der Straße. Die ausgeplünderten Läden zoigten nur nackte Wände, an denen sogar die Tapeten heruntergerissen waren. Möbel, Pulte, Türklingeln, alles war weg

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