Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 37 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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14 DIE ELT No. 37 Er: Dann müssen wir immer Gäste bleiben bei Wirten, die uns am liebsten zum Teufel wünschen. Ich: Durchaus nicht. Wir fordern einfach unsere Menschenrechte, und diese kann man uns auf die Dauer nicht verweigern. Und was das vielberufene Gast-und-Wirtsein betrifft, so sorgt unser vielverschlungenes Wirtschaftsleben dafür, daß die Völker die Rollen wechseln. In Deutschland sind die Deutschen die Wirte, in Brasilien z. B. sind sie die Gäste. Den Rollenwechsel im geistigen Leben muß die jüdische Kulturbewegung bewirken. Überdies haben wir hier einen Aktivposten, von dem wir einstweilen noch zehren können, die Bibel. Er: Schön, du findest also, daß wir in der besten aller Welten leben, aber Zionismus . . Ich: Bleibt aufrecht. Selbst die nationale Automomie, die Vollberechtigung, die im Westen wie im Osten jetzt angestrebt wird, kann uns nicht das geistige und körperliche Regenerationszentrum, kann uns nicht Zion ersetzen. Er: Wie du geschickt dem Worte jüdischer Staat ausweichst! Wir Alten, die wir uns grollend zurückziehen, stehen und fallen mit dein Punkte: Jüdischer Staat. Ich: Ich sollte dem ausweichen? Nein, frank und frei sage ich: Ich kann mir nicht einen Juden, der dieses Namens wert ist, geschweige denn einen Nationaljuden vorstellen, dessen Herz nicht lauter klopft wenn er das Wort vom jüdischen Staat hört; aber der Wunsch und die Begeisterung allein machen es nicht, die zähe Kleinarbeit, die vor keinem Hindernisse zurückscheut. ist die Brücke zur Vollendung. Ihr aber werft die Flinte ins Korn, weil die Pläne des Meisters nicht gelingen. Weil der Charter nicht . . Er: Allerdings. Einen Charter für Palästina können wir jetzt nicht erlangen. Nun ist auch das Ostafrikaprojekt gefallen. Ich sehe keinen Ausweg. Ich resigniere. Ich: An diesem „Resignationalismus" kenne ich die geehrten Herren. Er hat uns schon viele Köpfe gekostet, und ich kann Ich: Er: Ich ihn nicht genug verdammen. Weil nicht alle Blütenträume reiften, reifen konnten .... Er: Lobe nur dein Fortwursteln! So seid ihr Romantiker. Die Schönheit der Idee nimmt euch gefangen. Wenn aber die Idee nicht durch ihre bloße Schönheit siegt, wenn es heißt: Warten, abwarten, vorarbeiten, im Kleinen das Sinnbild und die Versicherung der künftigen Größe sehen, so ruft ihr verdrossen: Alles oder nichts. Ganz richtig! Alles oder nichts. Ganz falsch. Schon deshalb falsch, weil kein Volk sich solchem Urteil unterwirft. Es lebt weiter, selbst wenn eure haarscharfe Antithese es unwiderruflich zum Tode verurteilt. Deshalb ist eure Schwärmerei geradezu lächerlich. Das Volk braucht neben den ewigen Idealen sein tägliches Losungswort, und dieses kann nur heißen: Arbeit, Arbeit und wiederum Arbeit. Sonst wird es seinen Idealen untreu. Damit löst man aber nicht die Judenfrage. Ich: So wenig, wie man die soziale Frage von heute auf morgen, selbt auf übermorgen lösen kann. Die großen Fragen der Menschheit kann man nur schrittweise einer Besserung zuführen, ja selbst ein halber Schritt nach vorwärts ist dankbar zu begrüßen. Ich sehe, uns trennt mehr als ein Wort oder ein Name, uns trennt ein ganzes Temperament. Alle deine kalten Worte beseitigen nicht meine Grundstimmung: Es wär zu schön gewesen, es hat nicht sollen sein. Ich: Nenne mich nicht kalt. Kennst du die Träume meiner Nächte und die Sorgen meiner Tage? Unsere V/eisen sagen: Beobachte die Gesetze deines Landes, aber denke immer an die Rückkehr nach Zion. So sage ich dir: Schleppe sorgsam Stein auf Stein, selbst wenn du weißt, daß du nie die Krönung des Werkes sehen wirst. Aber der Gedanke an die Krönung gibt dir die Stärke und die Kraft zur Arbeit, weil ohne sie es keine Krönung gäbe. Leo Sofer. Er Er: V DER POGROM VON SIEDLCE Knappe aber um so schrecklichere Nachrichten kommen aus Siedice, der Stadt in Polen, die von einem Pogrom heimgesucht wurde. Da jede Kommunikation mit der Stadt abgeschnitten wurde und weder Telegramme angenommen noch Flüchtlinge aus der Stadt gelassen wurden, so blieben lange die Nachrichten fast völlig aus. Soweit sich jetzt die Sache überblicken läßt, war der Pogrom in Siedice einer der fürchterlichsten und verheerendsten. Siedice ist eine Stadt von etwa 30 000 Einwohnern, worunter 20 000 Juden. Schon lange vor dem Ausbruche des Pogroms war die Stadt in einem unruhigen Zustande. Sie galt als die nächste „Kandidatin" für einen Pogrom. Besonders nach der vor etwa zwei Wochen vollbrachten Ermordung des Polizeimeisters von Siedice ist die Lage sehr bedrohlich geworden. Die Befürchtungen haben sich leider bewahrheitet — und zwar in einem fürchterlichen Maße. Am Sannabend, den 8. d. feuerte vom Dachboden eines Hauses in der Warschauskegasse ein Unbekannter auf eine Militärpatrouille. Wie es sich später herausstellte, war es ein provokatorischer Schuß, der von einem Offiziersburschen abgefeuert wurde. Als ob sie nur darauf gewartet hätten, begannen die Soldaten sofort, die jüdischen Häuser zu beschießen — und der Pogrom begann. Ober den Verlauf des Pogroms ist bis zur Drucklegung des Blattes folgendes Material eingelaufen: Ein am 12. d. aus Siedice an uns abgesandtes Telegramm lautet: Siedice, 12./9. mittags. „Der Pogrom dauerte gestern nachmittag schon seit fünfzig Stunden; unaufhörlich hört man Kanonen und Gewehrsalven. Es herrscht eine Feuersbrunst, Mangel an Ärzten und Nahrungsmitteln sowie Wassernot. Eine Delegation beim Gouverneur war vergebens. Der Gouverneur fordert die Herausgabe der jüdischen Revolutionäre. 200 Läden sind geplündert, 50 Häuser verbrannt. Bisher zählt man schon 100 Tote und 200 Verwundete. Viele flüchten aus der Stadt; aus Warschau ist ein Hilfskomitee sowie Ärzte nach Siedice gesandt worden." Nach einer Meldung der „Birshewija Wjedomosti" aus Warschau beträgt die Zahl der Toten und Verwundeten in Siedice etwa 500. Das Telegraphenamt in Siedice hat die Annahme von Depeschen eingestellt. Es finden noch fortwährend Brandstiftungen statt. Den Juden ist das Verlassen der Stadt verboten worden, die Christen erhalten Durchlaßkarten. Es wird behauptet, ein Bombenattentat auf den Polizeimeister sei dem Pogrom vorangegangen. Nach dem Bericht der Behörden wurden vierzig Juden getötet und über hundert verwundet. Als die Juden eine Deputation an den Gouverneur abgeschickt hatten mit der Bitte, den Soldaten das Schießen zu untersagen, antwortete der Gouverneur, daß ein dahingehender Befehl erlassen werde, sobald ihm die Revolutionäre ausgeliefert würden. Da dies nicht geschah, ließ der Gouverneur Kanonen auffahren und mehrere Häuser zusammenschießen. Aus Brest traf ein Regiment ein, aus Rembostow Artillerie. An vielen Orten der Stadt brach Feuer aus. Die Lage der jüdischen Bevölkerung, die am Fliehen gewaltsam verhindert wird, ist verzweifelt. „Der Hilfsverein der deutschen Juden" erhielt von seinem nach Siedice entsandten Berichterstatter das folgende Telegramm: „Warschau, 11. Sept. 7 Uhr morgens. Ich versuchte vergeblich bisher nach Siedice vorzudringen. Nach Aussagen von Flüchtlingen, welche die Stadt verlassen haben, bevor das Gemetzel den Höhepunkt erreichte, scheint die Lage entsetzlicher als in Bjelostok und die Zahl der Toten größer zu sein. Zahlreiche Straßen sollen durch die Soldaten vollkommen ausgeplündert sein. Im Gegensatz zu Bjelostok sollen auch umfangreiche Brandstiftungen, um die Verbrechen zu verdecken, stattgefunden haben. Die Flüchtlinge verbreiten überallhin Panik." Am 11. Sept. erhielt der „Hilfsverein der deutschen Juden" aus Petersburg folgendes Telegramm: „Es steht fest, daß bis Montag mittag, von wo die letzten Nachrichten eingelaufen sind, in Siedice fürchterliche Blutarbeit gemacht worden ist. Die Zahl der Toten festzustellen, ist unmöglich. Jedenfalls ist das Ereignis viel h,;- I i i. "