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Die Welt · 1906-09-14 · 37 (14.9.1906) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
37 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 37 DIE]) das Jammern und das Röcheln der Sterbenden stieg bis zum Himmel. Der Engel sah es von ferne und rief so laut er konnte: „Halt! Schlagt euch nicht! Ich habe Glück für alle, für alle, für alle!" Die Menschen hörten nicht! Und als der Engel die Erde erreichte, und als sein Auge die Geschlagenen und Toten und die Ströme von Blut sah, und als er £E LT - 13 das Jammern, Stöhnen und Wimmern der Schwachen hörte, entrollte seinem Auge eine Träne und fiel auf das Glück. * Seit jener Zeit, so endet das Märchen, ist das Glück befleckt und auf der Erde hört man immer nur sehnsüchtig klagen: O Glück! AUS MEINEM NOTIZBUCHE Es huschen in langer Kette braune Gestalten dahin, dazwischen verschleierte Frauen auf Mauleseln. Mustapha sagt mir: „Das sind die Kabylen und ihre Frauen." „Wo sind die Juden?" frage ich. „Auf ihren Straßen," antwortet Mustapha mit malitiösem Lächeln. Ich ließ mich von ihm hinführen. Dort sah ich sie, gravitätisch stolzierend in ihren blauschwarzen Mänteln — darunter sind riesige Kolosse, Monstrejuden möchte ich sagen. Es ist kein offizielles Ghetto, aber die Juden wohnen zusammen und führen ihr eigenes Innenleben. „Wohnen keine Juden außerhalb dieser Straßen? fragte ich Mustapha. Er fixierte mich mit schlau-höflichem Lächeln und sagte: „0 ja! Es sind schon welche da, sehr reiche Leute." Also hat auch Tanger sein Tiergartenviertel — dachte ich. Auf dem Merceria-Basar sah ich auf einem der Balkone eine Familie in europäischer Tracht, hinausschauend, lorgnettierend, lachend. Der Balkon war niedrig und ich stand daneben und hörte ein Whitechapel-Englisch reinsten Wassers. Sie waren wie Galerie-Zuschauer auf den Basar hinaus. Sie machten sich gräßlich breit. Mustapha bemerkt: „Schauen Sie, das sind sehr reiche Juden!" Die Bemerkung war überflüssig. In Mogador war ich nicht — der Weg war unsicher und sehr lang. Aber Freunde erzählten mir von der Abgeschlossenheit des Judenviertels. Ich kenne auch Familien aus Mogador. Sie wuchsen im Judenviertel auf. Sie haben etwas Herzliches, Treues, jüdische Innigkeit, die Frauen von ergreifend schlichter Schönheit. Nun höre ich, daß ein Stammhäuptling die Stadt besetzt und die Juden, die außerhalb des Ghettos wohnen, aufgefordert hat, zurück ins Ghetto zu übersiedeln. Diese Juden sind aber Schützlinge europäischer Mächte — und schon regt sich was in der französischen Flotte. Brüder in Bjelostok und ihr in Siedice! Wenn ihr in Hekatomben hingeschlachtet werdet, so gehen die Mächte lächelnd an eure Leichen vorbei. Aber in Mogador darf kein Jude ins Ghetto hineingedrängt werden. Und sollte der Whitechapel-Engländer, der auf dem Balkon auf dem Basar in Tanger, hinausgebeten werden, wird Lord Grey, überglücklich, die Gelegenheit ergreifen, Frankreich zum Trotz, sich in Marokko einzumischen. Habent suafata ... Judaei. * * * Mein Freund hat tiefe Augen und sieht feine Nuancen der Dinge und sieht dem Goluth ins Herz. Er sagte mir, als wir in Manchester unter jüdischen Massen spazierten: „Diese Leute werden noch einmal den englischen Typus, die englische Sprache ganz umbilden. Sie werden die Bahnen einer anderen Gesittung brechen." Mein Freund ist ein ehrlicher, aber ganz toller Phantast. Gestern las ich die „Times". Ein großer Brief von Professor Brander Mattheus aus New York über das Projekt der Vereinfachung der englischen Orthographie. Die amerikanische Autorität schreibt: „Wir in Amerika haben mit großen Massen zu tun, die zu uns unaufhörlich hinüberströmen. Wir müssen die für den .Entfaltungsweg der Sprache hinderlichen Einflüsse beseitigen." Darauf das City- Organ in seinem Leitartikel: „Sie meinen wohl die jüdischen Massen, Herr Professor Mattheus. Bei uns sprechen aber diese Massen „Yiddish" — wir brauchen uns also nicht die Köpfe zu zerbrechen, ihretwegen die Regeln unserer Sprache zu ändern." Mein Freund, Sie hatten recht. Wer hätte je gedacht, daß dieser arme Jude, der nach Amerika geht, auf die Sprache des Landes einen Einfluß ausüben wird. „Es ist ein dekompositorisches Element" und die Wörterbücher zittern. Und Sie, guter Dr. Samenhof-Esperanto, diesmal werden Sie in Genf gefeiert und bejubelt. Immer der Alte. Achtziger Jahre, Gärung, Auswanderung, Beschränkungen, Exzesse — Sie saßen dort auf Ihrer Stube in Warschau, Dzika-Straße — und machten Ihre Weltsprache. Neunziger Jahre — neue Gärung, Auswanderung, Tausend Unternehmungen, Strömungen, Parteien, Reibungen — Sie sassen dort, auf Ihrer Stube in Warschau, Dzika-Straße — und machten Ihre Weltsprache. Jetzt — Revolution, Kriegszustand, Hausuntersuchungen, Straßenüberfälle, Attentate, Massen arretierungen, Banditenattacken — und Sie sitzen und machen Ihre Sprache. Auf Dzika-Straße (Polen nennen sie spöttisch -mauschelnd: Dzika- Gaß) — wo die Leichenzüge passieren und der ritterliche Kosak einen blassen Judenjungen, der sich eine „Weltanschauung" unter „dem Gesichtspunkte der ökonomischen Interessen der Menschheit" ausgedacht hat, niederstampft, dort wo die Parteien hausen, wo in den jüdischen Miniaturcafes Anhänger verschiedener Richtungen mit erhitzten Gemütern und flammenden Augen erregt diskutieren — dort, im „Mittelpunkt der Bewegung", sitzen Sie noch jetzt und machen Weltpläne. Ja, in Ihnen steckt die ungebändigte Naturgewalt des jüdischen Trotzes: Kscheh-Oref! Und nun schießt Ihre Saat in Halme. Man spricht Ihre Sprache. Es muß ein eigentümliches Gefühl sein — seine Sprache sprechen zu hören. Ich meine nicht die Sprache seines Landes, sondern seine Sprache. Ja — und Sie hatten diesen weiten Blick und Großzügigkeit, und blicken auf einen Erfolg, und Sie erwarten die Zeit, da die Menschen sich verstehen und lieben werden. Jung waren wir und wir kannten uns schon lange. Man grübelte, man schwärmte, man kämpfte. Die polnisch-jüdische Assimilation geißelten Sie in einem russischen Judenblatt. Sie waren aber ebensowenig Russe wie Pole. Ein schlichter, bescheidener Jude — ruhiger, klarer Geist, mit einem Streben nach Verinnerlichung. Sie wurden Esperanto — ein Pseudonym, ein im Weltall stehender Ich-Mensch, ein Hoffer, der in schlichter, vornehmer Dunkelheit etwas geschaffen hat — eine innere geschlossene Einheit. Es war schön — und so sollten Sie bleiben. Wo du stehst, grab tief hinein, drunten ist die Quelle! Etwas Prophetisches, Weltenbelehrendes, etwas das im Viesen unseres Volkes fest gewurzelt, steckte in dieser Idee und in der langjährigen, stillen Arbeit. Aber nicht in den Schauszenen und Versammlungen von Boulogne und Genf. Schön ist die Stube auf „Dzika-Gaß". N. S. SCHWÄRMER UND WIRKLICHKEITSMENSCH Ein Zwiegespräch Er: Und was macht die zionistische Bewegung? Ich: Eine eigentümliche Frage im Munde jemandes, der vor kurzem noch mitten in der Bewegung stand, gerichtet an den, der ihr niemals fremd, wohl aber oft kritisch gegenüberstand. Er: Ja, seit der Ablehnung des Ostafrikaproiektes und dem Tode Herzls habe ich mich ganz zurückgezogen. Eine solche Gelegenheit zu verpassen! Der mächtigste Staat der Erde macht dem schwächsten Volke ein Angebot und dieses weist es zurück. Eine solche Blamage! Ich: Und wäre die Blamage kleiner gewesen, wenn wir das Angebot angenommen hätten, der Versuch aber mißlungen wäre? Lieber ein Refus, als ein Debacle. Er: Mußte es denn mißlingen? Ich: Wir passen nicht zu dem Lande und das Land paßt nicht zu uns. Das Proletariat des Ostens ist wohl geeignet, in einem alten, aber verwahrlosten Lande Kulturarbeit zu verrichten oder, wenn man ihm nur Ellbogenfreiheit verstattet, selbst mit hochstehenden Völkern im friedlichen Wettbewerb zu ringen, aber nicht unter wilden Negerstämmen die primitivsten Grundlagen der Zivilisation erst zu schaffen.

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