Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 37 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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einer jüdisch-nationalen Partei in Rußland unter den Zionisten die eifrigsten Anhänger gefunden hat, und zwar sogar unter den Gegnern der „Gegenwartsarbeit". Und die zionistische Organisation in Rußland wird sich einerseits auf diese nationale „Gegenwartspolitik" andererseits aber auf die reale Arbeit in Palästina stützen müssen. Die Bedeutung der realen Arbeit in Palästina, im Sinne der Konkretisierung des Ideals und der Entwicklung des Volkswillens ist für unsere Bewegung nicht zu ermessen. Wir wollen nur darauf hinweisen, daß schon die oberflächlichste Bekanntschaft mit der gegenwärtigen Stimmung unter den Zionisten, besonders aber der zionistischen Jugend hinreicht, um uns zu überzeugen, daß das Streben nach realer Arbeit in Palästina immer intensiver wird. Als der schlagendste Beweis dieser unserer Behauptung kann der Urnstand dienen, daß von allen 400 Antworten, auf die in unseren Enquete-Bogen an die Vereine gestellte Frage: „Halten Sie die „Gegenwartsarbeit" in Palästina für notwendig?" nur drei negativ, und das auch nur zur Hälfte, ausfielen. Diese Erscheinung ist symptomatisch, besonders im gegebenen Moment, wo die erdrückendste Mehrheit der russischen Juden in höchster Spannung sich befindet und überzeugt ist, daß die Judenfrage in Rußland bald so gelöst werden wird, wie es die Juden und die progressiven Elemente der russischen Gesellschaft wünschen. Für die Zionisten, könnte man sagen, existiert nicht mehr die Frage der Notwendigkeit realer Arbeit in Palästina. Es gilt nun nur die Frage, wie diese Arbeit in Palästina zu organisieren resp. zu systematisieren sei, um sie vor dem Chaos und dem darauffolgenden Krache zu bewahren, die aus der Geschichte von „Chibas-Zion" nur zu erinnerlich sind. Das sind eben die zwei Grundfesten, vom Leben selbst hervorgehoben, auf welchem die wieder aufgerichtete zionistische Organisation in Rußland wird basieren müssen. O ff □□□□□□ o o y. -o FEUILLETON □□□□□□NO ---f) O DAS GLÜCK Von H. D. NAUMBERG. (Aus dem Jüdischen übersetzt von A. GLINSKI.) Im endlosen All fliegt ein Engel. Viele, viele Jahre schon kamen seine Schwingen nicht zur Ruhe. Viele, viele Jahre schon fliegt er unaufhörlich. Wo irgend er eine Sonne, einen Stern, einen verirrten Kometen trifft, verharrt er im Fluge, und seine reine, wahre Stimme fragt: „Sagt, ich bitte euch, wißt ihr nicht, wo die Erde ist?" Kaum hört er das „Nein", so fliegt er weiter, immer weiter. Schade um jede Minute, um jede Sekunde! Lang, lang ist es her, da hat er vom Unglück der Menschen der Erde gehört, der Menschen, die das Joch des Lebens tragen ohne Frieden, ohne Glück. Und sein Engelherz füllte sich mit Mitleid und Erbarmen. Damals war es, da warf er sich hin vor Gottes Thron und bat, den Menschen das Glück bringen zu dürfen. Gott erhörte den Engel und gab ihm das Glück. Da enteilte der Engel dein Himmel, und seit jenem Augenblicke schweift er im Äther zwischen Sonnen, Sternen und Kometen, die Erde suchend. In der Rechten hält er das Glück. Sein schneeflockenweißes Schwingenpaar trägt ihn durch den ätherischen Raum. Millionen Sonnenreiche hat er schon durchflogen — niemand kann ihm die Erde mit ihren unglücklichen Menschen zeigen. Manchmal glänzt in seinem Auge eine Träne: Weh, vielleicht trägt ihn sein Flug weit von der Erde weg! Doch er ist ja ein Engel! Nicht des langen Wanderns, nicht des mühsamen Schweifens wegen quillt die Träne: sie gilt nur den Menschen, die seufzen und lechzen nach dem Glück, das er in Händen hat. „So sagt mir, wißt ihr nicht, wo die Erde ist?" „Nein." Und der Engel fliegt weiter. Inzwischen wird die Welt alt und wieder neu, Geschlechter folgen auf Geschlechter und es wechseln Ideale und Religionen, und das Unglück herrscht überall. „Ach, wo gibt man uns Glück!" seufzen die unglücklichen Menschen. * * * Eines Tages trifft der Engel in seinem Fluge einen Kometen, der ärgerlich und vergrämt in die Welt schaut. „Wißt Ihr nicht, Herr Komet, wo die Erde und ihre Menschen sind?" — Der Komet wurde zur nämlichen Zeit von himmelskundigen Menschen durch Gläser gemustert. — Alles empörte sich in dem Kometen. „Sind auf der Erde Menschen?" antwortete er böge; „dort sind doch nur hungernde Teufel und alte, närrische, neugierige Grübler. Gehe nicht zu ihnen, sie sind es nicht wert!" - „Nein, Herr Komet," antwortete der Engel, „nur durch Unglück sind die Menschen so. Wir dürfen ihnen nicht böse sein, und sie hassen, ist eine große Sünde." So sprach die zitternde Stimme des Engels. Und, sie klang so silbern, weich und lieb im Äther, daß es selbst den grimmen Kometen milde stimmte. In seinem harten misanthropischen Herzen flackerte ein Gefühl der Liebe und des Mitleids für die Menschen auf. Und als ihn der Engel noch einmal fragte: „Wo ist die Erde?" zeigte er nach einem dunklen Punkte in der Ferne und segnete den Engel und seinen Weg. „Geh und bring ihnen das Glück, — den Menschen, die so unglücklich sind und sich schlagen und zerfleischen und von denen einer den andern frißt!" Der Engel aber spannte die Flügel aus, heller Glanz umfloß ihn, seine Augen leuchteten auf. Näher, immer näher kam er der Erde. Dort hatte sich inzwischen vieles zugetragen. Gelehrte Sterngucker bemerkten den Flug des zur Erde kommenden Engels, und da es von einem Propheten schon lange vorhergesagt war, daß ein Engel mit dem Glück der Menschen nahe, ahnte man schon: Der ist es! Bald trugen die Boten die Nachricht über den ganzen Erdball. Allüberall kam ein sprudelndes Leben und hastiges Regen in die Massen. „Ein Engel mit dem Glück kommt geflogen!" so sprach jeder Mund. Man guckte in die Höhe, stellte Teleskope auf und berechnete, daß zu dieser und dieser Stunde, Minute, Sekunde, zwischen diesen und diesen Breite- und Längegraden der Engel mit dem Glück komme. Die Menschen strömten aus allen Winkeln der Erde nach dem bestimmten Orte zusammen, so daß der Platz überfüllt war und die Menschen sich zu schieben, drücken, drängen und stoßen begannen. Immer enger wurde es. Immer neue Massen von Menschen mit gierigen Augen, zitternden Händen, zusammengepreßten Lippen drängten sich in die Mitte. Die Ellenbogen begannen zu arbeiten, man schrie, stritt, heulte, stieß, die Starken schlugen um sich, die Schwachen jammerten und sanken hin. Den Weg bahnte man sich mit Ellenbogen und Faust, mit Messer und Dolch. Und der Ort, an dem die Menschen zum ersten Male das Glück sehen durften, glich einem Leichenfelde. Blut floß wie Wasser, und