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Die Welt · 1906-09-14 · 37 (14.9.1906) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
37 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 37 DI E ] gerechtfertigten Klagen über den Verfall der praktischen zionistischen Arbeit, läßt sich eben auch konstatieren, daß die zionistische Stimmung immer stärker wird. Wir wissen, daß aus der allgemein-zionistischen Organisation sich neue, junge Parteien herausdifferenziert haben, wie z. B. die S. S. (Zionisten-Sozialisten), die Wosroschdenzer (Autonomisten mit dem Programm einer Nationalversammlung) etc. etc., wodurch aus unserer Organisation eine ziemlich bedeutende Anzahl junger Kräfte ausgetreten ist. Diese letzteren interpretieren die nationale Frage von ihrem eigenen, dem marxistischen nahekommenden Standpunke aus, indem sie dieselbe dem Klassen- und ökonomischen Kampfe unterordnen, aber schließlich entwickeln sich diese Parteien, die auf dem Nationalismus basieren und im Grunde von zionistischen Elementen durchtränkt sind, bei weitem nicht ausschließlich auf Kosten der zionistischen Organisation allein, sondern im selben Maße, wenn nicht in noch bedeutenderem, auch auf Kosten jener recht starken Parteien, die zu uns in prinzipieller Gegnerschaft stehen. Als klares Zeichen des Wachstums der zionistischen Stimmung in Rußland kann afich die jüdische Presse dienen, welche, mit einigen wenigen Ausnahmen, entweder rein zionistisch oder wenigstens dem Zionismus freundlich gesinnt ist. Was nun die zionistische Organisation in Rußland anbetrifft, so ist es wohl jedem klar, daß sie im gegebenen Momente eine schwere Krisis durchlebt. Freilich ertönten auch früher auf allen Kongressen und Zusammenkünften fortwährende Klagen über die ungenügende Straffheit der Organisation, über das schwache Funktionieren des Vereinslebens, allein in der letzten Zeit hat sich diese Situation unter dem Einfluß der Ereignisse in Rußland bedeutend verschlimmert. Der unvergeßliche Schöpfer der zionistischen Organisation hat die große Wahrheit begriffen, daß die Bürgschaft für die Verwirklichung des zionistischen Ideales nur der Volkswille ist. Aber leider ist nichts dahin getan worden, um diesen Willen im Volke ernst auszuarbeiten und zu entwickeln. Die Äußerung des Willens ist gewöhnlich eine Folge des erwachenden Selbstbewußtseins, aber der Wille wächst und gedeiht nur auf dem Boden konkreter Tätigkeit, iuf dem Boden der Realisierung des Ideales und des allmählichen, wenn auch langsamen aber beständigen und merkbaren Herannahens;.n dieses. Das abstrakte Ideal ist nur wenigen zugänglich. Und n dieser Hinsicht ist sehr wenig geschehen. Wie wesentlich und ind schätzenswert die praktische zionistische Arbeit auch sein nag, — wie Verkauf von Schekeln, Bankaktien, Nationalfondsnarken etc., — so ist sie nicht erschöpfend, sie hat keinen nackenden, hinreißenden Charakter, wirkt darum auch nicht erzieherisch. Als nun in der Organisation ein Gefühl des Unberiedigtseins mächtig wurde, da artete der Drang nach Betätigung n das entgegengesetzte Extrem aus: man warf sich mit Feuereifer iuf die „Gegenwartsarbeit", und alles, was auch nur in der enterntesten Beziehung zur allgemein jüdischen Wirklichkeit steht, wie :. B. Gewerkschaftsvereine, Feuerwehrvereine und dergleichen mehr, wurde als „zionistische" Arbeit bezeichnet. Einen logischen Zuammenhang zwischen der sogenannten „Gegenwartsarbeit" und lern zionistischen Endideale gab es aber nicht. Zu diesen inneren Ursachen, die die zionistische Organisation /ur gegenwärtigen Krisis führten, gesellten sich noch andere wichtige Faktoren des allgemeinen russisch-jüdischen Lebens, wie die allgemeinen politischen Wirren im Lande und die Pogromschrecken in allen jüdischen Gemeinden Rußlands. Die Pogromschrecknisse haben nur das bewiesen, was vielen >chon längst klar genug war, nämlich, daß die kurzsichtige quasidonistische Doktrin: „je schlimmer die Lage der Juden, um so besser für den Zionismus" von Grunde aus falsch und haltlos ist. Noch einige Worte darüber, welche Rolle die Revolution in der momentanen Störung der Entwicklung der zionistischen Organisation in Rußland gespielt hat. Von allen Seiten hört man jetzt EELT- 11 die Meinung laut werden, daß die ganze jüdische Jugend das zionistische Lager verlassen habe, und ganz ebenso wie vor einigen Jahren die Führer unserer Organisation gedacht haben, daß der ganze Schwerpunkt des russischen Judentums sich in seinen konservativ-klerikalen Schichten konzentriert und alle Kräfte dahin gerichtet haben, um die „Misrachisten" günstig zu stimmen und sie in unserem Lager zurückzuhalten, so haben sie sich auch jetzt eine solche Ansicht über die Jugend gebildet und demgemäß ihre Taktik eingerichtet Die herrschende Meinung, daß die Jugend der zionistischen Organisation den Rücken kehre, ist freilich stark übertrieben, aber zum Teile doch wahr, und dieHauptursache des Ausscheidens der Jugend aus der allgemein-zionistischen Organisation, das mit dem Momente des Revolutionsausbruches in Rußland zusammenfällt, liegt durchaus nicht an der von der allgemein-zionistischen Organisation akzeptierten Auffassung des Zionismus, sondern daran, daß Form und Inhalt dieser Organisation die Jugend einfach nicht befriedigen können. Die Jugend, besonders aber eine so bewegliche und nervöse wie es die jüdische ist, sucht nach einer Möglichkeit, für ihre gähfenden Kräfte einen Ausweg zu finden und sich zu betätigen. Der Vorzug und zugleich auch der Fehler der jüdischen Jugend besteht darin, daß sie oft unklar über ihre Ziele ist und kein richtiges Maß für die praktische Anwendbarkeit ihrer strotzenden Kraft besitzt. Beim Entstehen des Zionismus trat die Jugend in die Organisation ein und suchte dort eine Betätigung. Aber sie blieb unbefriedigt und sie zerstreute sich: sie wurde von der Woge der Revolution ergriffen und mitgerissen. Da blendete sie vor allen Dingen die konkrete Arbeit, und was noch wichtiger ist, die organisierte Arbeit, deren Anziehungskraft darin besteht, daß man das Bewußtsein hat, daß man nicht allein dasteht, sondern daß man eine Macht bildet Gewiß, es wäre ungerecht und falsch, darin die einzige Ursache des Aufgehens der Jugend in den verschiedenen revolutionären Parteien zu erblicken; es sind vielmehr auch andere und tiefere Ursachen vorhanden. Neben der Begeisterung für die sozialistische Theorie spielt die seit Jahrzehnten in den Seelen angehäufte Empörung und Erbitterung gegen das verhaßte Regime, das das russische Judentum in Elend und Not niederzwingt, die Hauptrolle. Zum Glücke birgt der Zionismus gar viele gesunde Keime, so daß er sich bei seiner unaufhaltsamen Vorwärtsbewegung selbst die richtige Bahn bricht, auf welche ihn die Führer der Bewegung eigentlich leiten sollten, und auf diesem Wege wird es aufs neue gelingen, die großen Volksmassen dauernd heranzuziehen. Wir stehen jetzt in Rußland augenscheinlich an der Schwelle jener nationalen „Gegenwartspolitik", welche uns in engster Weise mit der mehr oder weniger entfernten Zukunft verknüpft. V/ir reden hier nämlich von der Schaffung einer jüdischen nationalen Partei in Rußland, die auf ihre Fahne die Forderung der Emanzipation des jüdischen Volkes in Rußland schreiten soll, und zwar nicht nur im Sinne der bürgerlichen Freiheiten, sondern auch der nationalen Gleichberechtigung. Es ist klar, daß in diesem zweifellos schweren Kampfe mit den äußeren und nicht minder mit den inneren Gegnern das nationale Selbstbewußtsein des russischen Judentums an Kraft und Entwickelung zunehmen wird. Dieser Kampf wird eben nur zur Folge haben, daß alles Unbewußte und Geahnte, das sich in den Volksmassen regt und bewegt, sich in bewußte Wünsche umsetzen und aus dem Reiche der Ahnungen in das der Forderungen übergehen wird. Es ist ferner klar, daß gerade der günstige Ausgang dieses Kampfes allen zeigen wird, daß eine volle faktische Verwirklichung aller unserer Rechte, der nationalen und der bürgerlichen, in der Diaspora unmöglich ist. Solche „Gegenwartspolitik", die jedoch durchaus nicht mit dem „Ssejm-Wesen" (Ssejm-Nationalversammlung) der proletarischzionistischen Parteien zu verwechseln ist, ist nicht nur dem Zionismus nicht wesensfremd, sondern bildet sogar einen integralen Teil desselben. Und in der Tat sehen wir, daß die Idee der Schöpfung

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