Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 37 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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machen. Nur wenigen ist es gegönnt, durch Einsetzung der eigenen Persönlichkeit oder wenigstens eigenen Kapitals an der Erwerbung unseres Landes teilzunehmen. Um so wichtiger sind daher Institutionen, die die unmittelbare Beteiligung weiter Massen an unserm Werke ermöglichen. Die Sehnsucht unseres Volkes nach seinem Heimatlande ist in den letzten Jahren in Frage und von einem Teile früherer Parteigenossen sogar in Abrede gestellt worden. Wie unrichtig diese Behauptung an sich auch sein mag, richtig ist immerhin, daß diese Sehnsucht insbesondere soweit sie nur unbewußt mitwirkt, gepflegt und gehegt werden muß, ehe sie als lodernde Flamme hervorbricht. Der so gestärkte Wille des Volkes wird schon Wege finden, sein Ziel bald zu erreichen. Unsere Sehnsucht war—auch dies ist eine Schwierigkeit für uns — weil sie immer auf die weiteste Ferne sich beziehen und nicht in der Nähe ihren konkreten Gegenstand finden konnte, oft zu einer körperlosen, überirdischen, metaphysisch-mystischen geworden. Sie war nicht von dieser Welt und drängte nicht zu Taten „die diese Welt zu erobern" bestimmt waren. Jetzt ist es anders geworden. Denn wir verlangen nach einem Ziele, das wir bald, sehr bald erreichen wollen. Die erstrebte Heimat soll kein Traumgebilde bleiben, sondern in ihrer Wirklichkeit vor uns stehen, und zu Taten uns bewegen. Wenn nicht alle, die dahin streben, auch schon die Möglichkeit haben, den Boden im Schweiße ihres Antlitzes zu pflegen und damit immer mehr zu lieben, so soll doch jeder es versuchen, von der Ferne mit ihm in inniger Verbindung zu bleiben, sein Wachstum zu verfolgen, damit Hoffnung und Kraft zunehmen. Jeder soll sein Stück Erde in seinem Lande haben. Bis jetzt war dem Juden Palästina-Erde heilig, um auf ihr nach dem Tode zu ruhen; jetzt soll sie uns teuer werden, damit wir bald auf ihr leben — wenn jemand sich selbst schon ausschließt — so doch seine Nachkommen auf ihr arbeiten können. Daß jeder, wenn auch nur ein kleines Stück palästinensischen Bodens sein eigen nennen kann, ist das Ziel des Pflanzungsvereins „Palästina". Durch Entrichtung von 80 Mark wird man Eigentümer einer mit Fruchtbäumen bepflanzten Landparzelle von 1 Dunam in Palästina und ordentliches Mitglied des Pflanzungsvereins mit aktivem und passivem Wahlrecht. Es ist jedoch auch Sorge dafür getroffen, daß der Beitritt auch solchen ermöglicht wird, die die genannte Summe nicht mit einem Mal entrichten können. Man kann schon nach Einzahlung von 20 Mark, die in zwei Jahresraten (ä 10 Mark) zerlegt werden können, Eigentümer einer unbepflanzten Landparzelle von 1 Dunam und außerordentliches Mitglied des Vereines werden. Jedes Mitglied hat das Recht, seinen eignen oder einen von ihm gewünschten Namen als Besitzer des betreffenden Grundstückes in die Bücherdes Vereins eintragen zu lassen und eine jährliche, mit dem Ertrag des Bodens wachsende Palästinagabe zu beanspruchen. Die Palästinagabe wird aus palästinensischen Bodenprodukten oder aus Erzeugnissen aus denselben bestehen. Die Mitglieder (ordentliche und außerordentliche) erhalten künstlerisch ausgeführte Diplome. Für die ersten 1000 Mitglieder sind Originalradierungen, die unser Gesinnungsgenosse, der Maler Hermann Struck, dem Verein zur Verfügung stellt, bestimmt. Das ordentliche Mitglied behält seine Mitgliedschaft lebenslänglich. Wer mindestens 10 Dunam gezeichnet hat, wird immerwährendes Mitglied. Eine weitergehende Ausübung seines Eigentumsrechtes im Sinne der zivilrechtlichen Befugnisse ist vorläufig von der Einwilligung des Vorstandes abhängig; jedoch ist eine Erweiterung der Satzungen in dieser Hinsicht für später, wenn diesbezügliche Erfahrungen vorliegen, in Aussicht genommen, so daß die Selbstbewirtschaftung des Bodens durch die Mitglieder, Verpachtung, Belastung oder zivilrechtliche Übertragung geregelt werden wird. Vorläufig wird das erworbene Land durch Pächter bewirtschaftet werden. Durch je 50 Mitglieder kann eine Bauernfamilie ihren Unterhalt finden, und die Hälfte dieser Zahl genügt, um einer in den benachbarten Kolonien in den arbeitsreichen Monaten beschäftigten Arbeiterfamilie zur Bodenständigkeit zu verhelfen. Es ist klar, daß jeder durch seinen Beitritt mit einen Ziegelstein herbeibringt zu unserem großen Bau. Die Förderung der Gartenkultur, für die sich Palästina sehr eignet, durch den Verein, wird die Fruchtbarkeit und Aufnahmefähigkeit Palästinas bedeutend steigern. Die Wichtigkeit des Pf lanzungs-Verein es „Palästina" liegt noch anderswo. Wir müssen für unsere Arbeiten das ganze Judentum gewinnen. Dies wird geschehen können, wenn wir unsere Aufgaben zweckmäßig einteilen, um für jede einzelne der Mithilfe entsprechender gleichgesinnter Kreise außerhalb des Zionismus sicher zu sein. Gerade der Pflanzungsverein „Palästina" kann in dieser Hinsicht sehr ersprießlich wirken. Es ist keineswegs zu leugnen, daß im Judentum der Sinn für soziale Arbeit stark ausgebildet ist. Nicht gering ist die Zahl derjenigen, die die Notwendigkeit einer solchen sozialpolitischen Arbeit für das ganze Judentum — über den Rahmen einer Gemeindewohltätigkeit hinaus — einsehen, großes Verständnis ihr entgegenbringen und nach Kräften sie fördern möchten. Es ist nicht anzunehmen, daß in diesen Fällen Palästina ausnehmend schlecht behandelt werden sollte. Seit vielen Jahren tritt man so eifrig für die Verbreitung der Agrikultur unter den Juden ein. Sollte man nun dem entgegentreten, wenn diese Idee in Palästina verwirklicht werden kann, und zwar obwohl sie nirgends sonst gleich günstige Aussichten auf Verwirklichung hat? Man sucht so gierig jedes Plätzchen auf, wo jüdischen Flüchtlingen Ruhe verschafft werden kann. Sollte man es verschmähen, wenn es in Palästina, und zwar hier leichter als sonst irgendwo, gefunden werden kann? Für die frommen Juden hat Erez Israel nie aufgehört das heilige Land unserer Väter zu sein, das verheißene und ersehnte, für das sie so viele Opfer bringen. Auch unter ihnen beginnt die Einsicht zu reifen, daß man das viele Geld, das jährlich ins Land fließt, nutzbringender verwenden müßte. Werden es die Orthodoxen außerhalb des Zionismus nicht als ihre Pflicht anerkennen, mitzuhelfen, daß jüdische Erde in jüdischen Besitz gelangt und von jüdischen Händen bearbeitet wird? Wir Zionisten aber wollen unserm Heimatlande auf diese Weise Grüße aus der Ferne senden und von ihm Grüße empfangen. Wir wollen Samen streuen, um Früchte bald zu sammeln. Nach altjüdischer Sitte waren neugepflanzte Bäume die überwachenden Grenzsteine, die jedem neuen wichtigen Lebensabschnitt zum Andenken errichtet wurden und in ihrem Wachstum ihm folgten. Wir wollen diese Sitte wieder einführen und neukeimendes Leben durch Keime zum neuen Leben in unserm Lande verewigen. Dr.. J. Thon. ZUR LAGE DES ZIONISMUS IN RUSSLAND ( Aus dem Rechenschaftsberichte des russischen Zentralbureaus) Die folgende kurze Übersicht der Lage der zionistischen Bewegung in Rußland ist auf Grund von authentischem Material, unter anderem auch auf Grund der 400 Antworten, die bisher als Antwort auf unsere ausgesandten Enquete-Bogen eingegangen sind, zusammengestellt. Vor allen Dingen können wir nicht umhin, auf die allgemein verbreitete Ansicht hinzuweisen, daß der Zionismus in Rußland eine schwere Krisis durchlebe. Dabei müssen aber unbedingt zwei Punkte unterschieden werden: die Lage der zionistischen Organisation und die Lage der zionistischen Bewegung. Eine sehr schwere und ernste Krisis durchlebt in Rußland im gegenwärtigen Moment die zionistische Organisation, aber durchaus nicht die zionistische Bewegung. Wenn man den Zionismus als eine auf historisch-nationalem Selbstbewußtsein und auf dem Gefühle nationaler Selbsterhaltung basierende Bewegung betrachtet, so unterliegt es keinem Zweifel, daß der Zionismus in Rußland nicht nur nicht geschwächt ist, sondern im Gegenteil in seiner Grundidee immer mehr und mehr in alle Schichten des Volkes eindringt und sich da Bahn bricht. In dieser Hinsicht haben dem Zionismus die scharfe Zuspitzung des nationalen Momentes innerhalb der revolutionären Bewegung, wie auch die von den progressiven Elementen der russischen Freiheitsbewegung ausgehende Anerkennung des Rechtes aller in Rußland lebenden Völkerschaften auf nationale Selbstbestimmung einen unschätzbaren Dienst erwiesen. Und in der Tat, zu gleicher Zeit mit zahlreichen und völlig