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Die Welt · 1906-09-14 · 37 (14.9.1906) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
37 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ppT" Wi DIE33KE-LT No. 37 % '4.4 "i ^J>i 5l^= oo o POLITISCHE REVUE rr- OOO OO Der Pogrom in Siedice Nach jeder Regierungserklärung in Rußland folgt gewöhnlich auf dem Fuße eine Judenmetzelei. So war nach dem Oktobermanifeste der unerhörte Ausbruch der Oktoberpogrome, so folgte nach der Ministerdeklaration Goremykin vor der Duma der Pogrom von Bjelostok, so ist auch jetzt dem Communique Stolypin der Pogrom von Siedice gefolgt. Stolypin erklärte in seinem Regierungserlasse, er wolle die Ordnung aufrecht erhalten, um die Verwirklichung der Reformen zu ermöglichen, er wolle durch Standgerichte und Strafexpeditionen der Freiheit einen Weg bahnen. Die russische Gesellschaft hat seine Erklärung mit Mißtrauen aufgenommen. Mit Unrecht. Den ersten Teil seines Programms — die Pazifizierung des Landes und die Erstickung des Freiheitskampfes im Blut von Unzähligen — wird er sicherlich halten. Das ganze Programm mit allen aufgezählten Freiheiten braucht er ja auch nicht zu erfüllen. Welche Regierung hat je voll und ganz ihr Programm verwirklicht? Man kann daher ruhig sein. Herr P. A. Stolypin wird den ersten Teil seiner Erklärung ausführen. Die ersten Beweise sind schon geliefert worden. Er kann jetzt würdig neben Plehwe und Durnowo auftreten. Der Anfang der Stolypinschen Pazifizierung war auch ganz nach den Regeln russischer Staatskunst. Commencons par le commencement — sagte Piotr Arkadiewitsch Stolypin, — und es ward ein Pogrom. Diesmal war es in Polen, in Siedice. Der Pogrom kam nicht so unerwartet. Die Lage in dieser Stadt war immer so bedrohlich, daß man von Tag zu Tag einem Pogrom erwarten konnte. Das Befürchtete ist Ereignis geworden. Samstag den 8. ds. Mts. ging es los. Unter dem Vorwande, daß jüdische Revolutionäre auf Polizisten geschossen haben, richtete das Militär eine Metzelei unter den Juden an, wobei Artillerie verwandt worden ist. Die Häuser wurden beschossen, die Zahl der Opfer soll 500 betragen. Die Stadt wurde nach Bjelostoker Muster sofort vom Verkehr abgeschnitten. Das Telegraphenamt stellte die Annahmen von Depeschen ein, die Juden wurden verhindert, die Stadt zu verlassen, wogegen die Christen sich retten durften. Das Schrecklichste geschah. Die Regierung will für die revolutionäre Gesinnung einiger die ganze Judenschaft ausrotten. Als eine Abordnung der Bürger mit dem Rechtsanwalt Sunderland an der Spitze beim Gouverneur Wolzyn vorstellig werden wollte, lehnte dieser ihren Empfang ab, erklärte aber, die Bürgerschaft müsse alle Anstifter der Unruhen den Militärbehörden ausliefern, sonst würde die Stadt weiter beschossen. Da keine Urheber bekannt sind, schwebt demnach die Bevölkerung in größter Gefahr. Nach einer anderen Meldung, die von der Petersburger Telegraphenagentur verbreitet wird, fordert der Chef der Militärverwaltung von den Vertretern der Juden die Auslieferung sämtlicher Mitglieder des jüdisch-revolutionären „Bundes", die geschossen haben. Kurz, wir erleben Bjelostok in zweiter, vielleicht noch schrecklicherer Auflage. Noch liegen zur Stunde nicht alle Nachrichten vor. Noch können wir den ganzen Umfang des Unglückes in Siedice nicht bemessen, aber schon aus diesen Nachrichten kann man ersehen, daß die blutige Saat, die von der russischen Regierung gesät wurde, ihre Früchte schon zeitigt. 500 Opfer! Beginnt die Zeit des Grauens wieder? Stehen wir wieder vor einer Katastrophe, die wie ein Orkan, wie ein Ausbruch von Vulkanen Tausende von Juden, unzähliges Gut, das sie mit Not und schwerer Arbeit erworben, hinwegfegen wird? Mit Siedice hat auch Polen seinen Platz in der Reihe der Pogromgegenden eingenommen. „Kein Haus gibt es, wo es keinen Toten gäbe." - Keinen Winkel gibt es im russischen Reich, wo der Boden von jüdischem Blut nicht gerötet wäre. Und wozu? Und wofür? „Soviel Blut für eine Eierspeise" könnte man sagen, Pogrom in Beja das französische Sprichwort variierend! Siedice ist die erste Folge desStolypinschen Regierungsmanifestes. Der Anfang istgrauenerregend. Beinahe zur selben Stunde, wo in Siedice die entmenschte Soldateska auf Geheiß und mit Genehmigung der Behörden ein Blutbad unter den Juden angerichtet hat, war in einem weit entlegenen Lande, von dem nach Europa nur selten Kunde dringt, gleichfalls ein Pogrom zu verzeichnen. In Beja, einer Stadt in Tunis, fand am 5. und 6. d. M. eine von einem Schützenregiment veranstaltete, von den Eingeborenen geförderte, von der Regierung geduldete Judenhetze statt. Am 5. d. kam das 4. Schützenregiment nach Beja. Die Soldaten waren besoffen und begannen sofort, Händel mit den Passanten zu suchen. Aber die Araber und Franzosen ließen sie unbehelligt. Ihre ganze Wut der wilden, barbarischen, alkoholisierten Soldateska wandten sie gegen die Juden der Stadt. Und sie taten sich reichlich zugute. Sie stürzten sich auf die jüdischen Läden, plünderten sie aus und mißhandelten die jüdischen Kaufleute und Passanten. Eine Bande arabischer Burschen beteiligte sich an den Heldentaten des Schützenreginients, steckte die geraubten Gegenstände in ihre Taschen und hetzte diej Soldaten auf die Juden, indem sie auf die vorbeigehenden Juden hinwiesen und zuriefen: „au jüdi!" (Da ist ein Jude.) Den herbeigekommenen Spahis und Gendarmen gelang es schließlich, die Räuberbanden auseinanderzutreiben und die Ruhe herzustellen. Aber damit nahm es noch kein Ende. Die arabischen Einwohner der Stadt und, wie das Telegramm im „Courrier de Tunisie" ausdrücklich hervorhebt sogar stadtbekannte und geachtete Personen versuchten am nächsten Tage, die Judenhetze aufs neue zu inszenieren. Gegen jüdische Häuser wurden Steine geschleudert, Juden wurden auf der Straße mißhandelt und ausgeplündert. Der Kalifa von Beja, also der Stadthalter des Beis, schaute diesem Treiben gleichgiltig zu und dachte gar nicht daran, irgendwie einzugreifen. Nur durch die französischen Behörden wurden weitere und schlimmere Ausschreitungen verhindert. Der französische Kontrolleur von Medjaz-el-Bab hat sich nach Beja begeben, um eine Untersuchung anzustellen. Mit Mühe und Not gelang es, die Juden von Beja vor der Niedermetzelung zu retten. Wer weiß, ob nicht der von gewisser Seite aufgestachelte Haß und Fanatismus der Araber und der Soldateska mächtiger sein werden als der EinfluT» Frankreichs. Der „Courrier de Tunisie" stellt aus diesem Anlasse Betrachtungen an, die auf sehr traurige Gedanken bringen müssen. Es heißt dort inbezug auf die ausschreitenden Soldaten: „Aber warum soll man diese tapfern Krieger wegen dieser Raubtat tadeln? Sie haben ja die Theorie der Ausschreitungen in der Kaserne gelernt und hatten nichts Eiligeres zu tun, als ihre Kenntnisse praktisch anzuwenden......Wenn man ihnen etwa einwenden sollte, dar» man nur fremde Feinde plündern und morden müsse, nicht aber Landsleute, wer von ihnen würde glauben, daß ein Jude ein Landsmann ist? Er ist nicht von derselben Rasse, hat nicht denselben Glauben. . . Für den Araber — ist der Jude der Feind. Und darum raubt er, mordet er, plündert er....." Vor einigen Monaten hatten wir eine wilde Judenhetze in der tunesischen Stadt Hara, die gleichfalls mit Hilfe des Militärs arrangiert wurde, zu verzeichnen. Heute ist es Beja. Es ist eine sehr bedrohliche Lage, in der sich unsere tunesischen Brüder befinden. Inmitten einer fanatischen rohen Bevölkerung eingekeilt, zu deren islamitischer Intoleranz der Haß gegen die Juden als die Träger der französischen Kultur hinzukommt, einer Soldateska der schlimmsten Art, die annähernd mit der russischen wetteifern könnte, überantwortet, — sehen sie jeden Tag neuen Schrecknissen entgegen. Und Tunis ist unter französischem Protektorat!

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