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Die Welt · 1906-09-14 · 37 (14.9.1906) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
37 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 31 DIEÜ deshalb noch mehr am Herzen als allen anderen Parteien. Hier, bei der Frage nach Mitteln und Methoden gibt's keine Dogmen. Hier ist alles unter dem Gesichtspunkte des R&yzu pel, des Sichewigwandeln, zu betrachten. Der Zionismus will und muß die Juden erhalten, er will sie national erhalten und ihre Verselbständigung fördern, wohl gemerkt: soweit es unter den gegebenen Verhältnissen möglich ist. Diese Nationalisierung kleinerGruppen ist für ihn eine Art Kleinkolonisation, Versuchsstationen, — es sind Keime, Muster oder Überbleibsel. Ob es möglich sein wird, im Qoluth diese Splitter für lange Zeiten zu einem festen Ganzen zusammenzufassen, — ist fraglich. Der Zionismus ist sich der hinderlichen Einflüsse, der Schwierigkeiten und des eigenen Mankos (bei einem Sichbegnügen mit kult. Autonomie) voll bewußt, doch muß er diesen Prozeß durchmachen. Er wird dabei von zwei sich ergänzenden Grundgedanken beherrscht: er rettet, was zu retten ist, er konstruiert eine nationale Einheit, befähigt das Volk, politisch und für sich zu leben, was aberdann, daes nicht vollkommengelingen kann, zum Endziel führt. Es ist nicht ein streberischdiplomatischer Plan einer Partei, es ist eine Lebensnotwendigkeit, da doch der Zionismus nicht etwas Abgeschiedenes, sondern das bewußte jüdische Volk ist. Nun stoßen wir dabei auf einen Konflikt, der auf den ersten Blick unlösbar erscheint. Sollen Zionisten zusammen mit Assimilanten ein zugestutztes, unklares Bmanzipationsprogramm verfechten? Hundert Antworten hat man auf diese Frage gegeben, — aber lauter scholastische. Es existieren wohl Assimilanten, man hat den Eindruck, daß dieser oder jener „jüdische" Vertreter, der sich so feierlich und so gespreizt als solcher ausgibt, kein stark entwickeltes Zugehörigkeitsgefühl zum üdischen Volke besitzt, — aber es existiert keine Partei und kein Programm der Assimilanten. So verhält es sich auch mit den nichtzionistischen Nationalen. Sie -ind da, aber sie sind . . . Luft. Ein nichtzionistischer jüdischer Nationalist müßte eigentlich ein viel radikaleres nationales Programm für die Juden in Rußland aufstellen ils die Zionisten. Denn für Zionisten ist die Sicherstellung les National-Jüdischen im Goluth nur ein modus ivendi, während es für Nichtzionisten, wenn sie sich licht nur national nennen, sondern es wirklich sind, der richtige Selbstzweck sein müßte. Nun ist iber keine organisierte Partei und kein nichtzionistisches nationales Programm vorhanden, und ist doch eine Stellungnahme zu einer Fiktion purer Unsinn, im testen Falle — ein Kampf mit Gespenstern. Für unsern Zweck ist das aus dieser Betrachtung resultierende Ergebnis, daß wir nicht bestimmten Parteien und Programmen gegenüberstehen und daß wir anstatt derLancierung politischerStichwortedieMethoden und Mittel unter dem Gesichtspunkte eines einheitlichen Prinzips wählen. Dieses einheitliche Prinzip ist: die Beseitigung sämtlicher hinderlicher Beschränkungen. Die Form, welche dem Freiheitsdrange und der unzähmbaren Selbständigkeit des jüdischen Volkes zusagt, kann und darf nicht a priori bestimmt werden. Bs kann und darf auch nicht von vornherein formuliert werden, — ein Beispiel vom Bereiche der rein menschlichen Fragen, — ob so und so viele Juden sich nach Aufhebung des Ansiedlungsrayons in Moskau etablieren werden oder nicht. Es handelt sich nur darum, daß sie KELT — ■■ __ 5 nicht vom „Gorodowoi" am Kragen gefaßt werden, wenn sie nach Moskau kommen. Sie sollen auch nicht von dem zukünftigen, nach englischemMusterzugeschnittenen, konstitutionellen russischen Police-man am Hals gefaßt werden, wenn sie nach ihrer nationalen Eigenart diese oder jene Einrichtung treffen. Zu diesem Zwecke braucht man weder imaginäre Konflikte heraufzubeschwören, noch Kompromisse zu schließen. Aus den tatsächlichen Verhältnissen kann man sich leicht erklären, weshalb man nur überzeugte Volljuden wählen muß. Halbjuden, Assimilanten, Anbeter liberaler oder radikaler Formelfetische, die das Spezifische, das Abgesonderte, das Jüdische in eine — mit Goethezu sprechen—„tötende Allgemeinheit hineinreißen", sind nach den gegebenen Verhältnissen nicht imstande, für die jüdische Emanzipation, wohl gemerkt, sogar für die jüdische Emanzipation nach der alten Schablone, richtig einzutreten. Sie können es weniger tun als manche Nichtjuden. Man wird sich also nicht für eine Partei, sondern für ein Prinzip entschließen müssen. Will man sich alsdann für ein bestimmtes Prinzip entschließen, so wird man zunächst zwischen jüdischen Interessen und allgemeinem, farblosem Liberalismus zu wählen haben. Wenn wir sagen: wir werden zu wählen haben, lehnen wir damit die Schlußfolgerung ab, daß diese Interessen notwendigerweise einen Gegensatz zum Liberalismus involvieren. Dafür ist zwarkeinzwingenderGrund sichtbar, aber die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen. Da wird es sich um das Kriterium handeln, nach dem man die Wahl treffen will, und es wird zur Konsequenz führen, daß die Juden ihre Interessen, wiealle anderenNationalitäten, verteidigen müssen. Radikale, oppositionelle Reden in Revolutionszeit halten, Proteste gegen „Pogroms" und dergleichen kann auch ein Assimilant erheben, es ist die Zeitströmung, es gehört sogar Verwegenheit dazu, nicht derb genug zu sein. Aber jüdische Interessen verteidigen, im großen Lärm der Tagespolitik die Forderungen der vielgeschmähten, jüdischen Massen des Durchschnittsmenschen, mit origineller Kenntnis, urwüchsig und unmittelbar zum Ausdruck zu bringen, — dazu wird man eine ganze Reihe von tüchtigen Juden brauchen. Das hat der Zionismus in Rußland richtig aufgefaßt. Es wäre ein Verbrechen, teilnahmlos oder grollend abseits zu stehen. Man würde den alten Vorwurf der Weltfremdheit hierdurch nur bestätigen. Nur kein Stehenbleiben, kein toter Punkt. Und auch keine absolute Isoliertheit bei Gegenwartsfragen. Wo es sich um unser Ideal handelt, welches in unwandelbarer und unverdunkelter Helle uns voranleuchten muß, soll man wie ein Fels in der Mitte der Brandung stehen, und wenn einige Ungeduldige oder Leichtsinnige etwas anderes unterschieben wollen, soll ihnen gegenüber die Idee auch brutal sein. Aber in Rußland wird kein Zion gebaut, man hat nur jüdische Interessen zu verteidigen und jüdisches Volkstum, soweit es möglich ist, zu schlitzen, und wenn noch andere gutjüdische Elemente vorhanden sind, die ihr Bestes dazu beitragen wollen, so braucht man sie nicht abzustoßen, sondern zu einer höheren Einheit und Harmonie streben. Sollte es den bevorstehenden Konferenzen gelingen, eine allgemein-jüdische Organisation zu schaffen, so wird sie die ganze Arbeit auf die richtige Basis gestellt haben. N. Sokolow.

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