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Die Welt · 1906-09-14 · 37 (14.9.1906) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
37 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1Ä Ii * DIE^EELT No. 37 <4 Prozesses — bedarf einer viel ausgedehnteren Emanzipation als der einzelne, dem man z. B. das Recht nimmt, außerhalb des Ansiedlungsrayons zu atmen. Aber der Zweck dieses Aufsatzes ist nicht, ein neues Schlagwort zu prägen. Es existiert schon ein älteres: kulturelle Autonomie. Nun sei es gesagt: man ist leider in ganz unbestimmten, schwankenden Redewendungen stecken geblieben. Man erledigte dieses Problem mit einer Erörterung, daß die Emanzipationsfrage im vielvölkerlichen Mammuthreiche von der bisher im Westen üblichen Weise des Judenemanzipierens grell absticht, daß, während die westlichen Juden in einförmige Staatengebilde aufgenommen und deshalb ihre nationale Persönlichkeit einbüßen mußten, sie in Rußland gattungsweise, wie in Noahs Arche, aufgenommen werden. Demgegenüber ist festzustellen, daß Amerika kein einförmiger Staat ist, und daß Rußland aus mehr oder weniger einförmigen Provinzen, wie z. B. Polen und Zentral-Rußland, besteht. Vergleiche hinken, hält man sie fest. Die Verallgemeinerung der mannigfaltigen Verhältnisse in den vielen Ländern, welche das russische Reich bilden, ist ein Fehler, der die schwerwiegendsten Bedenken wachrufen muß. Die Verhältnisse weisen so viel Lokalfarbe in ihrer Gestaltung auf, daß es unveranwortlichwäre, sie nicht einer gesonderten Betrachtungsweise zu unterziehen. In dichten und halbwegs einförmigen Bevölkerungskomplexen in Rußland, in den Rahmen allgemeiner Genossenschaft und Kulturordnung einen speziellen Rahmen jüdischer autonomer Gesamtheit hineinzuzwängen, wird eben so schwierig sein wie im Westen. Und in den Teilen Rußlands, in denen noch keine vorherrschende Nationalität existiert, wird sie sich bald aus dem Chaos herauskristallisieren und dieselben Bestrebungen, die die Polen verraten, an den Tag legen. Es erscheint uns als einer der verhängnisvollsten Irrtümer, — nicht dieses Ziel anzustreben, es ist zweifellos ein erstrebenswertes Ziel,sondern — die Sache leicht zu nehmen. Außerdem ist es doktrinär und unhistorisch, wenn man überhaupt das Aufgeben der jüdischen Nationalität als ein Resultat ausklügelnder Erwägung und vertragsmäßiger Bedingungen betrachtet. Weder in England noch in Amerika hat man den Juden eine Assimilation aufoktroyiert. Die Kugel kommt ins Rollen, und da gibt's kein Halten. Es ist ein Prozeß, der nach bestimmten, wirkenden Ursachen verläuft: Schwächung des religiösen Einflusses, verschwindende Kenntnis jüdischer Lehren, Mangel an nationalen und sozialen jüdischen Anregungen. Es wird auch in Rußland nicht besser gehen, — da dort noch ein ganz anderer assimilatorischer Faktor, nicht bewußt und gewollt, aber desto wirksamer nach dieser Richtung arbeitet: die Sozialdemokratie. Was zunächst als eine selbstverständliche Wahrheit festzustellen ist, scheint uns dieses: daß man im jüdischen Volke Kräfte erziehe und entfalte, die eine nationale Betätigung begehren sollen. Daß man das Recht haben soll, nationale Schulen zu erhalten, — ist nicht das Wichtigste. Man hat dieses Recht in Amerika, man hat es in England, — aber man benutzt es nicht. Man ist „bei sich selber im Goluth*. Es ist die ewige Flucht vor dem eigenen Ich. Das Volk wird vielleicht imstande sein, über Schwierigkeiten sich hinwegzuhelfen, die heute als unüberwindlich gelten, — aber dazu muß man es kulturell, zionistisch und national machen, daß es in jeder Faser vom historischen Geiste durchtränkt sei. Sonst bleibt die Autonomiemöglichkeit eine kalte, starre, sinnlose Form. Ein aprioristisches Programm für Autonomie, Nationalität und Kultur aufzustellen, ist unmöglich. Man kann die Teile, die Einzelheiten, die Eventualitäten nicht so klarlegen, wie man den Seidenfaden aus dem Kokon abhaspelt — man kann nicht, weil es pure Bureaukratie und Halbheit wäre, — Bureaukratie, die ihre Aufgabe zu erschöpfen denkt, wenn sie sich lediglich damit befaßt, das tausendfältige Leben mit einem Formelkram von „gestattet" und „nicht gestattet'4 zuzudecken, und Halbheit, weil das Ganz-Nationale im Goluth Flickwerk sein muß. Man soll also nicht mit einem vorlaut polternden Hochmut die Möglichkeit eines Quasi-Judenstaates im neuen Rußland, d. h. in Polen, in Finnland, in Zentralrußland etc. proklamieren. Wenn die Lust am kecken Wagen und Pläneschmieden, wenn der ungestüme Tatendrang, sogar in ziellosen Unternehmungen vergeudet — so lange er revolutionär ist, ästhetisch wirkt, das Brüten von haarspalterischen Theorien über die Befugnisse eines jüdischen Verwaltungskörpers — mit beschränktem Geltungswert, — ist nicht einmal ästhetisch. So webt ein Volk nicht die Stufenleiter seiner Erfolge. Schulleitung, Erziehung im jüdischen Geiste, Hebräischer Jargon, — soll denn die Duma oder die ersehnte Konstituante all dies gewähren? All diese Grübler sind bettelarm in ihrer Phantasie. Sie können sich nicht denken, wie es aussehen wird nach der Erreichung dieser Konzessionen. Was bedeuten leere Formen? Stand es nicht mit der „autonomen" jüdischen Kultur besser in Rußland, wo alles verboten, als in Amerika, wo alles gestattet ist? Diese Erwägungen gipfeln in der Einsicht, daß man: 1. nicht die Erlangung einer kulturellen Autonomie in Rußland als etwas Leichtes betrachte; 2. daß man die Gefahr der Assimilation nicht unterschätze, und 3. daß man den Schwerpunkt der Autonomisierungsarbeit von dem luftleeren Raum der Dumaschemata und Konstitutionsnormen in die Mitte des jüdischen Volkes verlegen muß. Es ist schwer, aber es liegt nicht außerhalb des Bereiches der Möglichkeit, das jüdische Volk, wenigstens in gewissen Linien, national zu gestalten und zu erhalten, nur müssen dazu die nötigen Kräfte benutzt werden. Sollen Zionisten sich damit befassen? Natürlich nicht die Organisation als solche, aber die Zionisten — selbstverständlich! Wo sich Lebensprobleme, besonders nationale Lebensprobleme zeigen, ist es Pflicht, — den Pulsschlag der Gegenwart zu beobachten, feinfühlig die neuen Entwicklungsphasen zu erkennen und wacker zuzugreifen. Der stumpfe Witz kühlt seinen Mut an diesem angeblichen Doppelspiel. Palästina und Rußland, Charter und Konstitution, Zionistenkongreß und Duma, — wie läßt sich all dies vereinigen? Ja, es läßt sich, auf der Basis der allergewöhnlichsten Logik, nicht nur vereinigen, sondern es ist auch ursächlich verknüpft. Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk das vollwertige Leben, deshalb würdigt er jede Gesundung, Erleichterung, jede Regung, jedes Erwachen aus langer Erstarrung zum hellen Leben. Sein Endziel, sein Ideal, seine Schlußfolgerung aus der jahrtausendlangen Geschichte — Palästina —will ernichtvertuschen lassen, aber die Gegenwart des jüdischen Volkes liegt ihm eben

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