Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 37 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRQ. KÖLN, 14. September 1906 jmirfc tW« bt>t* ""D No. 37. Unsere verehrl. Abonnenten, deren Abonnement mit Ende dieses Monats abläuft, ersuchen wir um RECHTZEITIGE EINSENDUNG DES ABONNEMENTSBETRAGES, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Die Expedition* DER ZIONISMUS IM RUSSISCHEN CHAOS Die Zionisten Rußlands sollen binnen kurzem eine Delegiertenkonferenz veranstalten, die sich außer mit rein zionistischen Fragen auch mit der Erörterung des Problems einer nationaljüdischen Organisation in Rußland befassen soll. Kurz darauf sollen die Mitglieder des Vereins zur Förderung der Gleichberechtigung („Sojus Rawnoprawija") eine Versammlung anberaumen, um über die Zwecke und Mittel, die sie zu einer geschlossenen Gesamtheit fügen, sich genau zu verständigen. Diesem Verein haben Zionisten, quantitativ und qualitativ, eine gewaltige sittliche Macht verliehen, und sie sind vielleicht dazu bestimmt, nächstens auf diesem Gebiete die ausschlaggebende Rolle zu spielen. Man kann mit verläßlicher Gewißheit die Aussage tun, daß die große Frage der kulturellen Autonomie aufgerollt werden wird, und dabei muß das Gewirr der Gegensätze, die unseren Volkskörper zerrütten, an den Tag gefördert werden. Der innere Parteikampf soll sich nicht in vage Zukunftsträume verlieren, oder in unfruchtbaren Theoremen erschöpfen. Ein Programm soll er schaffen, einen Leitfaden, einen sicheren Maßstab für die Beurteilung der Situation und für das, was nächstens getan und wie es getan werden soll. Denn bald beginnt der Wahlkampf in Donner und Sturm sich abzuspielen. Ob dies alles genau so kommen wird, — wo ist der Nostradamus, der es mit Sicherheit behaupten könnte? Man muß mit der elementaren Tatsache rechnen, daß russische Juden in jedem Augenblicke neuen Erscheinungen gegenüberstehen, wie sie aus den unausgesetzt neugeschaffenen Situationen und Machtverhältnissen sich ergeben. Es ist ein wirrer Knäuel von Möglichkeiten, Widersprüchen und Überraschungen. Das Zustandekommen einer Konferenz mag davon abhängig sein, ob im gegebenen Orte Kriegszustand herrschen wird oder nicht; das Eintreten des Kriegszustandes mag von einer Caprice, von einem wirklichen oder provokatorischen Attentat, also von Zufälligkeiten, die man absolut nicht voraussehen kann, abhängig sein, Aber uns kommt es nicht auf die Sicherheit eines Konferenz-Kalenders an, sondern auf die treibenden Ideen, Sicher ist es, und einige Andeutungen werden es schon jetzt evident erscheinen lassen, daß in einer Zeit, die, wie die gegenwärtige in Rußland, in jeder Fiber von einer kritischen Nervosität durchzittert ist, und in einem Volke, wie dem unsrigen, welches zur grübelnden Analyse geneigt, in unheimlicher Gärung, von widersprechenden Gefühlen stürmisch bewegt, die prinzipiellen Gegensätze nicht einfach weggeschafft werden konnten. Momentan wohl, — wenn sich alles zu einem mächtigen Strome vereinigt und gewaltig aufwallend das Alte, Verrottete und Verhaßte hinwegzuschwemmen sucht, aber kaum sind die wilden Zuckungen des Moments überwunden, kommen die Gegensätze aufs neue zum Vorschein. Und man täusche sich nicht: es stehen sich schroff gegenüber die Nationalen, denen jede indirekte Schein-Emanzipation lästig oder geradezu verhaßt ist und die eine Volksbefreiung verlangen, und die Gleichberechtigungsstreber, denen die Fühlung mit dem Volkstum abhanden gekommen ist, oder die diese Fühlung niemals hatten. Will man für diesen Gegensatz ein Schlagwort prägen, so wird man etwa sagen können, daß die ersteren das jüdische Volk, die letzteren — jüdische Individuen befreien wollen. Das Volk — wir nieinen nicht die jüdische Nation in ihrer historischen Gestaltung, sondern das Volk als Erzeugnis des Vergesellschaftungs-