Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 36 diee|kelt 7 schneiden und sich darüber auszuschweigen. Ich muß aber den Vorwurf ablehnen, den Dr. Marmorek nebenher machte, daß ich mit Hohn über den politischen Zionismus gesprochen habe. Ich habe mit Hohn darüber nicht sprechen können, weil ich ja von der offiziellen politischen Tätigkeit im Zionismus nicht unterrichtet wurde, ich werde aber auch der letzte sein, der über unsere politischen Arbeiten mit Achselzucken hinweggeht. Ich bedauere den erregten Ton der Ausführungen des Herrn Marmorek. Ich wollte in meiner Anfrage nicht ausdrücken, daß der politische Weg nicht gangbar und nicht der rechte ist. Ich wollte nur wissen, existiert eine politische Tätigkeit und wenn ja, welche? Ich kann begreifen, daß man sich darüber nur sehr vorsichtig äußert, weil es Zukunftsprobleme sind. Können Sie uns aber die Versicherung geben, daß wir auf Grund Ihres Credo ruhig weiter arbeiten können? Ich frage Sie, wie ich mich frage, mit welchem Kapital werden Sie morgen vor die Masse treten, um ihnen den Zionismus zu proponieren? Das Rad unserer Arbeit dreht sich, aber es könnte die Zeit kommen, da das Rad neue Kraft benötigt, um sich weiter drehen zu können. Was ich von Ihnen verlange, ist das neue Blut, das neue Wort, das uns die Fortdauer der Arbeit garantiert. Haben Sie es nicht, so können Sie es ruhig, müssen Sie es sogar sagen. Greenberg hat mir heute gesagt, er stelle sich die Arbeit vor, wie die Durch Bohrung eines Tunnels. Von beiden Seiten muß man bohren. Von der einen Seite mit der praktischen Arbeit, von der anderen mit der politischen. Ich glaube kaum, daß hier irgend einer mit dieser Auffassung nicht einverstanden ist. Es gibt keinen einzigen, der nicht ein gedeihliches Zusammenarbeiten beider Kräfte wünscht. Auf der einen Seite, bei denen, die die praktische Arbeit in Palästina fordern, ist aber ein ausgearbeitetes Programm, da sehen wrir Vorschläge, Projekte und Pläne. Sie mögen teilweise nicht sehr gut sein, sie mögen schlecht sein, aber wir sehen doch etwas Positives, Versuche, Arbeit, natürlich dabei auch Fehler. Auf der andern Seite sehe ich aber nur das Geheimnis. Ost und West! Sie wissen sehr wohl, daß wir Zionisten diesen Unterschied gemacht haben und nicht machen wollen. Die ganze zionistische Taktik ist immer darauf hingegangen, Brücken zu schlagen zwischen Ost und West, und.der Tag, wo die Brücke ein für allemal gebaut ist, der Tag wird vielleicht die Lösung der zionistischen Frage bedeuten! Sie sprechen auch, Herr Dr. Marmorek, von dem Mangel an Homogenität der Leitung! Es war gewiß unsere Absicht, daß die Leitung homogen sein soll. Was aber erforderlich ist, ist, daß die heterogenen Elemente bei uns sich auf ein gemeinsames Programm einigen, und das ist es, was dem E. A. C. nottut. Wenn aber jedes Mitglied des E. A. C. auf eigene Faust arbeitet, dann muß der Mann, der an der Spitze des E. A. C. steht, sich fortwährend in acht nehmen, daß er nicht zwischen die Gegensätze gerät. Greenberg z. B. bewegt sich viel eher als Ussiscjikin einseitig in einer Richtung. Allerdings hat Greenberg hier zwei Anträge eingebracht, aber ich habe ihnen gegenüber fast das Gefühl, das man Danaergeschenken entgegenbringt. Ich wiederhole: Auf der einen Seite sind die Karten klar, auf der anderen aber sind-sie unklar! Sie brauchten nicht unklar zu sein, aber sie werden so behandelt, als ob nur Greenberg sie zu lesen verstände. Und diese Undurchsichtigkeit unserer politischen Tätigkeit ist, was unser Vertrauen beeinträchtigen könnte. Es ist eine alte Weisheit,, daß jede diplomatische Tätigkeit sich nur stützen kann auf die Bajonette, auf eine Kraft. Worin suchen Sie diese Kraft? In unserer Bank, im Nationalfonds? Oder glauben Sie nicht, daß uns eine solche Kraft eine Reihe von Einrichtungen in Palästina geben könnte, die nach einem einheitlichen politischen Plane eingerichtet und gegründet würden? Einem Plane, den man vielleicht geheim häit, über den man nicht plaudert. Ich frage Sie: Können Sie mir etwas nennen, das Sie sich als Kraft zur Unterstützung unserer politischen Arbeit, die ich für sehr wertvoll halte, vorstellen? Oder glauben Sie, daß die Diplomatie allein genügt? Glauben Sie nicht, daß man unserer politischen Arbeit mehr Beachtung schenken wird, wenn wir auf praktische Arbeit in Palästina hinweisen können? Ich verhehle mir nicht, daß in der praktischen Arbeit Gefahren liegen. Aber ist das nicht ein verzauberter Kreis? Hätten wir mehr Mittel, mehr Schekelzahier, so wären wir eine größere Macht und könnten besser verhandeln. Aber wir werden diese Mittel und diese Schekelzahier nicht bekommen, wenn wir keine Erfolge aufweisen können. Und fühlen Sie nicht auch, daß sich für uns die Frage sogar so zugespitzt hat, daß manche von uns glauben, daß sie selbst für die Bewegung nichts Besseres tun können, als wenn sie selbst nach Palästina gehen? Herr Dr. Marmorek haben Sie etwas anderes, etwas Neues? Dann bitte ich Sie: Heraus damit! Geben'Sie mir eine Antwort auf meine Frage! Greenberg: Die Frage, die Herr Dr. Weizmann in seiner Rede angeschnitten hat, halte auch ich für die wichtigste, die bisher die Jahreskonferenz beschäftigte. Es ist schon spät, aber ich will mich doch bemühen, darauf ausführlich zu antworten. Herr Dr. Weizmann sagt, daß ich gegen Ussischkin bin. Ich war immer für die praktische Palästinaarbeit, aber ich bin gegen die unpraktische. Dies ist der einzige Unterschied zwischen Ussischkin und mir. Weiters sagt Dr. Weizmann, daß ich meine zwei auf Palästina bezughabenden Resolutionen nicht mit dem nötigen Ernst eingebracht habe. Ich verweise darauf, daß ich die Bildung eines Komitees in Palästina zu einer Zeit angeregt habe, wo vom Ostafrikaprojekt noch keine Rede war. Ich sage dies, damit man ersieht, wie weit diese Sache zurückliegt. Bei allen meinen politischen Aktionen denke ich niemals an deren politische Wirkung, sondern immer nur an deren Wirkung für Palästina. Ich bin nicht politischer, sondern ich bin einfach Zionist. Herr Dr. Weizmann fragt, was wir politisch tun? Ich sage, daß wir nicht bloß Hoffnung, sondern auch Ursache haben, mit unserer politischen Arbeit zufrieden zu sein und vieles zu erreichen, aber ich erkläre immer wieder, daß man über diese Sachen nicht so offen sprechen kann, wie es vielleicht allgemein gewünscht wird. Was wir brauchen, ist eine stärkere Unterstützung des Volkes, denn nur mit dieser kann der Weg, den wir jetzt politisch gehen, zum Erfolg führen. Feiwel: Es ist sehr bedauerlich, daß die Frage, von der ich vorher sagte, daß sie die Schicksalsfrage der Bewegung sei, erst jetzt aufgerojlt wird. Als ich vorhin von einem geheimen Widerstande gegen die Palästinaarbeit sprach, wies das Herr Dr. Marmorek zurück. Seine jetzige Rede hat gezeigt, wrer von uns beiden im Rechte war. Nun, nachdem auch Herr Greenberg gesprochen hat, muß ich gestehen, daß er uns ebenso wenig eine befriedigende Antwort gegeben, als die temperamentvolle Rede Marmoreks uns ein politisches System gezeigt hat. Ich rede nicht von den heutigen Anträgen und auch nicht von der Person Ussischkins, aber Herr Dr. Marmorek hat die Sache verkehrt dargestellt, wenn er behauptete, Ussischkin hätte das Vertrauen getäuscht, als er sich ins Aktionskomitee wählen ließ. Herr Dr. Marmorek weiß doch genau, wer die Mehrheit auf dem Kongresse hatte und auf welches politische Programm man das Aktionskomitee wählte. Nun aber zum Schreckgespenst^ des Chowewe-Zionismus selbst. Wozu der große Lärm? Was ist denn eigentlich seit dem letzten Kongresse in Palästina vom Aktionskomitee praktisch unternommen worden? Denken Sie doch nach! Man hat eine Bankfiliale, man hat den „Bezalel" gegründet. Was noch? Im Gegenteil, nach unserer Meinung ist sogar viel zu wenig geschehen. Wir haben es unterlassen, die ganze Immigration und den Zustrom von Kapital auszunützen, die Privatinitiative anzuregen, wir haben uns nicht nur nicht als Führer der palästinensischen Angelegenheiten bewiesen, sondern uns davor gehütet, bei diesen bedeutsamen Veränderungen irgendwie einzugreifen .... Ich verstehe, daß das Aktionskomitee nicht über alle politischen Schritte, die es unternimmt, sprechen kann, aber darauf müssen wir Antwort und zwar klare Antwort bekommen, inwieweit das Aktionskomitee die Arbeit in Palästina als politisches Mittel anerkennen und in Betracht ziehen will. Die anderen politischen Mittel gehören nur in den Wirkungskreis des A. C, zu diesem Mittel aber trägt die ganze Organisation bei. Und diese Organisation will mitarbeiten, muß mitarbeiten. Warburg: Ich ziehe meinen Antrag zurück. Im übrigen glaube ich, auf die Ausführungen Feiwels und Weizmanns nicht weiter eingehen zu müssen. Wir glauben jedenfalls, daß wir ebenso gute politische Zionisten sind wie Herr Marmorek und seine Freunde. Dafür berufen wir uns auf Dr. Herzl, der selbst mit den praktischen Arbeiten in Palästina begonnen .hat. Damals waren die Pläne noch nicht ausführbar, und wenn wir sie heute ausführen, hat man daher kein Recht, zu sagen, das sei nicht politisch. Sokolow: In einem Punkte will ich anders sprechen, als die Herren Feiwel und Weizmann. Wir sollen nicht Klarheit verlangen, sondern Klarheit geben. Die Lage des Zionismus ist darum schwierig, weil sein Schwerpunkt schließlich doch in Rußland liegt und dort angesichts der Depression im Judentum die Organisation besonders gestützt werden muß. Der rein diplomatisch-politische Zionismus — darüber darf man sich nicht täuschen — reicht heute als Programm und Methode nicht aus. Die Ansichten über die Taktik sind jetzt ganz andere. Man muß also auch in dieser Situation politisch und praktisch zugleich verfahren. Das, was jetzt die Hauptsache ist, Erhaltung und Stärkung der zionistischen Organisation, darf nicht außer acht gelassen werden. Damit dies geschehe, muß etwas Radikales unternommen, etwas Lebendiges, eine Gegenwartsarbeit geleistet werden. Es handelt sich hier weder um Kleinnoch um Großkolonisation, es handelt sich auch nicht darum, ob dieser oder jener Minister dem oder jenem etwas versprochen hat. Die Hauptsache ist das Leben und der stete Strom in der Organisation. Dr. Lew in: Wir sind dem politischen Zionismus nicht untreu geworden. Aber Ihnen, Herr Doktor Marmorek, ist die Palästina- 2*