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Die Welt · 1906-09-07 · 36 (7.9.1906) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
36 (7.9.1906)
Date
1906-09-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIEIaEELT No. 36 auf den bloßen Wunsch des Herrn Ussischkin, der keine direkten Kenntnisse der Verhältnisse in Palästina besitzt, etwas tun, wovon uns Herr Levontin, der über eine sehr genaue Kenntnis verfügt, abrät. Für uns ist Herr Levontin der Fachmann, auf den wir uns verlassen können. Wenn wir den Arbeitern in Palästina im Sinne des Herrn Ussischkin alles bewilligen, was hier beantragt ist, so kommt es zu einem offenen Skandal. Die Leute werden die Pachtverträge nicht einhalten, und wir werden schwere Verluste erleiden. Den Unterschied, den Herr Ussischkin in einer Nebenbemerkung zwischen Ost- und Westeuropäern gemacht hat, werden wir im Zionismus nicht zulassen. Wir sollen zusammen arbeiten, und dabei wird uns fortwährend bei einzelnen Fragen Unverständnis vorgeworfen. ... Wir wollen Herzls reines Ideal vertreten, aber der Chowewe-Zionismus ist nichts als Rachmones-Zionismus, und mit diesem würde Ussischkin Herzls Erbe schließlich zerstören. Ich wiederhole: diese ganze Sache muß auf dem VIII. Kongreß ausgetragen werden. Ich mache den Kollegen Ussischkin aufmerksam: wir haben ihn gewählt, weil wir glaubten, daß er gemeinsam mit uns arbeiten und den politischen Dingen, mit denen wir uns beschäftigen, Interesse entgegenbringen wird. Dem ist aber nicht so. So oft über diese Dinge gesprochen wird, habe ich den Eindruck, daß sich Herr Ussischkin ganz interesselos verhält. Zu seinen Anträgen und sonstigen Arbeiten haben wir lange geschwiegen oder ihnen zugestimmt, obwohl wir oft mit ihnen nicht einverstanden waren. Jetzt müssen wir aber dagegen auftreten. Solange ich auf dem Platze sein werde, werde ich meinen Standpunkt vertreten. Wenn ich sehe, daß fortwährend Sachen gemacht werden, die nicht in unser politisches Program in passen, so sage ich, wir sind im falschen Fahrwasser. Die Palästinakommission, die zur Erforschung Palästinas, aber nicht zur Gründung von geschäftlichen Unternehmungen eingesetzt ist, mengt sich in Sachen, die mit ihrem Zweck nicht vereinbar sind, und so sind wir immer weiter gekommen bis zum heutigen Stand. Wir haben ein Komitee gewählt, bei dem nicht alle Mitglieder die gleichen politischen Anschauungen vertreten. Wenn Ussischkin glaubt, es auf dem VIII. Kongresse so zu machen, wie er es auf dem VII. tat, so wird damit die Brandfackel des Kampfes in den Kongreß geworfen werden. Wir werden es nicht zulassen, daß Herzls politisches Ideal zerstört wird. Ich fürchte, wir werden auf dem VIII. Kongresse den Kampf um das politische Prinzip wieder aufnehmen müssen. Ich wiederhole: Entweder man ist Führer der Chowewe Zion oder Führer des politischen Zionismus. Vielleicht wird man Ussischkin, vor dem sich die russischen Herren und sogar ein Charakter, wie Dr. Tschlenow, beugen, auch auf dem Kongresse folgen, dann stehen wir vor einem großen Moment, und man hat uns zu diesem Kampfe gezwungen. Wenn der Kongreß ein stürmischer sein wird, dann hätten wir es Herrn Ussischkin und seiner Tätigkeit zu danken. Dr. Hantke: Die Palästinafrage ist die schwierigste Frage, die wir zu lösen haben. Wenn wir gerecht sein wollen, so müssen wir zugeben, daß man in Zukunft sich ganz klar darüber sein muß, wie man sich zu dieser Frage stellen soll. Vorderhand suchen wir noch eine Formel dafür, wie man unsere Tätigkeit in Palästina mit der „öffentlich-rechtlichen Sicherheit" in Einklang bringen kann. Ich würde es warm begrüßen, wenn diese Frage den VIII. Kongreß beherrschen würde. Ich bin aber fest überzeugt, daß, wenn auch verschiedene Ansichten auf dem Kongresse über unsere Palästinaarbeit sein werden, wir doch geeinigt nach Hause kommen werden. Ich bin durchaus gegen die Anträge Ussischkin-Warburg, weil uns, wenn wir solchen übertriebenen Forderungen zustimmen, der Nationalfonds aus den Händen entgleitet. Das Volk versteht aber unter dem Nationalfonds eine kompakte Masse, etwas Greifbares. Es will einen unantastbaren Fojids, der für jedermann sichtbar ist und der nicht aus Buchposten besteht. Dr. K atzen eis oh n: Ich kann die Erregung Marmoreks sehr wohl begreifen. Denn man will uns unsere große Idee in Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten auflösen. Aber Marmorek ist doch etwas zu weit gegangen. Denn der Antrag Ussischkin ist ganz ungefährlich, man kann ruhig dafür stimmen. Der Antrag soll dem A. C. übergeben werden, habeat sibi! Die Errichtung einer Agrarbank in der Türkei ist mit so großen Schwierigkeiten verbunden, daß der Plan für uns ohne weiteres undiskutierbar wird. Und außerdem gehören dazu Millionen, und die haben wir ja noch nicht. Der Antrag Warburgs ist allerdings viel ernster. Ich kenne ihn sehr wohl. Wir haben ihn in den Wäldern Kissingens oft debattiert. Und da hat Herr Prof. Warburg mir gesagt, daß er als Mitglied des A. C. sehr wohl dafür stimmen werde, ob er auch als Aufsichtsrat der Bank so stimmen könne, das wolle er bezweifeln. Hand aufs Herz! Haben wir das Recht dazu, den kleinen Leuten, denen wir eine Dividende versprochen haben, diese zunehmen, um dafür einen Agrarfonds zu bilden? Die Bank hat eine große Aufgabe, sie soll einmal das Instrument unserer Bewegung bilden. Haben wir da nicht dafür zu sorgen, daß sie kräftiger und rftächtiger wird? Wollen wir ihr jede Möglichkeit dazu nehmen, indem wir sie an Händen und Füßen binden? Wenn wir einmal Gelder der Bank für Kolonisation hergegeben haben, dann wird es nicht mehr aufhören. Zum Kolonisieren gehören eben andere Mittel, als die, die uns zur Verfügung stehen. Dr. Rosenbaum (Minsk): Sie vergessen ganz, daß Sie erst gestern eine Statutenänderung gemacht haben, wonach die nicht eingeforderten Dividenden künftighin nicht mehr der Bank zufallen. Damit wird also diese Sache ganz hinfällig. Ich ersuche Sie dringend, den Antrag Ussischkin abzulehnen. Wir gerieten mit seiner Annahme auf ein gefährliches Gebiet, das gar nicht geklärt ist. Der ganze Antrag ist überhaupt unklar. Wenn Ussischkin beantragt, daß die Sache dem E. A. C. überwiesen werden soll, so möchte, ich noch weiter gehen und beantragen, das E. A. C. soll sie Herrn Ussischkin überweisen. Noch weniger aber ist mir Warburgs Antrag sympathisch. Das heißt doch nichts anderes als aus dem Gelde des Nationalfonds Buchposten machen. Ein Wort an Sie, Herr Dr. Marmorek! Sie hatten absolut keinen Grund, so zu sprechen, wie Sie gesprochen haben. Wir waren früher politische Zionisten als Sie, es scheint fast, Sie kennen die Geschichte des Zionismus nicht. Den Vorwurf, daß wir uns von Ussischkin meistern lassen, muß ich zurückweisen. Wenn die Ansichten Ussischkins nicht richtig sind, wissen wir sie zurückzuweisen, darauf dürfen Sie sich verlassen. Aber Herr Ussischkin, das muß ich Ihnen sagen, Sie sind selbst daran schuld, wenn solche Auffassungen entstehen. Die Ausführungen Marmoreks waren nur das Echo Ihrer Anträge. Sie hätten sich vorher mit uns, mit Ihren russischen Kollegen, beraten sollen, dann wären diese Anträge wahrscheinlich nicht eingebracht worden. Darin besteht nicht die Gefahr, .daß die Anträge gestellt worden sind, aber daß sie von Ihnen gestellt worden sind, wo Sie doch wußten, welches Mißtrauen man Ihnen entgegenbringt. Levontin: Herr Scheinkin hat heute wiederholt deswegen interpelliert, daß die Anglo-Palestine-Company wohl ein gutes Bankinstitut, aber kein zionistisches sei und zu wenig für die Leute tue, die wirklich die Förderung durch die Bank benötigen. Ich will nur einiges mitteilen: Die Bank hat im Laufe der drei Jahre ihrer palästinensischen Tätigkeit für sich und andere 23 000 Dunam Land gekauft und 6000 Dunam Land sind wir im Begriffe zu kaufen. Mehr aber darf sie nicht kaufen, weil sie ihre Gelder nicht in zu großem Umfange in Land festlegen darf und weil auch noch keine Käufer da sind. Alle jüdischen industriellen Unternehmungen, die Sie in Palästina finden, die größten sowohl als die kleinsten, sind von der Bank irgendwie unterstützt worden, selbstverständlich nur die, die auf gesunder Basis beruhen und finanziell sicher sind. Es wurden nur die Gesuche derjenigen zurückgewiesen, die sich mit unserm Geld etablieren wollten. Das haben wir natürlich nicht machen können. Die Weinproduzenten in Pethach-Tikwah und in Rechowoth sind soweit unterstützt worden, daß sie imstande waren, eigene Kellereien zu bauen und ihren Wein selbständig zu verkaufen. Alle Kolonisten in Kastinie, Chederah, Artuff und Ekron haben zu sehr billigen Zinsen Darlehen von der Bank erhalten auf ihr Getreide bis zur Ernte, und dadurch haben wir sie aus den Händen der Wucherer befreit. Die größeren jüdischen Gutsbesitzer haben wir finanziell unterstützt und sie in den Stand gesetzt, ihre Besitzungen zu vergrößern, wir haben den jüdischen Export- und Importhandel nach Kräften gestützt und für die kleinen Händler Darlehensgenossenschaften gegründet, im Laufe der ersten sechs Monate dieses Jahres haben wir ca. 94 000 Francs in 886 Wechseln diskontiert. Sie ersehen daraus, daß wir vor allem mit den kleinen Leuten gearbeitet haben, und wir haben ihnen trotz der großen Arbeit, die wir damit hatten, nur geringe Zinsen berechnet. Wir haben gezeigt, daß man in Palästina sehr wohl arbeiten kann, indem man dem Lande nützt und dabei auch selbst Vorteile erzielt. Die praktische Arbeit in Palästina ist nur eine Geschäftsfrage. Wenn man Arbeiten vorschlägt, die eine gute geschäftliche Grundlage haben, sollen wir sie akzeptieren. Aber' arbeiten, nur um zu arbeiten, das wird unbedingt zu Mißerfolgen führen. Moser: Ich freue mich, hier eine Absicht des Herrn Dr. Hantke gehört zu haben, die ich als beruhigend bezeichnen, möchte. Ich schließe mich dieser Ansicht voll und ganz an. Der Plan einer Agrarbank ist sicher erwägungswert, aber die Sache ist noch sehr wenig geklärt, insbesondere nicht nach der Richtung, ob überhaupt unter den herrschenden Gesetzen ein derartiges Unternehmen möglich ist. Redner wendet sich des weiteren gegen Ausführungen Levontins in Sachen der palästinensischen Arbeitsverhältnisse. Weizmann: Ich bin sehr froh, daß wir die Palästinafrage noch besprechen können. Denn es herrscht eine solche Unklarheit, daß eine Aussprache unbedingt erforderlich ist. Ich habe ja teilweise diese Debatte provoziert, und ich freue mich, daß Herr Dr. Marmorek eine klare Antwort gegeben hat. Denn bis jetzt herrschte bei uns die Methode, schwierige Fragen gar nicht anzu-

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